
Stand: 18.09.2025 08:23 Uhr
Seit anderthalb Monaten ist die Zugstrecke Hamburg-Berlin gesperrt. Die Bauarbeiten an den Gleisen laufen laut Bahn bislang ohne Probleme. Aber bis Ende April 2026 müssen die Fernzüge weiterhin Umwege fahren und viele Fahrgäste im Regionalverkehr auf den Schienenersatzverkehr ausweichen.
In der Nähe von Wittenberge – kurz hinter der Landesgrenze zu Mecklenburg-Vorpommern – ist in diesen Tagen ein Eisenbahndrehkran im Einsatz, um die Gleise zu erneuern. Wo normalerweise die ICE-Züge mit Tempo 230 in Richtung Hauptstadt rasen, schlendern nun Bauarbeiter in knallorangen Westen über die Gleise. Ihr Auftrag: ein kilometerlanges Stück „fester Fahrbahn“ ausbauen. Das sind Betonplatten, in denen die Schienen eingefügt sind. Die Platten wurden hier im Jahr 1993 testweise verbaut. Dann aber zeigte sich: Sie halten nicht besonders lange.
„Deshalb tauschen wir die Betonfahrbahn nun während der Generalsanierung durch das übliche Schotterbett aus“, erklärt Projektleiter Felix Steffen. Die feste Fahrbahn wird sogar ein paar Tage früher verschwunden sein als ursprünglich geplant. Einfach, weil die Arbeiten so gut voranschreiten.
„Wir kommen gut voran“

Aufwendige Arbeiten: Ein Eisenbahndrehkran hebt eine Betonplatte aus dem Gleisbett bei Wittenberge.
So wie in Wittenberge sieht sich die Deutsche Bahn generell voll im Zeitplan bei der Instandsetzung der Strecke Hamburg-Berlin. „Wir kommen gut voran. Das, was wir bis heute schaffen wollten, haben wir auch tatsächlich geschafft“, sagt DB-Pressesprecher Thomas Wedel. Bislang sind nach Angaben der Bahn 59 Kilometer Gleise erneuert, insgesamt sollen es 165 Kilometer werden. Zudem sind bereits 43 Weichen ausgetauscht worden. Vorgesehen sind knapp 250 neue Weichen.
Der Aufwand ist immens. Täglich sind nach Angaben der Bahn mehr als 1.000 Mitarbeitende auf den Baustellen entlang der Strecke im Einsatz. Dabei werden Tag für Tag nicht weniger als 100 große Baumaschinen verwendet.
Vom 1. August 2025 bis zum 30. April 2026 wird die rund 280 Kilometer lange Strecke zwischen Hamburg und Berlin saniert. Während der neunmonatigen Bauphase erneuert die Deutsche Bahn insgesamt 165 Kilometer Gleise und setzt weitere 61 Kilometer Gleise instand. Insgesamt werden 249 Weichen eingebaut. Auch die Oberleitung wird teilweise erneuert. Sechs neue Stellwerksgebäude werden errichtet und 19 Stellwerke modernisiert. Zudem schafft die Deutsche Bahn sechs zusätzliche „Überleitstellen“, damit künftig schnellere Züge des Personenverkehrs langsamere Güterzüge überholen können. Schließlich werden 28 Bahnhöfe modernisiert. Hingegen wird eine modernere Signaltechnik erst in einer späteren Bauphase kommen.
Erst die Gleise, dann die Signaltechnik
Die Reihenfolge der Baumaßnahmen ist klar: Erst werden die Gleise erneuert, dann die Oberleitung und die Signaltechnik in Angriff genommen. Im Bauabschnitt bei Wittenberge sollen die Gleisbauarbeiten im November abgeschlossen sein, bevor der Winter kommt. „Bei Temperaturen von 3 Grad oder weniger können wir die Gleisbauarbeiten nicht fortsetzen“, sagt Projektleiter Steffen. Aber er zeigt sich zuversichtlich, dass der Winter kein Problem sein wird. „Bevor der richtige Winter kommt, wollen wir schon fertig sein.“

Die Bahnstrecke Hamburg-Berlin ist bis Ende April 2026 gesperrt – mit massiven Folgen für den Fern- und Regionalverkehr.
Der Gleisbau ist nicht unbedingt das, was bei der Generalsanierung besonders zeitraubend ist. „Die Oberleitung, die für die Arbeiten am Gleisbett abgebaut werden musste, muss wieder aufgebaut werden. Die Signaltechnik muss wieder aufgebaut werden, Kabel müssen verlegt werden“, schildert Steffen das Prozedere. „Das alles muss am Ende auch sicher abgenommen werden, damit die Züge hier wieder mit Tempo 230 fahren dürfen. Und weil das alles so aufwendig ist, dauert die Sperrung bis April 2026.“
Ist die Vollsperrung die beste Lösung?

