
© Polizei Hamburg
Morgens bei strahlendem Herbstsonnenschein über der Elbe, startet der Einsatz. Im Fokus: Eine groß angelegte Verkehrskontrolle im gewerblichen Güterverkehr. Die Federführung liegt bei den zuständigen Fachdiensten WSP 513 und WSP 521. Letzterer ist nicht nur zuständig für das Straßengeschehen, sondern auch für den Hafenbereich und die digitalen Kontrollverfahren. Dazu später mehr. Zunächst einmal habe ich mich ins Getümmel der Kontrolle gestürzt.
Diverse Fremdkräfte sind in den Einsatz eingebunden, wie bspw. spezialisierte Kolleginnen und Kollegen aus anderen Bundesländern – darunter Bremen, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern – sowie Vertreterinnen und Vertreter von Zoll, dem Bundesamt für Logistik und Mobilität, der Gewerbeaufsicht Niedersachsen, der Hamburger Behörde für Umwelt, Klima, Energie und Agrarwirtschaft sowie der Behörde für Verkehr und Mobilitätswende und J 23.
Ziel der Aktion: Fahrzeuge unter die Lupe zu nehmen, die gefährliche Güter oder Abfälle transportieren – ein sensibles Thema mit großer Relevanz für die Sicherheit auf Hamburgs Straßen und im Hafen.
Denn: Folgenschwere Verkehrsunfälle, die sich aufgrund mangelhafter Ladungssicherung oder fehlerhaften Umgangs mit Gefahrgütern ereignen, sind nicht selten.
Die Einsatzbegleitung startet…
Die Einsatzbegleitung startet…
Die Einsatzbegleitung startet…
Los geht’s…
Los geht’s… (1)
Los geht’s… (1)
Los geht’s… (2)
Los geht’s… (2)
Los geht’s… (3)
Los geht’s… (3)
Ich habe mir noch einmal schnell den Polizeiführer dieses Einsatzes für einen O-Ton geschnappt …
Ich habe mir noch einmal schnell den Polizeiführer dieses Einsatzes für einen O-Ton geschnappt …
Ich habe mir noch einmal schnell den Polizeiführer dieses Einsatzes für einen O-Ton geschnappt …
Auch auf dem Wasser wird kontrolliert – die Seeschifffahrt bleibt nicht außen vor. Im Hafen geht es an Container und Ladung, an Papiere und Frachtlisten. Die Kontrollen greifen wie Zahnräder ineinander – nur so kann sichergestellt werden, dass Gefahrgut korrekt deklariert, gesichert und nachvollziehbar transportiert wird.
Hier einige Impressionen von den mobilen Containerkontrollen auf den Umschlagsanlagen und den Seeschiffskontrollen aus dem Hamburger Hafen an diesem Tag.

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Hier noch die Ergebnisse der Großkontrolle: https://www.presseportal.de/blaulicht/pm/6337/6124472
KI auf Spurensuche – digitale Kontrolle mit System
Doch was passiert eigentlich mit den Containern, die auf den ersten Blick gar nicht auffällig sind?
Wie eingangs angekündigt, geht es für mich nach dem Einsatz auf der Straße noch in das Herzstück der digitalen Gefahrgutkontrolle: zur WSP 521. Hier treffe ich auf unsere Kollegin Reni, die mir zeigt, wie moderne Technik und kriminalistisches Gespür ineinandergreifen.

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OnPoint: Reni, danke, dass Du Dir Zeit für dieses Gespräch nimmst. Viele Leserinnen und Leser wissen vielleicht gar nicht, dass es in der Wasserschutzpolizei eine Einheit gibt, die sich speziell um nicht deklariertes Gefahrgut kümmert. Kannst Du uns zum Einstieg kurz erzählen, wie Eure Dienststelle überhaupt entstanden ist?
