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Pokrowsk wird zum Sinnbild des ukrainischen Widerstands – und dem Unvermögen Russlands, ein Volk zu unterjochen. Die Stadt wird seit Wochen totgesagt.

Pokrowsk – „Sie haben nicht aufgehört, vorzurücken, aber wir haben sie gut zurückgeschlagen“, sagt „Vokak“ – die Nachrichtenagentur Reuters zitiert den Artilleristen, der im Ukraine-Krieg an der Pokrowsk-Front kämpft. Verschiedene Medien spekulieren jetzt, dass Wladimir Putins Invasionstruppen dort auf bis zu 100.000 Kräfte aufgestockt worden seien. Das nährt den Verdacht, dort könnte Russland nicht nur seine Sommeroffensive gestartet haben, sondern auch zum endgültigen militärischen Zusammenbruch der Ukraine angetreten sein.

Putins befiehlt Welle auf Welle auf Pokrowsk: „Konnten jedoch keine bestätigten Vorstöße verzeichnen“

Die Meldungen aus der Region sind schwer zu deuten. Im Juli hatte Reuters berichtet, die russischen Truppen beschleunigten ihre Fortschritte, „nachdem Russland im Mai die Kontrolle über eine Autobahn übernahm, die Pokrowsk mit Kostjantyniwka verbindet, einer weiteren ‚Festungsstadt‘ der Ukraine im Osten“, so die Nachrichtenagentur aufgrund von Kartenmaterial der Open Source-Analysten von DeepStateMap. Dass die russische Armee nördlich von Pokrowsk durchbreche, hatte Mitte August der polnische Thinktank Centre for Eastern Studies berichtet. Einer der letzten Frontberichte aus dieser Region stammt vom US Thinktank Institute for the Studies of War (ISW). Demnach hätten die russischen Streitkräfte ihre Offensivbemühungen bis zum 26. August fortgesetzt, „konnten jedoch keine bestätigten Vorstöße verzeichnen“, so die aktuelle Zusammenfassung.

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Die aber eher nach dem Gegenteil klingt. Einhellig berichtet wird jedoch von bis zu 100.000 Kräften an diesem Teil der Front. Pokrowsk wird seit Monaten totgesagt, allerdings könnte sich das Blatt scheinbar jederzeit wenden. Beinahe täglich. Die Metropole ist ein entscheidendes Logistikzentrum für die ukrainischen Truppen aufgrund ihrer Bahnanbindung und der Kreuzung mehrerer wichtiger Straßen. Die Hoheit über diese Stadt ist vielleicht weniger kriegsentscheidend, als dass sie auch einen eminenten moralischen Einfluss auf beide Seiten ausüben kann. Russland hätte einen bedeutenden Schritt nach vorn gemacht, die Ukraine hätte trotz hartnäckiger Bemühungen eine weitere Bastion verloren geben müssen. Insofern ist auch die propagandistische Hoheit über die Stadt schon viel wert.

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Eine ukrainische Einheit habe behauptet, Pokrowsk sei von russischen Saboteuren befreit worden, hatte Mitte August der Kiyv Independent berichtet aufgrund der Aussagen des 7. Korps der ukrainischen Luftlandetruppen. Denen zufolge seien ukrainische Einheiten in der Stadt im Einsatz und hätten dafür gesorgt, dass sich Zivilisten innerhalb der Stadt frei bewegen könnten und lediglich der „Reiseverkehr innerhalb von Pokrowsk weiterhin stark eingeschränkt sei“, so der Kiyv Independent wörtlich. Sprecher des Korps hätten betont, dass die vor dem Krieg 60.000 Einwohner zählende Metropole für Zivilisten auch noch erreichbar sei. Offenbar sei demnach von einer Einkesselung noch keine Rede.

Ein Soldat raucht und trinkt Kaffee während einer Kampfpause in seinem Unterstand bei PokrowskGefechtspause in Pokrowsk: Ein Soldat einer Artillerieeinheit der 152. Separaten Jägerbrigade der Ukraine, die eine selbstfahrende Haubitze 2S1 Gvozdika bedient, raucht eine Zigarette und trinkt aus einem Metallbecher während einer Kampfmission in Richtung Pokrowsk. Russland drückt dort nach wie vor, ohne entscheidend weiter zu kommen. © IMAGO/Smoliyenko Dmytro/Ukrinform/ABACA

„Ein taktischer Einbruch kann sich schnell zu einem operativen Durchbruch entwickeln“, hat kürzlich Ex-Nato-General Erhard Bühler gegenüber dem Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) bestätigt. Laut den aktuellen Meldungen des ISW scheint Russland aber gerade dazu außerstande zu sein und sich quasi in einem äußeren Ring um die Metropole festgefahren zu haben. Das ISW macht das an der Kritik eines Militärbloggers und vermeintlich früheren Ausbilders der russischen Truppen fest; der habe behauptet, „der russische Vorstoß bei Dobropillya sei erfolglos gewesen, weil er im Verhältnis zu seiner Tiefe zu wenig in die Breite gegangen sei“. Dobropillya liegt rund 30 Kilometer im Norden Pokrowsks, und Russland war offenbar unfähig, unterstützende Truppen heranzuziehen, um eigene Angriffe abzuschließen oder Gegenangriffe der Ukraine zu verhindern.

Das russische Vorgehen sei zu sehr konzentriert gewesen, um Erfolge zu zeigen, so das ISW in seiner Zusammenfassung: „Der Militärblogger räumte ein, dass ukrainische Streitkräfte einen Gegenangriff auf die Nordflanke des Vorstoßes starten und den Hauptteil des Vorstoßes ‚im Großen und Ganzen abgeriegelt‘ hätten.“