Geprägt von globalen Spannungen und von Angst vor dem Verlust der Meinungsfreiheit geht die Frankfurter Buchmesse 2025 zu Ende. Doch so düster viele Themen waren: Ein heimlicher Star der Messe macht Hoffnung.
Ist Caroline Wahl eine ernstzunehmende Autorin? Beinhalten New-Adult-Romane zu viele toxische Männer- und überholte Frauenbilder? Zerstören amerikanische Tech-Konzerne die Demokratie? Und werden palästinensische Stimmen in Deutschland unterdrückt?
Das sind Fragen, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben. Doch sie haben eines gemeinsam: Sie können in Deutschland, in Frankfurt, auf der Buchmesse offen diskutiert werden. Es darf dabei gestritten werden, auch laut, in den Grenzen des Straf- und Persönlichkeitsrechts.
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03:11 Min.|19.10.25, 19:30 Uhr|hessenschau
Frankfurter Buchmesse endet
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Meinungsfreiheit ist bedroht
Doch genau dieser offene Meinungsaustausch ist bedroht – das wurde auf der diesjährigen Buchmesse in Frankfurt so deutlich wie selten zuvor. Im Zentrum standen zum einen die digitalen Tech-Konzerne der USA und Chinas, zum anderen Rechtspopulisten und Autokraten weltweit.
Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (parteilos) wählte starke Worte, als er bei der Buchmesse-Eröffnung vor „Vampirismus“ und „digitalem Kolonialismus“ warnte, vor Ausbeutung und Raub geistigen Eigentums, wenn KI-Systeme unreguliert mit urheberrechtlich geschützten Inhalten trainiert werden.
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Die Rede von Kulturstaatsminister Weimer
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Tech-Konzerne bei Verhandlungen dominant
Es bleibt zu hoffen, dass der Minister zumindest einige Beiträge auf der Messe verfolgt hat, etwa den von Nicole Pfister Fest, Generalsekretärin des European Writers‘ Council (EWC).
Sie beklagte auf einem Panel, Autorinnen und Autoren seien bei der Ausarbeitung des EU AI Acts, des ersten europäischen Gesetzes zur Regulierung von KI, unterproportional und die Tech-Konzerne überproportional vertreten gewesen.
Die Antwort von Barbara Gessler, Leiterin der Vertretung der Europäischen Kommission in Deutschland, war ebenso schwammig wie vielsagend: Die Kommission habe in den Verhandlungen gewisse Sicherheitsaspekte berücksichtigen müssen.
Autor: Tech-Konzerne kontrollieren Kommunikation
Auch die Forderungen des Medienwissenschaftlers Martin Andree könnte Wolfram Weimer mit in die Bundesregierung und zu den EU-Partnern tragen: Andree sagte auf der Literaturbühne von ARD, ZDF und 3sat, US-Konzerne kontrollierten über Monopole inzwischen faktisch die Kommunikation im Internet.
Martin Andree vor seinem Auftritt auf der Literaturbühne.
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Den Konzernen müssten Privilegien und rechtliche Vorzugsbehandlungen entzogen werden, sie müssten zum Beispiel wie andere Medien für strafbare Inhalte haftbar gemacht werden. Andree warnte vor einer Allianz von „Dark Tech“ und Rechtspopulisten.
Tech-Chefs kämen in ihren Jeans und Turnschuhen wie lockere IT-Nerds daher, äußerten sich aber schon lange mindestens demokratieverachtend. Dass mit Elon Musk einer dieser Tech-Milliardäre aktiv am Abbau demokratischer Institutionen in den USA beteiligt ist und offen Rechtsextreme auch in Deutschland unterstützt, war indes nur am Rande Thema der Messe.
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Impressionen von der Buchmesse 2025
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Der Autor Sebastian Fitzek sprach bei der Verleihung der TikTok Book Awards auf der Bühne. Fitzeks neuer Roman heißt: „Horror-Date“. Selbsterklärend geht es in dem Roman um ein Date, das völlig eskaliert.
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Die New-Adult-Literatur lag auf der Buchmesse im Trend. Das Genre profitiert stark von der Popularität auf Social-Media-Plattformen wie TikTok.
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Im Büchertalk mit Moderatorin Bärbel Schäfer stellte der irische Sänger, Songschreiber und Gitarrist Rea Garvey am Samstag auf der Literaturbühne seine Biografie „Before I met Supergirl“ vor.