Reni: Sehr gerne! Unsere Dienststelle gibt es jetzt seit etwa vier Jahren. Der Auslöser für die Gründung waren unter anderem mehrere Brände auf Schiffen weltweit, wobei der durch undeklakiertes Gefahrgut ausgelöste Brand auf dem Seeschiff CCNI Arauco im Jahr 2016 im Hamburger Hafen als Initialzündung für die Einrichtung dieser Ermittlungseinheit angesehen werden kann. Damals war häufig völlig unklar, was genau in den betroffenen Containern transportiert wurde. Immer wieder kam heraus, dass Gefahrgut an Bord, aber nicht als solches deklariert war. Das ist natürlich ein großes Problem, weil es bei Transport und Aufenthalt auf den Containerterminals spezielle Sicherheitsvorschriften gibt, die dann nicht eingehalten werden können.
Jährlich werden im Hamburger Hafen mehrere Millionen Container mit Waren umgeschlagen – ein gewaltiges Volumen. Die Herausforderung: Unter diesen Unmengen die wenigen Container zu identifizieren, in denen sich möglicherweise nicht deklariertes Gefahrgut befindet – eine Ordnungswidrigkeit, die nicht nur rechtlich relevant ist, sondern die gesamte Transportkette gefährden kann.
OnPoint: Warum wird Gefahrgut überhaupt falsch oder gar nicht deklariert? Das klingt ja ziemlich riskant.
Reni: Das ist es auch! Häufig geschieht das aus Kostengründen. Der Transport von Gefahrgut ist deutlich teurer. Deshalb neigen einige Versender oder Auftraggeber leider dazu, Ware bewusst falsch bzw. eben nicht als Gefahrgut zu deklarieren. Für die Reedereien und Spediteure ist das übrigens sehr ärgerlich, weil auch ihre Schiffe und Transportwege gefährdet werden. Gefahrgut muss zum Beispiel an bestimmten Stellen auf dem Schiff gestaut werden – z.B. nicht in der Nähe von Wärmequellen und Wohnquartieren oder neben anderem Gefahrgut. Wenn diese Regeln nicht beachtet werden, kann das zu schweren Unfällen führen. Und wenn ein LKW mit nicht deklariertem Gefahrgut verunglückt, ist das auch für Einsatzkräfte und unbeteiligte Menschen extrem gefährlich.
OnPoint: Und genau hier kommt Eure Arbeit ins Spiel – und die KI, mit der Ihr arbeitet. Wie genau unterstützt Euch diese Technologie?
Reni: Unsere Aufgabe ist es, nicht deklariertes Gefahrgut aufzuspüren. Das ist wirklich wie die Suche nach der sprichwörtlichen Nadel im Heuhaufen. Jeden Tag bekommen wir rund 20.000 Datensätze ins System – das sind Warenbewegungen, nicht Container. Ein Container kann ja auch mehrere verschiedene Waren enthalten. Jede einzelne Ware muss korrekt deklariert sein.
Wir arbeiten mit einem System namens GEGIS (Gefahrgut Informationssystem). Über diese Software haben wir Zugriff auf die Daten der Im- und Export-Warenströme im Hamburger Hafen, die nicht als Gefahrgut angemeldet wurden. Früher mussten wir uns jeden Datensatz manuell ansehen. Heute unterstützt uns eine KI dabei: Sie sortiert vor und gibt uns eine Einschätzung, welche Waren eine hohe Wahrscheinlichkeit haben, nicht deklariertes Gefahrgut zu sein. Wenn wir zum Beispiel eingeben, dass wir nur Datensätze mit einer Wahrscheinlichkeit von 60 bis 100 Prozent sehen wollen, reduziert sich die Menge von 18.000 Datensätzen auf etwa 1.800. Das macht unsere Arbeit viel effizienter.
OnPoint: Das klingt nach einer riesigen Erleichterung. Wie hat sich die KI entwickelt?
