Als Elternteil ist man vor und am Tag der Einschulung meist aufgeregter als die Kinder selbst. Die Trennung von der Kita schmerzt auch uns, es startet ein ganz neuer Lebensabschnitt. Wir alle möchten unserem Nachwuchs den besten Start ermöglichen.
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Die wichtigste Nachricht gleich zu Beginn: „Kinder sind unglaublich robust und können viel mehr wegstecken, als man ihnen zutraut“, sagt Professorin Ricarda Steinmayr, die an der TU Dortmund im Bereich pädagogische Psychologie forscht und lehrt. Die alten Freunde aus der Kita? Schnell vergessen. Die neuen Abläufe und Strukturen? Blitzschnell verinnerlicht.
Eingewöhnung in Schule meist problemlos für Kinder
Das berichtet auch Jutta Portugall, die seit vielen Jahren Grundschullehrerin (und auch Rektorin) in Dortmund ist. Das Thema Freunde sei eine der größten Sorgen der Eltern. „Am besten sollen zehn Kinder aus einer Kita-Gruppe zusammen in die Klasse“, sagt die 64-Jährige. Doch das sei überbewertet. Ein, zwei bekannte Gesichter würden vollkommen reichen. „Kinder finden unglaublich schnell neue Freundinnen und Freunde. Das ist ihnen einfach gegeben.“
Jutta Portugall, Leiterin der Lieberfeld-Grundschule in Dortmund und Sprecherin der Dortmunder Grundschulen.
© Funke Medien NRW | Stephanie Heske
Gleiches gelte für die Eingewöhnung in der neuen Umgebung. Aus ihrer Erfahrung sei das Loslösen von der Kita für die Kinder kein Problem – obwohl unglaublich viel Neues auf sie einprasselt: andere Kinder, Bezugspersonen, Abläufe und Rituale. So müssen viele i-Dötzchen ja nicht nur in der Klasse und mit der Klassenlehrerin zurechtkommen, sondern auch mit den OGS-Betreuern und der im Nachmittagsbereich neu zusammengesetzten Gruppe Gleichaltriger.
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Neugier und Freude statt ‚Ernst des Lebens‘
„Ich finde das so überraschend und ein Phänomen“, kommt die erfahrene Pädagogin fast ins Schwärmen. Denn die allermeisten Kinder hätten mit diesen Herausforderungen keine Probleme. Im Gegenteil. „Sie sind neugierig auf das, was kommt. Kinder wollen ja lernen und freuen sich auf die Schule.“ Als Eltern solle man genau das betonen und fördern. „Bitte nicht vom ‚Ernst des Lebens‘ reden, der jetzt beginnt.“ Stattdessen vermitteln, dass Schule etwas Freudiges ist, ein weiterer Schritt beim immer größer und selbständiger werden.
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Und überhaupt: Wer sein Kind in der Zeit vor der Einschulung in einer Kita hat betreuen lassen, hat schon vieles richtig gemacht. Denn solche Kinder seien in der Regel gut vorbereitet, sagt Portugall, die die Lieberfeld-Grundschule in Wellinghofen leitet. „Und im Prinzip müssen die Kinder ja bei der Einschulung auch nichts wissen.“ Problematischer sei es bei den Kindern, die zuvor nicht in einer Betreuung waren. „Und das werden immer mehr“, so Portugall.
Eltern begleiten Kinder bis ins Klassenzimmer
Hier fehle es dann vor allem an sozialen Kompetenzen, die Kinder haben Probleme, sich in die Gruppe einzufügen. „Wenn man davor nicht gelernt hat, dass man eben nicht der Nabel der Welt ist und immer der Erste sein kann, ist das schwierig“, so die 64-Jährige. Denn als Lehrkraft könne man eben nicht 27 Kindern gleichzeitig gerecht werden.
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„Dann müssen die Kinder erstmal lernen, zu warten. Und lernen, dass sie dann aber auch eine Antwort bekommen.“ Gleichzeitig haben immer mehr i-Dötzchen Probleme damit, sich von ihren Eltern zu lösen. „Wir haben Schülerinnen und Schüler, die werden noch lange bis ins Klassenzimmer begleitet, teilweise bleiben die Eltern auch noch während des Unterrichts da.“ Dieses Phänomen nehme zu.
Soziale Fähigkeiten erleichtern den Schulstart
Ohnehin ist die soziale und emotionale Kompetenz der Kleinen ein sehr wichtiger Faktor für den erfolgreichen Start in die Schule, betont auch Wissenschaftlerin Steinmayr. Kann ich teilen? Anderen helfen? Kann ich die Wünsche anderer berücksichtigen? Kann ich nach Hilfe fragen und diese auch annehmen? Kann ich Konflikte lösen, ohne handgreiflich zu werden?
Ricarda Steinmayr ist Professorin an der TU Dortmund und leitet den Lehrbereich für Pädagogische und Differentielle Psychologie.
© Asbach | DOMINIK ASBACH
All diese Fragen tragen schlussendlich dazu bei, wie schnell ein Kind im sozialen Gefüge der neuen Klasse seinen Platz findet. „Wer diese Kompetenzen besitzt, kommt besser in einer Gruppe zurecht“, so die 50-Jährige.
Individuelles Lerntempo jedes Kindes respektieren
In der Schule vergleichen die Kinder sich auch viel stärker mit anderen, als sie das zuvor getan haben. Das sei wichtig für Entwicklung, so Steinmayr. Entscheidend dafür ist aber die Fähigkeit, mit Misserfolgen umgehen zu können. „Studien zeigen, dass die i-Dötzchen super motiviert und auch sehr überzeugt von sich selbst in die Schule starten“, so die Forscherin. Dann müssen sie ihr Selbstbild mit der Realität abgleichen, müssen akzeptieren, wenn andere besser sind. „Mensch ärgere dich nicht“ – aber auch andere Gesellschaftsspiele – seien dafür die perfekte Vorbereitung. „Da lernt man, dass man nicht immer gewinnen kann.“
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Und wenn es so gar nicht klappen will mit dem Lernen? Bloß keinen Druck machen, raten sowohl die erfahrene Lehrerin als auch die Wissenschaftlerin. Jedes Kind habe schließlich sein eigenes Tempo und seine eigene Art, sich Dinge anzueignen. Dafür das Kind in anderen Bereichen stärken. „Was wir noch nicht gefunden haben, ist ein Kind, das nicht lernt“, beruhigt Portugall.