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Daniel Donskoy signiert sein Buch „Brennen“ auf der Frankfurter Buchmesse.
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Maria Ressa, Friedensnobelpreisträgerin 2021, saß auf der „Center Stage“ mit einem Smartphone in der Hand. Ihrer Ansicht nach steht die Technologie „auf der Seite des Zusammenbruchs und der Zerstörung der Demokratie“.
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Otto Walkes präsentierte sein neues Buch „Kunst in Sicht“.
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Buchstand auf der „Palestinian Liberatory Book Fair“, die als Gegenveranstaltung zur Buchmesse auf einem Grünstreifen gegenüber der Buchmesse in Frankfurt aufgebaut war.
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Mit einer „stillen Kunst-Performance“ haben Demonstranten am Samstagmittag auf der Agora auf die Menschenrechtssituation in Hongkonk aufmerksam gemacht.
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Zum ersten Mal durften Leser in diesem Jahr bereits den ganzen Freitag – und damit drei volle Tage – auf die Buchmesse. Die Messe meldete zum Abschluss ein Besucherplus.
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Jannis Niewöhner, Schauspieler und Preisträger des Julius-Campe-Preis 2025 des Hoffmann und Campe Verlags, sprach auf der Preisverleihung im Frankfurt Studio.
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Die Autorin SenLinYu (they/them) stellte ihren neuen Roman „Alchemised“ vor. Bekannt wurde SenLinYu mit Fanfiction – also Geschichten, die auf bestehenden Welten oder Figuren basieren und von Fans weitergeschrieben werden.
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Politiker und Anwalt Gregor Gysi hat beim Zeit Live-Podcast „Und was machst Du am Wochenende?“ von seinem Wochenendritual berichtet, das meistens aus Arbeit besteht.
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Bestseller-Autorin Caroline Wahl war auf zahlreichen Veranstaltungen der Buchmesse mit ihrem neuen Roman „Die Assistentin“ vertreten.
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In der „Meet the Author“-Area in der Festhalle bildeten sich teils lange Warteschlangen. Bei SenLinYu saßen die Fans schon stundenlang vorher auf dem Boden, um ein Autogramm zu ergattern.
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Der Publizist Michel Friedman war mit seinem Werk „Mensch!“ auf der Frankfurter Buchmesse.
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Loren Legarda, Senatorin der Republik der Philippinen, sprach bei der Eröffnungsfeier der Frankfurter Buchmesse. Unter dem Motto „Fantasie beseelt die Luft“ waren die Philippinen Ehrengast der 2025er-Ausgabe.
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Sängerin Rosie Sula und The Philippine Madrigal Singers traten bei der offiziellen Eröffnungsfeier der Frankfurter Buchmesse auf.
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Leonie Plaar hat das Buch „Meine Familie, die AfD und ich“ geschrieben. Mit Moderatorin Bärbel Schäfer sprach sie darüber, wie Rechtsextremismus Familienmitglieder entzweit.
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Zum Abschluss der Buchmesse bekam der Putin-Kritiker Karl Schlögel von Karin Schmidt-Friderichs, Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels überreicht.
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Warnung vor hybrider Kriegsführung Russlands
Doch was eine Allianz von Tech-Unternehmen, Populisten und Autokraten anrichten kann, davon wussten viele Publizierende zu berichten. Russische Autoren etwa erzählten von exzessiver staatlicher Repression in ihrem Land.
Und der ehemalige NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg warnte vor hybrider Kriegsführung Russlands im Internet.
Heimliche Stars aus dem Buchmesse-Gastland
Besonders beeindruckend war derweil, was die Journalistin, Friedensnobelpreisträgerin und heimliche Star der Messe, Maria Ressa, aus dem Buchmesse-Gastland Philippinen berichtete.
So habe es Rodrigo Duterte – von 2016 bis 2022 Präsident der Philippinen und inzwischen angeklagt vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag – wie kaum ein anderer verstanden, mittels sozialer Medien die öffentliche Meinung zu manipulieren.
Wo sie auftrat, war ihr frenetischer Applaus gewiss: Maria Ressa.
