Ein Mann aus Castrop-Rauxel wird beim SunsetPicknick in Herten brutal geschlagen. Der Angreifer „hat in einer Sekunde unser Leben zerstört“, sagt seine Frau.

Wenn Robin L. aus Castrop-Rauxel an den 6. September zurückdenkt, schießen ihm die Tränen in die Augen. „Entschuldigung“, sagt er – und wischt mit einem Taschentuch über sein blutunterlaufenes Auge. „Ich kann doch jetzt nicht ständig vor unserem Sohn heulen.“ Was ihm an jenem Samstag beim SunsetPicknick auf der Halde Hoheward in Herten widerfahren ist, macht ihn fast 14 Tage später noch immer fassungslos. „Wenn ich einen angerempelt, einem das Bier aus der Hand gehauen oder es eine Rangelei gegeben hätte …“, sagt er. „Das würde solch eine Tat zwar nicht rechtfertigen – aber ich würde mir sagen: Pech, du hast eben große Backen gehabt.“ Doch der Angriff sei vollkommen grundlos und ohne Vorwarnung erfolgt.

Am 6. September machen sich Robin und Verena L. (Namen von der Redaktion geändert) einen schönen Tag beim SunsetPicknick. „Wir hatten Spaß, haben uns jung gefühlt“, berichtet Robin. Doch als beide gegen 21.30 Uhr von der Toilette in Richtung Bühne laufen, wird aus dem Spaß bitterer Ernst: „Ich war etwa zwei Schritte hinter meinem Mann, als jemand plötzlich Bier oder Wasser verspritzt hat“, erinnert sich Verena. „Ich wollte ihn noch vor der Dusche warnen.“ Bevor sie die Warnung aussprechen kann, nimmt sie eine Gestalt wahr, die auf Robin zu rennt. „Er kam von hinten“, erzählt sie. „Mit voller Wucht hat er meinem Mann einen Schlag ins Gesicht verpasst – aus dem Nichts.“

Nur noch schemenhaft erinnert sich Robin L. an diesen Moment. „Ich weiß noch, dass ich etwas Nasses im Nacken bemerkt habe“, erzählt er. „Ich habe mich umgedreht – und dann hat’s auch schon geklingelt.“ Seine Gedanken überschlagen sich: Ob ein Gegenstand von der Bühne gefallen sei, er einen Schlag abbekommen habe, fragt er sich. „Ich habe gesehen, wie jemand weglief – und vielleicht sieben oder acht Meter weiter stehenblieb.“ Der Flüchtige habe beide angeschaut. „Wir haben den Typ noch nie vorher gesehen“, erzählt Verena. „Aber wie der geguckt hat – richtig aggressiv.“ Wenige Augenblicke später sei der Schläger in der Menge verschwunden.

Ausmaß der Attacke zeigt sich in der Nacht

Nur Sekunden nach der Attacke stürzt Verena zu ihrem Mann. „Der Schlag war so extrem, dass ich damit gerechnet habe, dass er umkippt“, erinnert sie sich. Doch Robin kann sich auf den Beinen halten. „Er war benommen“, erzählt sie. „Er wusste gar nicht, was gerade geschehen war.“ Beide hätten einen Mitarbeiter der Security angesprochen. „Der hat sich aber abgewandt – das hat ihn gar nicht interessiert“, berichtet Robin. Daraufhin hätten beide drei weitere Security-Mitarbeiter herbeigerufen. „Mit denen sind wir dann das Gelände abgegangen.“ Doch der Angreifer ist unauffindbar. Die Party ist für beide vorbei: „Wir hatten einen Schock“, erzählt Verena. „Ich wollte nur noch nach Hause.“

Tanzende Frauen und Männer beim SunsetPicknick 2025 in Herten.Feiern auf der Halde Hoheward in Herten: Rund 16.000 Besucher waren beim SunsetPicknick 2025 auf der Halde.© André Przybyl

Zu diesem Zeitpunkt ist noch nicht abzusehen, welch schwere Verletzungen der Schlag verursacht hat. „Mein Mann hat geblutet“, berichtet Verena. „Ich hatte zwei Platzwunden an der Seite“, ergänzt Robin und deutet auf seine linke Wange. Zu Hause in Castrop-Rauxel angekommen, müssen beide „erstmal runterkommen“ und gehen schließlich schlafen – bis Robin in der Nacht aufwacht. „Ich musste mir die Nase putzen und hatte dabei das Gefühl, dass alles in die Wange läuft“, erzählt er. Er steht auf, geht ins Bad und blickt in den Spiegel: Das Auge blutunterlaufen und dunkelrot umrahmt, die linke Gesichtshälfte angeschwollen. „Das sah gar nicht gut aus“, sagt er – und ringt noch heute mit den Tränen.

