Der VfL Osnabrück hat am Mittwochabend im sechsten Saisonspiel den neunten Punkt der Saison eingefahren. Während sich an anderen Standorten in der 3. Liga Fans und Verantwortliche noch fragen, wohin sich ihre Mannschaften entwickeln, ist die Lage bei den Lila-Weißen relativ klar. Beim 1:1 gegen Rot-Weiss Essen vor der stimmungsvollen Kulisse an der Hafenstraße zeigten sich vier Kernmerkmale des neuen VfL-Teams, die sich in den letzten Wochen seit dem Saisonstart verfestigt haben.
Der VfL ist defensiv gut sortiert
496 Pflichtspielminuten (ohne Nachspielzeiten) war der VfL ohne Gegentor geblieben. Seit der 1:3-Niederlage in München am 2. Spieltag hielten die Osnabrücker komplett dicht – bis Essens Tom Moustier den Ball kurz nach der Osnabrücker Führung durch Lars Kehls Elfmeter nach einer Ecke durch drei VfLer hindurch über die Linie stocherte. Ein bitteres Gegentor, weil es eher durch Zufall als durch Fehler entstand und eben nur zwei Minuten nach dem nicht unverdienten 1:0 fiel.
Über den Gegentreffer hinaus ließ der VfL aber erneut relativ wenig Chancen gegen offensivstarke Gastgeber zu. RWE trifft in dieser Saison im Schnitt zweimal pro Spiel, viel mehr als zwei ordentliche Möglichkeiten für Stoßstürmer Jannik Mause und den Last-Second-Kopfball von Torben Müsel sprang gegen die stabile VfL-Defensive aber nicht heraus. Vor allem Robin Fabinski, aber auch Jannik Müller und Yigit Karademir leisteten abermals solide Arbeit in der Dreierkette.
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Dazu sorgte das aggressive und hohe Pressing für viele Ballgewinne im Mittelfeld. Der VfL wehrte sich an der Hafenstraße und schaffte es so, Essen nach starkem Start in beiden Halbzeiten den Schwung zu nehmen. Weil sich all das schon seit Wochen zieht, ist es kein Wunder, dass der VfL nach sechs Spieltagen mit nur vier Gegentoren die zweitbeste Defensive der Liga stellt. Nicht umsonst sprach Essens Coach Uwe Koschinat, vor einem Jahr noch VfL-Trainer, von einem „perfekt organisierten Gegner“.
Der VfL hat spielerischen Anspruch
In der vergangenen Rückserie vermied der VfL erfolgreich den drohenden Abstieg in die Regionalliga – und war dabei vor allem auf Sicherheit bedacht, trat dabei auch mal rein zerstörerisch auf. Das ist in dieser Saison anders. Trainer Timo Schultz hat seiner Mannschaft einen ausgewogenen Spielstil verordnet. Manchmal ließ der VfL auch in Essen den Ball ganz ruhig in der hintersten Kette zirkulieren, um den Gegner zu locken und Räume in der Spitze zu öffnen. Lange Bälle sind gerade in diesem Szenario nicht verboten, das häufiger genutzte Mittel sind aber kurze Pässe.
Zahlen und Fakten zum Spiel.
Foto: NOZ/Hente
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Der VfL will unter Schultz nicht nur zerstören, nicht nur Risiko vermeiden – sondern er will gestalten und spielerische Akzente setzen. Ein Ansatz, der auch zum vorhandenen Personal passt: Robin Meißner als Sturmspitze zum Beispiel ist ein Allrounder: Der 25-Jährige kann seinen Körper einsetzen und Bälle abschirmen, aber sich auch im Kombinationsspiel beteiligen und in die Tiefe gehen. Die zentralen Mittelfeldspieler – in Essen Bjarke Jacobsen und Bryan Henning, der ab der 60. Minute von Fridolin Wagner ersetzt wurde – haben Stärken im Zweikampf, sind aber im Passspiel alle mindestens solide. Wagner zeigte in einer starken halben Stunde an der Hafenstraße dabei durchaus Spielmacherqualitäten.
Dem VfL fehlt (noch) Durchschlagskraft
In Essen kamen die Osnabrücker deutlich besser als zuletzt über die beiden Flügelspieler Frederick Christensen und Patrick Kammerbauer zu Durchbrüchen. Oft wurden die guten Angriffe über den stark verbesserten Kehl initiiert. Das Problem aber: In den meisten Fällen fehlte es den Hereingaben an Genauigkeit, gelegentlich auch an den Abläufen, was das Freilaufen im Strafraum angeht, und in ein, zwei Fällen auch an der letzten Konzentration bei der finalen Aktion.
Kam in Essen zwar zu Torschüssen, braucht aber noch mehr Unterstützung: VfL-Stürmer Robin Meißner.
Foto: Michael Titgemeyer
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Generell – so ist es im 3-4-2-1-System von Schultz auch angelegt – ist Mittelstürmer Meißner der einzige, der konstant im vorderen Bereich agiert. Der Sommerneuzugang kam in Essen auch zu fünf Torschüssen, selten hatte er aber wirklich freie und aussichtsreiche Gelegenheiten zum Abschluss. Im Spiel nach vorn hat der VfL bei RWE im Vergleich zum 0:0 gegen Rostock einen kleinen Schritt nach vorn gemacht, noch fehlt es aber weiter an Durchschlagskraft, um ordentlich sortierte Gegner spielerisch zu besiegen. Das bislang einzige aus dem eigenen Ballbesitz heraus erspielte Tor der Saison erzielten die Osnabrücker beim 1:3 in München. Hier ist weiterhin viel Luft nach oben – und trotzdem konnte der VfL auch in dieser Disziplin gegen den Aufstiegskandidaten RWE mithalten.
Der VfL ist fit
Die Schlussphase der Partie an der Hafenstraße war atmosphärisch geprägt von einem medizischen Notfall im Essener Fanblock, der sich letztlich als nicht dramatisch herausstellte. Auf den Rängen wurde es zwar still, das Spiel öffnete sich in den Schlussminuten dennoch. Und der VfL erwies sich in den letzten 15 Minuten als das fittere, temporeichere Team, wie Trainer Schultz, aber auch die Spieler selbst zufrieden feststellten. Torschütze Kehl etwa sagte: „Wäre es ein paar Minuten länger gegangen, hätten wir es, glaube ich, auch noch gezogen. In der Schlussphase sieht man in jedem Spiel, dass wir fitter sind als die anderen.“
In der Mitte der englischen Woche rotierte Schultz klug, brachte Henning für Wagner, Christensen für Schumacher und Pröger für Badjie – alles, ohne wirklich spürbaren Qualitätsverlust. Auf vielen Positionen ist der VfL breit und mit unterschiedlichen Profilen aufgestellt. Und er kann eben marschieren. Auch deshalb waren mit dem Unentschieden am Mittwochabend nicht alle in Lila-Weiß hundertprozentig zufrieden. Und so steht das Ziel für den Abschluss der Drei-Spiele-Woche fest: Drei Punkte am Samstag (14 Uhr) im Heimspiel gegen den bislang strauchelnden FC Erzgebirge Aue.