
Bundesweit treffen sich derzeit junge Menschen an öffentlichen Orten, um gemeinsam Pudding mit der Gabel zu essen. Was das soll? Da gehts nicht um den Pudding, sondern um Aufmerksamkeit, sagt Nina Kolleck von der Uni Potsdam.
rbb|24: Hallo Frau Kolleck. Haben Sie schon mal einen Pudding mit der Gabel gegessen?
Nina Kolleck: Bislang nicht. Aber ich habe mir in den Sozialen Medien angeschaut, was die Jugendlichen der Welt da zeigen wollen.
Konnten sie dabei auch beobachten, wie viel länger es dauert, wenn man einen Pudding mit der Gabel statt mit dem Löffel isst?
Mein Eindruck ist, dass es gar nicht darum geht, diesen Pudding tatsächlich aufzuessen. Ganz aufessen kann man einen Pudding mit der Gabel vermutlich auch gar nicht, denn ohne Löffel muss immer was drinbleiben. Es geht darum, sich zu zeigen und mediale Aufmerksamkeit zu bekommen. In diesem ganzen Stress, in dem sich Jugendliche und junge Erwachsene heute befinden, können sie mit dem Pudding und der Gabel etwas sehr Absurdes zu zeigen. Das ist ein harmloser Ausbruch aus dem Alltag. Sie zeigen, dass sie sich ihre eigene Welt machen, auch wenn das, was sie zeigen, verrückt und banal ist. Aber in dieser ernsten Zeit voller Nachrichten über Krieg, Gewalt, Inflation, Krisen und Sorgen ist so ein absurder Trend eine Art humorvoller, leichter und gemeinschaftlicher Gegenpol.
Erklärt das auch, warum als Sinnbild eines für absolute Ineffizienz benutzt wird? Also dass man einen Pudding genau mit dem Besteckteil isst, mit dem es garantiert am schlechtesten geht.
Ja. Und dann ist da noch der Pudding. Wer isst heute noch Pudding? Er steht für Geborgenheit und das Zuhause – aber auch für etwas ganz Banales und Harmloses, das jeder essen kann. Aber absurderweise nicht mit der Gabel. Das erfüllt das psychologische Bedürfnis nach Spaß und Leichtigkeit. Und auch das nach Zugehörigkeit und Abgrenzung. Also das Gegenteil zu dem, was junge Menschen sonst gerade an Druck und Sorgen erleben. Und das Ganze erzeugt Aufmerksamkeit – darum geht es auch.
In diesem ganzen Stress, in dem sich Jugendliche und junge Erwachsene heute befinden, können sie mit dem Pudding und der Gabel etwas sehr Absurdes zu zeigen
Wenn sie die schlechte Situation ansprechen, in der sich viele junge Menschen befinden – geht es da auch noch um die Corona-Zeit?
Die Situation, in der sich junge Menschen befinden, ist noch sehr stark geprägt von Corona. Daher ist alles, was sie psychologisch beschäftigt, auch auf die Pandemie bezogen. Gerade für die junge Generation war diese Zeit ein großer Schock. Sie wurde am wenigsten berücksichtig und musste die größten Einschnitte hinnehmen. Da gibt es eine Generation, die keine wirkliche Pubertät leben konnte. Die jungen Menschen konnten sich nicht vernünftig von ihren Eltern abgrenzen und das in einer Zeit, in der es eigentlich vor allem darum geht, draußen die Welt zu entdecken und Freundschaften zu schließen. Diese Menschen waren genau in dieser Phase auf ihr Zimmer und die elterliche Wohnung reduziert. Von daher sind solche Trends sicherlich auch eine Reaktion darauf.
Wie verhalten sich die Teilnehmer dieser Treffen – wird da viel gelacht oder wird geredet und im Pudding gestochert?
Ein paar Leute essen da schon auch. Ein bisschen Pudding bekommt man vermutlich auch in den Mund. Aber es geht sicher nicht darum, satt zu werden. Sondern man trifft sich wegen der Aktion an sich. Mein Eindruck ist übrigens, dass diese Treffen gar nicht so besonders oft stattfinden. Das wird vielleicht eher in den Sozialen Medien etwas aufgebauscht.
Lässt sich gar nicht so leicht aufgabeln, so ein Pudding
Die Orte für diese Treffen sind ja offenbar meist sehr belebt. In Berlin trafen sich Anfang Oktober etwa 1000 Leute im James-Simon-Park am Hackeschen Markt. Warum trifft man sich nicht einfach im Jugendklub oder auf einem Sportplatz?
Weil es auch um Inszenierung und Aufmerksamkeit geht. Diese Aktionen sind für die Kamera und für die Medien mitgedacht. Geteilte Videos davon, gerade wenn die Treffen auch noch bedeutsamen Orten stattfinden, verstärken das Gefühl, Teil von etwas Größerem zu sein. Die Absurdität und die kurzen Szenen, in denen man sich darstellt, sind absolut ideal für Social Media. Denn man kann sie ganz schnell verstehen, teilen und nachahmen. Sie erzeugen eine große Aufmerksamkeit, werden reposted und geliked. Da kommen dann viele Kommentare und Follower.

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Gab es so etwas vor Social-Media auch schon? Ein wenig erinnern diese Treffen ja an die Flashmobs, zu denen sich früher verabredet wurde.
Die Flashmobs waren sozusagen das Resultat der ersten Handys. Und da gibt es tatsächlich deutliche Parallelen. Beides sind gemeinschaftliche Aktionen, die ungewöhnlich wirken, eine Überraschung auslösen und die den Spaß am Kollektiven demonstrieren. Und sie zeugen von einer sozialen Verbundenheit jenseits von digitaler Nähe und Vernetzung.
Doch es gibt auch Unterschiede. Flashmobs waren meist sehr aufwändig choreografiert und sollten eine große Show erzeugen. Beim Pudding-mit-Gabel-essen geht es bewusst um das Banale und Alberne.

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Aber es gab natürlich solche Treffen auch vorher in der analogen Welt. Und es gibt sie – gerade in Berlin – auch jetzt noch. Da treffen sich viele, die ein bestimmtes Hobby teilen – wie beispielsweise Nähen – draußen und tun etwas gemeinschaftlich. Oder man trifft sich zum Tanzen. Das ganze Spree-Ufer ist voll mit Tanztreffs in den unterschiedlichsten Stilen. Zusätzlich kommen dann Straßenkünstler und machen Musik. Aber diese Trends sind nicht so erfolgreich in den Sozialen Medien. Der Pudding-Trend, und das ist das Besondere, ist schon als öffentlichkeitswirksame Inszenierung angelegt.
Ist schon absehbar, was nach dem Pudding-Trend als nächstes kommt?
Nein. Denn das Besondere an solchen Trends ist, dass sie unerwartet kommen und gerade darin und im Absurden liegt ihr Charme. So etwas muss immer etwas Neues sein, womit gerade die Erwachsenen und auch die Medien nicht rechnen.
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