Aus dem Jury-Raum zurück auf das Wasser: Das Ocean Race Europe hat wieder Fahrt aufgenommen und mit dem Start vor Cartagena in Spanien einen verheißungsvollen Auftakt für das Teilstück nach Nizza in Frankreich hingelegt.
650 Seemeilen liegen vor den sieben Teams, und die ersten 14 davon hatten es schon mal in sich – mit Luv- und Wendeduellen sowie kniffligen taktischen Entscheidungen. Denn mit dem Amwind-Start in Richtung Cabo de Palos, östlich von Cartagena, musste die Frage geklärt werden: Dicht unter Land mit vielen Wenden, wechselnden Winden, aber flacherem Wasser? Oder hinaus auf See mit beständigerer Brise, langen Schlägen, aber mehr Seegang?
Die Antwort nach dem Wertungsgate steht fest: Der Kurs der Wahl war der unter Land! Und erneut war es Paul Meilhat mit Biotherm, der zeigte, wie es richtig geht. Der Franzose, auf der Startkreuz im ständigen Austauch mit Stratege Sam Goodchild, machte erneut maximale Beute. Er erhöhte sein Konto nun auf 27 Punkte. Paprec Arkéa gewann noch einen Punkt, wie das Scoreboard zeigt.
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Als einziges Team wagte die Malizia mit Boris Herrmann, der für Will Harris an Bord zurückkehrte, den Schlag weit hinaus auf See. Doch der Mut des Hamburgers wurde nicht belohnt. Als es am Gate zum Crossing mit den anderen Yachten kam, waren vier Konkurrenten bereits durchgeschlüpft und positionierten sich vor der Malizia. Hier geht es zum Tracker.
Enge Duelle zum Start
Aber die Abstände waren eng – so wie der gesamte Auftakt der Etappe enge Duelle lieferte. Als einzige Yacht wählte Paprec Arkéa einen Start auf Backbord-Bug, passierte entlang der Linie die gesamte Flotte. Hier war Yann Eliès für Team-Chef Yoann Richomme an Bord gekommen.
Biotherm zog knapp am Heck der Paprec Arkéa vorbei, nutzte den freien Wind und nahm schnell Geschwindigkeit auf. In Lee des dominierenden Teams war es Holcim PRB, das auf Kurs Attacke segelte. Mit spitzem Amwind-Winkel und viel Tempo klemmte Franck Cammas am Ruder zunächst Team Canada ab und setzte sich dann vor die Malizia.
Holcim PRB segelte mit dem Messer zwischen den Zähnen und setzt hier vor Malizia. © Vincent Curutchet
Und hinter der Biotherm kamen sich Team Amaala und Allagrande Mapei beängstigend nahe. Die Schweizer um Alan Roura ließen Ambrogio Beccaria auf der Mapei kaum Platz zum Luftholen und lieferten einen Luv-Kampf, bis Beccaria rausnahm, abfiel und mit einem Lee-Durchbruch wieder Speed aufnahm.
Derweil blieb Paprec Arkéa unter Land hängen, musste sich erst einmal im hinteren Bereich des Feldes einreihen und sich wieder nach vorn kämpfen. Malizia bog auf den südlichen Kurs ab, und Biotherm setzte im leicht drehenden Wind unter Land die Wenden perfekt, um viel Höhe und damit kurze Wege zu generieren.
Meilhat will das Momentum nutzen
Paul Meilhat, der in den beiden bisherigen Etappen mit drei vollen Wertungen und zwei Sprintwertungen ein makelloses Ergebnis erzielte, ist mit voller Konzentration in die dritte Etappe gegangen. Mit Benjamin Ferré für Jack Boutell hat er nur einen behutsamen Wechsel im Team vorgenommen.
„Wir wollen den Schwung und die Konzentration beibehalten, deshalb war es wichtig, nicht zu viel zu verändern“, erklärte Meilhat. „Benjamin hat uns während eines Teils unseres Trainings in Lorient begleitet und war während des gesamten Zwischenstopps hier und hat an den Wetterbesprechungen teilgenommen. Wir haben die Hälfte des Rennens gesegelt, und ich denke, wir brauchen etwas Erfrischung – neue Energie. Benjamin wird das mitbringen.“
Der Biotherm gelang es, sich aus dem Starttrubel herauszuhalten. © Vincent Curutchet
Und auf dem Abschnitt bis nach Nizza erwartet Meilhat noch viele Veränderungen: „Die ersten 20 Stunden scheinen klar. Aber dann zieht ein Tiefdruckgebiet herein.“ Wechselnde Bedingungen mit teils starken Winden werden die Crews in Atem halten. Am Freitag werden die Yachten in Nizza erwartet.
Obwohl Biotherm seinen Vorsprung weiter ausgebaut hat, herrscht unter den Seglern Einigkeit: Noch ist nichts entschieden. „Mehr als die Hälfte der Punkte ist noch zu vergeben. Es ist viel zu früh, um an die Verteidigung unserer Führung zu denken“, sagte Biotherm-Stratege Sam Goodchild.
Biotherms Verfolger haben noch Hoffnung
Die Konkurrenz teilt diese Ansicht. „Ein Monat Rennen und drei Etappen liegen noch vor uns – bis zum Ziel ist es noch ein weiter Weg“, sagte Yoann Richomme, der auf der Paprec Arkéa erst einmal eine Pause einlegt. „Es gibt noch viele Punkte zu holen“, ergänzte Franck Cammas und machte damit seinem Team Holcim-PRB Mut.
Die Routenführung auf dieser ersten Mittelmeer-Etappe erklärte Corentin Horeau, Skipper der Paprec Arkéa für dieser Etappe: „Wir umrunden die Balearen an Steuerbord, nehmen dann Kurs auf Korsika, passieren nördlich von Giraglia und steuern Nizza an.“ Der Wind wird durch die Fronten nicht nur bei der Stärke, sondern auch in der Richtung starke Wechsel zeigen.
Boris Herrmann freut sich auf die Ankunft in Nizza. © Marie Lefloch / Team Malizia
So sind sowohl Amwind- als auch Vormwind-Passagen zu erwarten. Gerade der letzte Abschnitt nach Nizza bleibt ungewiss. Und wie viel im westlichen Mittelmeer herauszuholen ist, davon kann sowohl das Offshore Team Germany (OTG) als auch Malizia berichten.
Boris Herrmann freut sich auf Nizza
Das OTG sicherte sich vor vier Jahren mit dem Überraschungserfolg in diesem Revier den Gesamtsieg bei der Premiere des Ocean Race Europe, und Malizia gewann vor zwei Jahren die Schlussetappe des Weltrennens bis nach Genua. Und die Freude ist groß bei Boris Herrmann vor der Ankunft in Nizza.
„Die Rückkehr nach Nizza fühlt sich ein bisschen wie nach Hause kommen an“, erklärte Boris Herrmann. „Wir waren Anfang des Jahres zur UNOC3-Konferenz der Vereinten Nationen und zur Taufe unseres Forschungsschiffs Malizia Explorer dort. Sobald wir die Küste sehen, wird dieses Gefühl der Vertrautheit zurückkehren. Die Gewässer um Nizza liegen so nah an Monaco, dass es sich für uns wie Heimat anfühlt.“