Reni: Die Ergebnisse der KI basieren auf den Ergebnissen unserer Überprüfungen der vergangenen Jahre. Immer wenn wir einen Treffer hatten – also nicht deklariertes Gefahrgut identifiziert wurde – haben wir das zurückgemeldet und ebenso, wenn es sich bei einer überprüften Ware eben nicht um Gefahrgut gehandelt hat. So hat die KI gelernt, Muster zu erkennen. Noch heute ist sie in einem Lernprozess. Jedes Mal, wenn wir einen Fall bestätigen oder ausschließen, fließt diese Information als Feedback zurück ins System. Durch regelmäßige Trainingsläufe verarbeitet der Algorithmus diese Informationen und die KI wird immer besser und genauer.
OnPoint: Was passiert, wenn Ihr einen Verdacht habt?
Reni: Dann gehen wir in die Tiefe. Zunächst schreiben wir die Spedition oder Reederei an und fordern genauere Unterlagen an. Wenn sich der Verdacht erhärtet, können wir ein Beförderungsverbot verhängen. Wir fahren dann raus oder beauftragen die Hafensicherheitsbeamten, um die Ladung vor Ort zu überprüfen. Falls sich bestätigt, dass es sich tatsächlich um nicht deklariertes Gefahrgut handelt, wird die Ware gesichert und eventuell neu verpackt. Es wird also ein regelkonformer und damit sicherer Zustand für den Weitertransport hergestellt. Zuletzt wird entweder ein Bericht an die zuständige Behörde des Absenderlandes (normalerweise bei Versendern von anderen Kontinenten) oder eine Owi-Anzeige gefertigt – Verstöße werden natürlich auch geahndet.
OnPoint: Gibt es ein Beispiel, wie Eure Arbeit schon etwas verändert hat?
Reni: Ja, ein gutes Beispiel sind E-Autos. Zu Beginn waren die sehr oft nicht als Gefahrgut deklariert – dabei müssen sie das eigentlich immer sein. Durch unsere kontinuierlichen Nachfragen, Berichte und Kontrollen haben die Unternehmen inzwischen dazugelernt. Heute ist das kaum noch ein Problem. Das zeigt, wie wichtig unsere Arbeit auch präventiv ist: Wir kontrollieren nicht nur, wir stoßen auch Lernprozesse bei den Unternehmen an.
OnPoint: Hamburg ist also weltweit Vorreiter mit dieser Methode?
Reni: Ja, das stimmt. Unsere Arbeit hier im Hamburger Hafen ist weltweit einzigartig. Wir sind, meines Wissens, die einzige Wasserschutzpolizei, die nicht nur diese spezielle Ermittlungsarbeit, sondern auch eine KI in dieser Form einsetzt. Das ist natürlich auch ein Stück weit Pionierarbeit – und wir sind schon ein bisschen stolz darauf.
OnPoint: Das könnt Ihr auch sein! Reni, vielen Dank für den spannenden Einblick in Eure Arbeit.
Reni: Sehr gerne! Ich freue mich, dass wir das Thema bekannter machen können.
Fazit: Sicherheit mit System – und mit KI
Die Kombination aus gezielter Straßenkontrolle, Zusammenarbeit mit Behörden auf Landes- und Bundesebene sowie der smarten Unterstützung durch KI zeigt: Die Wasserschutzpolizei Hamburg bleibt nicht stehen. Sie denkt weiter, vernetzt sich – analog wie digital – und sorgt dafür, dass Sicherheit auf dem Wasser, der Straße und in den Datenströmen gleichermaßen gewährleistet bleibt.
Die Meisterleistung liegt dabei nicht nur in der Technik, sondern vor allem im Zusammenspiel der engagierten Kolleginnen und Kollegen, die jeden Tag aufs Neue dafür sorgen, dass gefährliche Güter nicht unbemerkt durch den Hafen und über unsere Straßen rollen.
Katharina Dehn, PÖA 2