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Facebooks Algorithmen etwa verbreiteten Desinformation und Hassnachrichten, gegen die Faktenchecks chancenlos seien, betonte Ressa, Autorin des Buchs „How to stand up to a dictator“. Meta-Chef Mark Zuckerberg habe die Demokratie „zerbrochen“, bilanzierte sie.
Tausendfache Morde dokumentiert
Von den Opfern von Dutertes politischen Desinformationskampagnen berichtete Ressas Kollegin, die philippinische Investigativreporterin und der zweite heimliche Star der Buchmesse. Patricia Evangelista dokumentierte für ihr Buch „Some people need killing“ tausendfache Morde an angeblichen Drogendealern unter Duterte.
Sie reiste an Tatorte, befragte Polizisten und Angehörige – immer auf die Gefahr hin, selbst ermordet zu werden. Duterte habe es geschafft, Menschen systematisch zu dehumanisieren und so die Morde zu legitimieren, berichtete Evangelista.
Die phillipinische Investigativ-Reporterin Patricia Evangelista (mitte) auf der Frankfurter Buchmesse.
Bild © hr/ Tamara Marszalkowski
Entmenschlichung im Nahen Osten stoppen
Dehumanisierung, Entmenschlichung entgegentreten: Dieser Appell begleitete auch mehrere Gesprächsrunden zum Nahost-Konflikt und zum Gaza-Krieg.
Die Fronten dort verlaufen nicht zwischen Palästinensern und Israelis, sondern zwischen Extremisten und denen, die Frieden wollen, sagte etwa die deutsch-palästinensische Autorin Joana Osman. Alle Opfer dieses Konflikts könnten gleichermaßen betrauert werden.
Geschichten schaffen Menschlichkeit
Geschichten sind eine Möglichkeit, den Menschen wieder ihre Menschlichkeit zurückzugeben. Das zeigte etwa der palästinensische Buchhändler Mahmoud Muna, der in einem Buch Stimmen aus Gaza veröffentlicht hat. Er kritisierte, im medialen Diskurs werde meiste über Menschen dort gesprochen, statt mit ihnen. „Ihnen die Möglichkeit zu nehmen, Geschichten zu erzählen, ist eine höchst entmenschlichende Tat“, sagte Muna.
Das Gespräch suchte unter anderem der deutsch-israelische Autor Tomer Dotan-Dreyfus: Er besuchte die „Palestine Liberatory Book Fair“ vor der Messe: „Gerade als jüdischer Israeli ist mir Begegnung und der Austausch mit unterschiedlichen Perspektiven wichtig”, betonte er. In seinem neuen Buch hinterfragt er seine israelisch-jüdische Familiengeschichte und dort erzählte Narrative.
Autor Tomer Dotan-Dreyfus hat sich am Samstag die „Palestinian Liberatory Book Fair“ angesehen.
Bild © Tim-Tih Kost
Gemäßigte und differenzierte Stimmen taten dem Diskurs auf der Buchmesse gut, denn es waren auch Falschaussagen, sogar eine Holocaustrelativierung zu hören – als der britische Journalist Matthew Teller die Flüchtlingscamps in Gaza als Konzentrationslager bezeichnete, und das ohne Widerrede von den Zuhörenden.
Was bleibt von der Buchmesse 2025?
Was bleibt also nach all den Gesprächen über Krisen und Kriege von der Buchmesse 2025? Zum einen: Geschichten sind wichtiger denn je, oder, um es in den Worten des Schauspielers Jannis Niewöhner zu sagen, der auf der Messe mit dem Julius-Campe-Preis ausgezeichnet wurde: Geschichten – unter anderem in der Literatur – haben eine besondere Kraft.
Verlagsgeschäftsführer Tim Jung (li) und Jannis Niewöhner (r).
Bild © Sonja Fouraté (hr)
Sie „können Brücken zwischen den Menschen sein“, sagte er. Sie könnten Menschen helfen, einander auszuhalten, auch wenn sie unterschiedlich seien. „Das ist das, was wir in unserer Gesellschaft brauchen.“
Zum anderen bleiben die Worte von Maria Ressa in Erinnerung: Die Zivilgesellschaft müsse sich vernetzen, Menschen sich gegenseitig schützen, auch neue technische Strukturen aufbauen, betonte die Nobelpreisträgerin. „Hope lies in action“, die Hoffnung liegt im Handeln.