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Die Jahrhunderthalle. © Rolf Oeser
Der 24-jährige Nostalgiker Pashanim in der Frankfurter Jahrhunderthalle.
Das Konzert ist schon lange ausverkauft in der Jahrhunderthalle in Frankfurt. Sehr viele junge Menschen in der Abendsonne, in einem anderen Blau. Diese Abendsonne ist wie gemalt für den Sound des wohl größten Nostalgikers des gegenwärtigen Deutschrap.
Pashanim heißt er, er ist gerade mal vierundzwanzig. Er war vor Jahren einer der ersten, der housige Beats und gefühlige Gitarrensamples verband mit einem erstaunlich sentimentalen Zungenschlag. In wenigen Worten rappte er in scheinbar abgeklärtem Tonfall über ein ewiges Gestern aus Wegwollen aus Kreuzberg und Herzschmerz. Der Altersdurchschnitt hier ist jünger als der Rapper selbst, Anfang zwanzig, vielleicht dreißig Prozent Frauen, Nike Air Max Plus und Fußballtrikots von Paris und Palitücher um Palitücher.
Ein Warmup-DJ namens Abuglitsch spielt Musik vom Band vorneweg, blökt ins Mikrofon, Soundeffekte aus dem Autoscooterkosmos. Turnup als Prinzip. Drake läuft. Nun. Es steckt eine gewisse Lieblosigkeit hierin, die in anderen Kreisen mal lief unter Do it yourself. Weg des geringsten Widerstands, vielleicht.
Er sei Straße, aber kein Gangster, rappt er
Pashanim kommt um zwanzig nach acht, Sonnenbrille, Trainingsjacke, Mittelscheitel. Es gibt die Geschichte, dass er nach den ersten Hits erpresst wurde, deswegen jahrelang so wenig rausbrachte und tourte. Er rappte selbst darüber, er sei Straße, aber kein Gangster. Das ist so nebenher erzählt, wie er es andauernd macht, und er liefert nebenher sowas wie Klugheit in einem Game aus Testosteron und Zahn um Zahn. Die Erpressung war dann wie der Einbruch des Ernstes ins Spiel.
Es sind viele Jungs mit ihm auf der Bühne, sie bringen Bewegung und die Adlibs, im Hintergrund ein Streifen Videoleinwand, dort laufen Musikvideofetzen durch und Filmschnipsel, Städtenamen. Autos. Tunnel. Stadteingänge und Stadtausgänge. Emogitarren und Uptempobeats. Der Song heißt schon „Ms. Jackson“, wie der absolute Überhit von Outkast aus den 90ern. „Deine Mama hört meinen Song und fragt ‚wer hat das komponiert?‘ ‚Ich hab das geschrieben im Taxi für ihre Tochter Ms. Jackson.‘“ „Für alle Unterdrückten“ ruft sein DJ. Es wird „Free Palestine“ daraus, im Hintergrund.
Mehrmals bricht er einen Song ab, weil er sieht, dass jemand in der Menge fällt. Ich erinnere mich an viele, viele Konzerte in Autonomen Zentren, in denen sich die Leute unter Freunden beim Violent Dancing umtreten. Manches wird besser. Insgesamt fällt auf, wie geschmackvoll diese Instrumentals sind, und wie stimmig es passt zu genau diesem einen melancholischen Dude auf der Bühne. Diese Stimme, die gleichzeitig souverän und mitfühlend klingt, viele treibende Beats, aber es ist eine Party wie bei Robyn: Dancing on my own. Gegen Ende spielt er „Sommergewitter“, den Hit von vor drei Jahren. „Letztes Jahr hatten wir nichts, doch jetzt ist vorbei. Unsere Eltern kamen mit zwei Taschen damals aus Türkei.“ Ein paar Gitarrentöne wie offene Fragen. Er geht, nach knapp dreißig Songs. Er dankt seinem Busfahrer, „der uns immer sicher von Stadt zu Stadt bringt“.
Eine Musik, die vom Sehnen erzählt, und eine Musik, die immer hier bleibt. Popmusik als Hier und Jetzt und Bloß weg. Man muss sich Pashanim wohl als glücklichen Menschen vorstellen.