Ab Mai 2026 sollen hier wieder ICE-Züge mit einer Geschwindigkeit von 230 km/h fahren.
Die Vollsperrung ist für viele Bahnreisende ein großes Problem. Gerade Pendler, die täglich auf den Zug angewiesen sind, müssen große Zeitverluste in Kauf nehmen. 170 Ersatzbusse sind auf 28 Routen im Einsatz. Die Deutsche Bahn sieht in der neunmonatigen Vollsperrung dennoch die beste Lösung – auch im Sinne der Fahrgäste. „Wir erneuern knapp 250 Weichen. Würden wir das im laufenden Zugverkehr machen, müsste die Strecke über einen Zeitraum von zweieinhalb Jahren immer wieder abschnittsweise gesperrt werden“, sagt Pressesprecher Wedel.
Auch 28 Bahnhöfe werden modernisiert
„Und dann hätten wir nur die Weichen erneuert. Jetzt machen wir eine Vollsperrung über neun Monate, haben aber nicht nur die Weichen auf dem Zettel, sondern auch 165 Kilometer Gleise, fünf Kilometer Schallschutzwände, teilweise neue Oberleitungen und sechs neue Stellwerke“, sagt Wedel. „Und, was man auch nicht vergessen darf: Wir modernisieren 28 Bahnhöfe auf der Strecke während der Vollsperrung.“ Teilweise werden die Bahnsteige verlängert oder neue Aufzüge eingebaut.
Video:
Bahn-Sperrung: Wie läuft die Hamburg-Berlin-Umleitung? (3 Min)
„Und dann haben wir für mindestens fünf Jahre Ruhe“
Was bringt die sogenannte Generalsanierung zwischen Hamburg und Berlin den Zugreisenden hinterher? Projektleiter Steffen hebt hervor, dass dann weitere Bauarbeiten auf der Strecke in absehbarer Zeit nicht mehr nötig sein werden: „Wir wissen, dass wir nach der Generalsanierung erstmal die nächsten fünf bis zehn Jahre Ruhe haben.“ Und auch die Störanfälligkeit sei künftig viel geringer – zum Beispiel durch die vielen neuen Weichen. „Jeder Bahnreisende kennt doch die Ansage: ‚Zug fährt nicht wegen Weichenstörung!‘ Mit einer neuen Weiche gibt es dieses Problem vorerst nicht mehr“, so Steffen.
Einseitige Sperrung wäre besser für Fahrgäste, aber teurer
Der Fahrgastverband Pro Bahn hätte sich hingegen gewünscht, dass die Deutsche Bahn auf die Vollsperrung verzichtet. „Die Bahn tut, was der Bund sagt. Und der Bund sagt: ‚Baut so billig, wie es nur geht.‘ Und das tun sie hier auf der Strecke Hamburg-Berlin. Wenn man die Strecke nur einseitig gesperrt hätte, wäre das teurer geworden. Das wäre aber für die Fahrgäste natürlich besser gewesen“, sagt Martin Pogatzki von Pro Bahn.
Pro Bahn: „Instandhaltung ist das bessere Wort“
Die Sanierung ist seiner Ansicht nach durchaus sinnvoll. Der Verband hält die Bezeichnung „Generalsanierung“ aber für nicht ganz treffend. „Instandhaltung ist eigentlich das bessere Wort für diesen Streckenabschnitt“, sagt Pogatzki. „Man wird als Fahrgast hinterher nicht merken, dass es besser geworden ist. Es wird nur über längere Zeit so bleiben, wie es war. Wenn die Bahn die Arbeiten jetzt nicht machen würde, würde es ganz schnell schlechter werden.“
Die nächste Sperrung ist schon absehbar
Pro Bahn bedauert, dass die Deutsche Bahn während der neunmonatigen Sperrung nicht auch die Signaltechnik modernisiert – so wie es zwischenzeitlich geplant war. „Es war eigentlich gedacht, dass man das europäische ETCS-System in der Signaltechnik dort einführt“, sagt Pogatzki. ETCS steht für European Train Control System. „Das heißt: Man könnte dann auf der Strecke Hamburg-Berlin einen dichteren Takt fahren – und an einigen Stellen auch schneller.“ Die moderne Signaltechnik könnte zudem die Pünktlichkeit verbessern.
Für Pogatzki ist klar: Die Deutsche Bahn werde die Signaltechnik zu einem späteren Zeitpunkt nachrüsten. „Und deshalb werden wir leider wieder mit einer Sperrung in den nächsten zehn Jahren zu rechnen haben.“

Der Bahnhof ist jetzt zum wichtigen Umsteigebahnhof geworden, vor allem am Nachmittag wird er zum Nadelöhr.

Der von der Bahn vorgeschlagene Streckenneubau zwischen Hamburg und Hannover lasse viele Fragen offen, sagt Grant Hendrik Tonne (SPD) auf NDR Info.

Für neun Monate gibt es eine Vollsperrung. Weite Gebiete in Mecklenburg-Vorpommerns sind damit vom Zugverkehr abgeschnitten.