Oberkiefer gebrochen, Jochbein zertrümmert

Eine Computertomografie (CT) bringt Klarheit. „Der Arzt hat mich hereingerufen und gefragt, was passiert ist“, berichtet Robin L. Er schildert den Vorfall dem Mediziner und erzählt, dass Verena gesehen habe, dass der Angreifer mit der flachen Hand zugeschlagen habe. „Das kann nicht sein“, habe der Arzt entgegnet. Die Verletzungen deuteten darauf hin, dass Robin mit einem Gegenstand geschlagen worden sei. „Der Arzt hat vermutet, dass es ein Schlagring oder ein Schlagstock gewesen sein könnte“, erklärt Robin. Schließlich „ist mein Oberkiefer bis zur Augenhöhle gebrochen, das Jochbein zertrümmert und ein kleiner Knochen unterhalb des Ohres durch“.

Wie könne es sein, dass jemand solche Waffen mit aufs SunsetPicknick bringen könne, fragt Verena L. und schüttelt den Kopf. Sie selbst habe die Kontrollen am Aufgang zur Halde als lasch erlebt: „Die Dame am Eingang hat uns nur gefragt, ob wir irgendwelche Glasflaschen oder alkoholischen Getränke dabei hätten.“ Beides ist bei der Party untersagt. „Nein“, habe Verena geantwortet. „Daraufhin hat sie uns viel Spaß gewünscht – das war’s.“ Einen Blick in den „großen Rucksack“ von Verena L. habe die Mitarbeiterin nicht geworfen.

RTG: „Klären Sachverhalt mit beauftragter Agentur“

„Wir nehmen die Hinweise sehr ernst und klären den Sachverhalt derzeit intern mit der beauftragten Agentur, die für die Durchführung verantwortlich war“, erklärt Nina Dolezych, Sprecherin der SunsetPicknick-Veranstalterin Ruhr Tourismus GmbH (RTG). Die RTG werde „die Abläufe rund um Einlasskontrollen und Sicherheitspersonal gemeinsam mit unseren Partnern erneut prüfen und, falls notwendig, anpassen“. Um „den Fall besser nachvollziehen zu können“, wolle die RTG mit Robin L. in Kontakt treten. „Uns sind darüber hinaus bislang keine weiteren Vorkommnisse dieser Art gemeldet worden“, berichtet Dolezych.

Ein Gesichtsausschnitt des Mannes, der geschlagen wurde, rund zwei Wochen nach dem Vorfall am 6. September 2025.Die Folgen des Angriffs: Rund zwei Wochen nach dem Unfall ist das Auge von Robin L. noch blutunterlaufen – das Jochbein wird nun von einem Titanplättchen zusammengehalten.© André Przybyl

Am Montag nach dem Vorfall erstattet Robin L. Anzeige gegen den unbekannten Angreifer. „Es wurde ein Strafverfahren eingeleitet“, bestätigt Polizeisprecher Andreas Lesch auf Nachfrage. Etwa 1,80 Meter groß und schlank soll der Unbekannte sein. Verena und Robin L. erinnern sich, dass er dunkle, kurze Haare hatte und zwischen 20 und 30 Jahren alt sein könnte. „Er trug ein blaues T-Shirt oder Trikot“, sagt Robin. Das Paar macht sich allerdings keine große Hoffnung, dass die Polizei den Täter findet. „Die Beschreibung passt auf jeden Zweiten“, räumt Verena ein.

Paar kämpft mit psychischen Folgen des Angriffs

Rund zwei Wochen nach dem Vorfall geht es Robin L. „den Umständen entsprechend“ gut. „Ich wurde in Dortmund operiert“, erzählt er. „Unterhalb der Augenhöhle wurde mir ein Titanplättchen eingesetzt.“ Er weiß nicht, wie lange ihn die diversen Brüche noch beschäftigen werden. „Die Ärzte haben mir nur gesagt, dass in einem Jahr bestimmt wieder alles gut sein wird.“

Doch es sind nicht nur die körperlichen Folgen, mit denen das Paar seit dem 6. September zu kämpfen hat: „Wenn jemand auf der Straße hinter mir läuft, schaue ich mich jetzt bestimmt zehnmal um“, sagt Verena. Partys wie das SunsetPicknick meiden beide seitdem. „Wir waren im Ruhrpark und während meine Frau bummeln war, habe ich mich auf eine Bank gesetzt“, berichtet Robin. Doch hinter der Bank laufen Passanten auf und ab. „Ich konnte da nicht mehr sitzen bleiben … – als hätte ich einen Knacks weg.“ Verena L. schüttelt den Kopf: „Der Typ hat uns in einer Sekunde das Leben zerstört“, sagt sie. „Wofür?“