Der Rausch der Macht. Die Begeisterung am Kollektiv. Die Lust eine feste Ordnung zu haben, die jedem einen Platz zuweist. Wo klar ist, vor wem gebuckelt und auf wen getreten wird. Das sind die Grundmotive in Heinrich Manns Roman „Der Untertan“. Einen Monat vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs beendet, seziert das Buch die Psyche der deutschen Mittel- und Oberschicht. Der Roman ist ein Sittengemälde des Kaiserreichs und zeigte schon damals die Lust am Herrschen und Beherrschtwerden, die Deutschland in zwei Weltkriege treiben sollte. 111 Jahre nach seiner Veröffentlichung trifft der Roman zwischen Demokratie-Dämmerung und Rechtsruck wieder den Zeitgeist.
Kein Wunder also, dass der Roman für die Bühne adaptiert wird: In München hat ihn Regisseur Georg Büttel für das Teamtheater inszeniert. Büttel erzählt die Geschichte von Diederich Heßling (Johannes Schön) mit nur drei Schauspielern, in einem minimalistischen Bühnenbild (Thomas Bruner) zwischen hockergroßen Papierrollen, einem kleinen Tisch und einigen Fotowänden mit Schwarz-Weiß-Aufnahmen. Im Mittelpunkt zunächst: der Aufstieg Diederichs, des Sohnes eines Papierfabrikanten aus der Provinz, der schon in der Schule seine Klassenkameraden verpfeift und jüdische Mitschüler drangsaliert. Die Aufführung bleibt dabei nahe an Manns Vorlage und startet mit einem gemächlichen Erzähltempo.
Das ändert sich, als Diederich nach Berlin zieht. Er studiert Chemie, tritt einer schlagenden Verbindung bei und verliebt sich in die junge Agnes. Und hier ändert sich das Stück. Die Schauspieler drehen auf, und das Stück wird wirklich lustig. Verantwortlich dafür sind neben dem überzeugenden Johannes Schön als Diederich auch seine beiden Kollegen Jan Walter und Franziska Maria Pößl. Die beiden wechseln fließend von einer Nebenrolle zur nächsten, sind mal Hauptmann, mal Geliebte und dann Blumentopf. Sie transportieren dabei eine Freude und Leichtigkeit am Spiel, die auch das Publikum ansteckt und den Saal mit Leben füllt.
Jan Walter (Foto) und Franziska Maria Pößl schlüpfen von einer Nebenrolle in die nächste – und werden dabei auch mal zum Blumentopf. (Foto: Robert Haas)
Das Erzähltempo zieht über den Abend immer weiter an, die Vorstellung wird bunter, greller, lustiger – nur leider überhitzt sie im letzten Drittel. Diederich ist jetzt ein gemachter Mann, mit Doktortitel und Schmiss im Gesicht und besoffen von Kaiser und Nation. Zurück in seiner Heimatstadt windet er sich weiter mit Lug, Trug und Überheblichkeit nach oben. Nur geht das auf der Bühne ein wenig unter: Im Gedächtnis bleibt mehr, wie die drei Schauspieler Diederichs Abort-Papier „Weltmacht“ vorstellen, während sie mit patriotischen Plakaten auf den Papierrollen hocken und Furzgeräusche machen, als der Dialog der letzten verzweifelten Demokraten vor Ort. Die politische Dimension von Manns Charakterstudie schafft es so leider nicht bis zu den Zuschauern.
Was bleibt, ist ein netter Theaterabend: Die Schauspieler lassen ihr Herz auf der Bühne, das Publikum wird unterhalten; man lacht über den autoritären Charakter Diederichs. Nur Denkanstöße liefert das Stück wenig. Dafür sind seine wichtigsten Stellen von zu viel grellem Humor umstellt. Der Zeitgeist hat den Untertanen wieder aktuell gemacht – seine wichtigste Botschaft transportiert die Inszenierung aber nicht.