Reportage

Stand: 29.08.2025 12:10 Uhr

Russland greift die Ukraine verstärkt an – trotz der diplomatischen Bemühungen um eine Waffenruhe. In Kiew stehen Menschen vor den Trümmern ihrer Existenz. An eine schnelle Friedenslösung glaubt hier kaum jemand.

Eine junge Frau Anfang 30 weint und betet. Sie lässt das Haus, von dem sie keine hundert Meter entfernt steht, nicht aus den Augen. „Sie sagen nichts, sie sagen uns einfach nichts. Dort unten ist mein Bruder, seit dem Morgen warten wir hier.“ Das Fenster ganz oben in dem Haus gehörte zu ihrer Wohnung, die von einer russischen Rakete zerstört wurde – wie auch die drei Etagen darunter.

Bei dem schweren russischen Luftangriff auf Kiew wurden nach Behördenangaben mindestens 23 Menschen getötet. Seit Wochen greift Russland wieder verstärkt an, auch in der vergangenen Nacht gab es wieder Tote.

Das Bangen geht weiter

Stunden später hat schweres Räumgerät die oberen Stockwerke abgetragen. Es wird eine Leiche geborgen – es ist nicht der Bruder der jungen Frau. Das Bangen geht weiter. Die Männer in den roten Anzügen des Staatlichen Dienstes für Notfallsituationen suchen ohne Unterlass.

Die Kommunikationschefin Switlana Wodolaha antwortet den Anwohnern: „Wir räumen die Trümmer weg. Solange wir nicht bis in den Keller alles vollständig freigeräumt haben, werden wir diesen Ort nicht verlassen.“ Die Rettungskräfte setzten alle Mittel ein, um die Folgen dieser Tragödie so schnell wie möglich zu beseitigen, sagt Wodolaha. „Wir helfen den Menschen, in ihre Wohnungen zu gelangen, um einige persönliche Dinge zu holen, denn einige Eingänge sind höchstwahrscheinlich sehr unsicher.“

„Ich glaube nicht an ein baldiges Kriegsende“

Als der nächste Luftalarm am Nachmittag losgeht, machen sich viele Sorgen, dass die Ukraine wieder vor einer Serie schlimmer russischer Attacken wie im Juli steht. Auf die Frage, ob er an ein Kriegsende durch Verhandlungen glaubt, antwortet Dmytro Tschulko, ein junger Mann aus Kramatorsk: „Wenn Verhandlungen wirklich mit einem Ziel geführt werden, machen sie natürlich Sinn. Aber wenn es nur darum geht, auf Zeit zu spielen, sind sie sinnlos.“

Er sei noch immer voller Hoffnung, dass es zu Gesprächen kommt, sagt Tschulko. „Die Geschichte zeigt, dass alle Kriege so oder so mit Verhandlungen enden, mal gerecht für beide Seiten, mal nur gut für eine. Aber ehrlich, ich glaube nicht an ein baldiges Kriegsende. Zumindest nicht in nächster Zeit. Wie lange ist Trump noch Präsident? Drei Jahre?“

Von Putin nur hohle Worte

Die vielen Toten, Verletzten und Vermissten haben Wladimir Putins Friedenswillen einmal mehr als hohle Worte entlarvt und setzen den Krieg in Europa ganz nach oben auf die Tagesordnung der EU-Außen- und Verteidigungsminister. Dabei geht es wohl auch um die Frage neuer Sanktionen gegen Russland und um die Abwehrkraft Europas.

Die zweifache Großmutter Lidia, deren Enkelinnen in Deutschland leben, appelliert an die Politik, eine wirkliche Lösung zu finden: „Sie sind dazu verpflichtet, schließlich sind sie Leute, von denen so viel abhängt. Daran muss man sie offensichtlich mal erinnern. Sie haben doch diese Verantwortung, aber irgendwie scheinen diese Diplomaten das immerzu zu vergessen. Nur, wie redet man, wenn man das Opfer ist, mit dem Aggressor? Ich weiß es nicht.“

Wer den Krieg nur einfrieren wolle, müsse wissen, dass alles was eingefroren war, auch wieder auftauen könne, deswegen müsse ein dauerhafter Frieden her, ist Lidia überzeugt.

Sabine Adler, ARD Kiew, tagesschau, 29.08.2025 09:30 Uhr