
In Teilen Berlins wird Englisch zur Alltagssprache, besonders in Cafés, Restaurants und Geschäften. Das finden einige Menschen super – andere stellt es vor Herausforderungen. Von Christina Rubarth und Yasser Speck
Regina und Peter Schulze-Reeck leben seit fast 40 Jahren in der Weserstraße in Neukölln. Die Straße ist beliebt unter Berlinern, Zugezogenen und Touristinnen: Hier reihen sich Bars, moderne Cafés und Second-Hand-Läden aneinander.
Das Rentnerpaar Schulze-Reeck konnte in den vergangenen Jahrzehnten beobachten, wie sich der Kiez um sie herum auch sprachlich verändert hat. In vielen der Läden ist Englisch mittlerweile Alltagssprache geworden. Peter Schulze-Reeck zeigt auf ein Schild, das vor einem Laden hängt. „Man weiß nicht mehr, was in den Läden drin ist, weil es nicht mehr auf Deutsch dransteht“, beschwert er sich. Auf dem Schild steht „Vintage“.

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Fast nur noch Englisch in Neukölln
Wenn sie abends spazieren gingen, hörten sie bis zum Kotti von den Menschen in den Cafés fast nur noch englische Gesprächsfetzen, sagt das Ehepaar. Diese Entwicklung habe bereits vor der Corona-Pandemie begonnen.
„Ich habe vor 50 Jahren in der Schule mal Englisch gelernt“, sagt der 74-Jährige Peter Schulze-Reeck. Davon seien aber nur ein paar einzelne Worte übrig geblieben. Auch seine Frau, Regina Schulze-Reeck, kommt in Berlin sprachlich immer wieder an ihre Grenzen. In der U-Bahn sieht die 68-Jährige beispielsweise Plakate, die nur auf Englisch beschriftet sind. „Ich muss dann googlen, was die mir sagen wollen“, sagt die Berlinerin. „Das nervt mich.“
Zuzug sorgt für sprachliche Vielfalt
Nicht nur die Weserstraße ist internationaler geworden – ganz Berlin erlebt diese Entwicklung. Im Jahr 2024 verzeichnete die Stadt laut Amt für Statistik Berlin-Brandenburg mehr als 185.000 Zu- und knapp 160.000 Fortzüge. Der Zugewinn an Menschen belief sich im vergangenen Jahr auf 27.107 Personen, schreibt das Amt, und: „Der Wanderungsgewinn geht ausschließlich auf die hohe Wanderungsdynamik mit dem Ausland zurück.“

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Gute Bedingungen für Startups
Dass in Teilen Berlins immer mehr Englisch gesprochen wird, hat für die Berliner Startup-Szene eine große Bedeutung. Im Startup-Monitor aus dem Herbst 2025 heißt es, dass Englisch in Berlin „bereits ein klarer Vorteil für die internationale Attraktivität“ sei.
Fast 90 Prozent der für den Monitor befragten internationalen Fachkräfte, die in Berlin arbeiten, gaben an, dass sie mit Englisch als Sprache in Berlin gut durch den Alltag kämen.
Aber nicht nur im Alltag wird vermehrt Englisch gesprochen – auch in den Startup-Büros ist es mittlerweile die Norm. „Bundesweit geben 37,3 Prozent der Startups an, auf Englisch zu arbeiten, in Berlin sind es 67,1 Prozent“, heißt es im Startup-Monitor.
„Das macht Berlin wahnsinnig interessant und begehrenswert für Ausländer, hier in Berlin Fuß zu fassen“, sagt Stefan Franzke, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung „Berlin Partner“.

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Weserstraße im Wandel
Gamze Buldu wurde in Berlin geboren und lebt schon ihr ganzes Leben in der Weserstraße. Ihre Eltern kamen mal als sogenannte Gastarbeiter aus der Türkei nach Deutschland. Heute ist sie selbst junge Mutter und läuft mit ihrem Sohn an der Hand durch die Weserstraße. „Meine Eltern verstehen hier kein Wort. Mir geht es manchmal auch so – obwohl ich ein bisschen Englisch spreche“, sagt sie.
Die Weserstraße fühle sich für sie nicht nach Deutschland an, sondern eher nach New York. Buldu glaubt: „Das sind die vielen Zuwanderer, die in den vergangenen Jahren zu uns gekommen sind: Italiener, Spanier und Franzosen, die sich hier selbstständig gemacht haben und nicht so gut Deutsch sprechen.“ Als Berlinerin müsse sie das akzeptieren. „Irgendwie ist es cool, irgendwie auch nicht – und manchmal nervt es“, sagt sie und muss grinsen.

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Lohnt sich Deutsch für viele nicht?
Dass in Berlin so viel Englisch gesprochen wird, liegt auch daran, dass viele Menschen zum Arbeiten oder Studieren nur für eine begrenzte Zeit nach Berlin ziehen. Da lohnt es nicht, Deutsch zu lernen. Einer, der nur für ein Jahr in Berlin bleibt, ist Karl Dudman. Der Brite ist vor zwei Monaten für einen Forschungsaufenthalt an der Humboldt-Universität aus London nach Berlin gekommen. Dem 32-Jährigen ist ebenfalls aufgefallen, dass in der Hauptstadt viel Englisch gesprochen wird.
„Es ist natürlich schön, dass ich dadurch die Möglichkeit habe, mit Menschen reden zu können“, sagt er. Dudman fühle sich aber auch verpflichtet, so gut es eben geht, Deutsch zu sprechen. „Auch wenn man in vielen Cafés arbeiten kann, wenn man nur Englisch spricht, fühlt es sich dennoch nicht richtig an“, fasst er seine Gedanken zusammen.
Da hilft nur Englisch lernen
Dass in Neukölln viele Sprachen gesprochen werden, ist nichts Neues. Das Viertel ist eines der multikulturellsten Berlins. Regina Schulze-Reeck weiß, dass diese Entwicklung nicht zurückgedreht werden kann und wird. Und sie will es sportlich nehmen: „Man kann es ja nicht ändern. Man müsste sich vielleicht mehr selbst mit der englischen Sprache beschäftigen.“
Sendung: rbb24 Abendschau, 22.10.2025, 19:30 Uhr