
Viele Reisende lieben den Nachtzug. Doch die wirtschaftliche Bilanz ist ernüchternd. Die Strecke Berlin-Paris zeigt: Ohne staatliche Zuschüsse ist es ein Verlustgeschäft. Von Tabea Schoser
Gerade einmal zwei Jahre fuhr der Nachtzug zwischen Berlin und Paris. Im Dezember ist nun Schluss. Die Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) beenden das Angebot. Ohne finanzielle Unterstützung aus Frankreich rechne sich die Strecke nicht, heißt es zur Begründung. Und das, obwohl sie mit der Auslastung zufrieden war.
Nach Angaben der französischen Bahn SNCF, die den Zug mitbetreibt, lag die Auslastung 2024 bei rund 70 Prozent. Doch hohe Nachfrage alleine reiche nicht, um die Kosten zu decken. Die ÖBB bestätigt: „Nachtzüge können heute nur mit Beteiligung internationaler Partner geführt werden.“

Nachtzug zwischen Berlin und Paris wird im Dezember eingestellt
Die Nachtzugverbindung zwischen Paris und Berlin wird im Dezember nach nur zwei Jahren eingestellt. Zuvor war bereits über das Aus aufgrund von Finanzierungsproblemen berichtet worden.mehr
Nachtfahrten sind teuer
Der Betrieb in der Nacht kostet mehr als am Tag, denn das Personal arbeitet über Nacht und ist dadurch kostenintensiver. Auch Schlafwagen sind aufwendiger und teurer in Herstellung und Unterhalt als normale Züge. Die Ticketpreise decken die Kosten nicht.
Zudem passen in Schlaf- und Liegewagen weniger Reisende als in Sitzabteile am Tag. Tagsüber stehen die Nachtzüge still. Die SNCF rechnet den Tagesumsatz pro Strecke vor: „Während ein Sitzplatz im Tageszug bis zu viermal verkauft werden kann, ist das im Nachtzug nur einmal möglich.“
Wenn die politischen Bedingungen besser sind, dann werden wir eine sehr große Renaissance der Nachtzüge erleben
Hinzu kommen erschwerte Fahrbedingungen bei Nacht. „Die Zuverlässigkeit von Nachtzügen leidet seit Jahren extrem durch Baustellen, die besonders in den Nächten zu Sperrungen oder Umleitungen führen“, so ein Konzernsprecher der ÖBB.
Weil das Geschäft zu teuer war, stieg die Deutsche Bahn schon 2016 komplett aus dem Nachtzugverkehr aus.

Privates Unternehmen übernimmt Nachtzug Berlin-Stockholm
Zwei Nachtzuglinien gibt es von Berlin nach Schweden, die eine schien bald Geschichte – doch nach dem Ausstieg der schwedischen Staatsbahn übernimmt nun ein Privatanbieter. Fraglich ist, ob er ohne staatliche Zuschüsse Geld verdienen kann.mehr
Ungleicher Wettbewerb mit dem Flugzeug
Eigentlich sollte der Nachtzug eine klimafreundliche Alternative zum Fliegen sein. In der Praxis aber ist er langsamer, meist teurer und steuerlich im Nachteil. „Wir haben eine ungleiche Wettbewerbssituation“, kritisiert Andreas Knie vom Wissenschaftszentrum Berlin.
Sowohl Flüge als auch Bahnen werden staatlich gefördert, aber der Nachtzug deutlich weniger. „Wenn ich ein Nachtzugticket von Berlin nach Paris kaufe, dann ist da 19 Prozent Mehrwertsteuer drin, Steuern für den Diesel und die Trassenpreise“, so Knie. „Bei internationalen Flugtickets gibt es weder Mehrwertsteuer noch Steuer auf Kerosin oder Gebühren für die Flughafennutzung.“
Unter diesen Bedingungen könne aus Sicht des Mobilitätsforschers kein auskömmliches Nachtzug-Geschäft entstehen.

Schwedische Bahn stellt Nachtzug Berlin-Stockholm ein
Betrieb auf eigenes Risiko
Auch der Nachtzug von Berlin nach Stockholm wurde bisher vom schwedischen Staat bezuschusst. Diese Unterstützung läuft jetzt ebenfalls aus. Für die schwedische Staatsbahn lohnt sich der Betrieb ohne Zuschüsse nicht. Die Strecke stand vor dem Aus.
Aber der private Anbieter RDC Deutschland übernimmt. Er führt die Verbindung auf eigenes Risiko weiter und will sie anpassen. „Wir können keinen täglichen Betrieb in beide Richtungen garantieren“, sagt Geschäftsführer Markus Runkel. „Auch die Haltepolitik werden wir uns anschauen, ob man so viele Stopps auf dem Weg von Süd nach Nord und umgekehrt braucht.“
Um wirtschaftlicher zu fahren, will RDC längere Züge mit mehr Waggons einsetzen. Das schwedische Unternehmen Snälltåget fährt die Strecke bereits ohne Subventionen.
Die Nachfrage ist da
Trotz Hürden sieht Mobilitätsforscher Andreas Knie noch nicht das Ende der Nachtzüge, denn die Nachfrage sei da. „Wenn die politischen Bedingungen besser sind, dann werden wir eine sehr große Renaissance der Nachtzüge erleben“, prognostiziert Knie. Dafür müsse sich aber auch das Geschäftsmodell verbessern: mehr Kapazitäten, einheitliche Wagen und Einsätze auch am Tag.
Sendung: rbb24 Inforadio, 16.10.2025, 15:35 Uhr