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Strukturelle Defizite brachten Moskaus Armee in den ersten Kriegsmonaten zu Fall. Ein neuer Report dokumentiert die Anfälligkeit von Putins System.

Moskau – Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj und westliche Staatschefs fordern direkte Friedensgespräche mit Kremlchef Wladimir Putin – bislang ohne Reaktion aus Moskau. Indes gehen die russischen Angriffe weiter: In der Nacht auf Donnerstag (28. August) flog Russland einen der bislang heftigsten Luftangriffe auf die Ukraine – der zweitstärkste seit Kriegsbeginn. Mindestens 14 Menschen starben, darunter drei Kinder. Militärisch hat Russland allerdings weiterhin Schwachstellen, wie eine Analyse der US-Denkfabrik Saratoga Foundation ergab.

Ein neuer Bericht zeigt: Russlands Militär ist zu Beginn des Ukraine-Krieges nicht zufällig gescheitert – sondern strukturell verwundbar und unflexibel.Ein zerstörter Panzer im Ukraine-Krieg. Ein neuer Bericht zeigt: Russlands Militär ist zu Beginn des Ukraine-Krieges nicht zufällig gescheitert – sondern strukturell verwundbar und unflexibel. © 
IMAGO / YAY Images

Zu Beginn des Ukraine-Kriegs machte Moskaus Armee zahlreiche taktische Fehler. In Erinnerung blieb etwa die Panzerkolonne, die auf Kiew zurollte und nach ukrainischen Angriffen nicht mehr vor oder zurückkonnte. Damals machten Experten neben Problemen in der Kommunikation und Militärführung auch technische Pannen, altes Material sowie Treibstoffknappheit dafür verantwortlich. Russlands Kollaps war strukturell, nicht nur taktisch, ergab die am Montag (25. August) veröffentlichte Analyse der Saratoga Foundation. Einer der Gründe: Der Kreml versuchte die Invasion als „Militäroperation“, nicht als Krieg darzustellen.

Schwache Logistik blockiert Offensive: Nachschubprobleme legten ganze Operationen lahm

Diese Entscheidung Putins habe eine breit angelegte Mobilisierung verhindert – dabei wäre sie für einen langen Krieg nötig gewesen. Zudem habe es an abgestimmtem Vorgehen und Durchhaltevermögen gefehlt. Moskau rechnete mit einem schnellen Sieg. Doch schlechte Geheimdienstinformationen, zentralistische Entscheidungswege, mangelhafte Logistik und unkoordinierte Truppen verhinderten eine flexible Reaktion, so der Bericht weiter. Die Bataillonsgruppen waren unterbesetzt, die Luftwaffe konnte die ukrainische Abwehr nicht ausschalten und Ausfälle einzelner Einheiten legten oft ganze Operationen lahm.

Die Ukraine hingegen nutze laut der US-Denkfabrik dezentrale Einsatzführung, schnelle Entscheidungszyklen, verschiedene Aufklärungsquellen und -technologien und mobilisierte die gesamte Gesellschaft. Zivilisten konnten russische Truppenbewegungen beispielsweise ganz einfach per App melden. „Ihre Widerstandsfähigkeit verwandelte den geplanten Blitzkrieg Russlands in einen stockenden, bruchstückhaften Vorstoß“, so die Analyse weiter. Rohe Gewalt reicht den Experten zufolge in der modernen Kriegsführung nicht aus.

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Mittlerweile ist Moskau auf einen langen Krieg eingestellt, die Wirtschaft läuft im Kriegsmodus. Experten der Denkfabrik Center for Strategic and International Studies (CSIS) gehen davon aus, dass Putin seinen Krieg bei der aktuellen Abnutzungsrate noch bis mindestens 2027 weiterführen kann. Trotzdem hält die Saratoga Foundation Russland für „grundsätzlich verwundbar“, solange es die strukturellen Grundlagen seines Militärsystems nicht reformiere. „Der Erfolg hängt von Agilität, Kohärenz und Widerstandsfähigkeit ab – genau von den Eigenschaften, die dem russischen System fehlen.“

Die Anfangsphase des Krieges habe gezeigt, wie „geschlossene, starre und ideologisch abgeschottete Militärarchitekturen unter dem Druck dynamischer und vernetzter Widerstandsformen zerbrechen können.“ Die erfolgreiche Nutzung asymmetrischer Mittel durch die Ukraine sei kein Zufall gewesen, „sondern systemisch bedingt – ebenso war Russlands frühes militärisches Scheitern keine Ausnahme, sondern unter den selbst geschaffenen Bedingungen unvermeidbar.“ Auf diplomatischem Wege jedenfalls ist derzeit keine Einigung in Sicht: „Russland entscheidet sich für Raketen anstelle des Verhandlungstischs“, kritisierte Selenskyj unlängst.