Geoökonomie. Die neue Ordnung wird politisch geprägt und fragiler als bisher sein. Sie bietet aber auch eine große Chance für die Europäer.
Jamieson Greer, Handelsbeauftragter von Donald Trump, macht Druck. China stehe kurz vor einer „Machtergreifung der globalen Lieferkette“, warnt er. Kurz zuvor hatte Peking die Ausfuhr seiner Seltenen Erden weiter beschränkt. Die Amerikaner drohten daraufhin mit einem sagenhaften Zollsatz von 100 Prozent. Die beiden Gorillas der Weltwirtschaft, Washington und Peking, fletschen die Zähne. Beißt der eine zu, wird der andere zurückbeißen.
Der Werkzeugkasten der Kontrahenten ist gut gefüllt. Autokraten und Regierungen, die wirtschaftliche Verflechtungen als Druckmittel einsetzen wollen, stehen Sanktionen, Embargos, Blockaden zur Verfügung. Zölle, oft spezifisch auf Gütergruppen oder Regionen zielend, und Handelsabkommen zählen dazu. Über Export-, Import- und Investitionskontrollen kann man Mauern errichten. Das gelingt auch mit nichttarifären Handelshemmnissen, wie der verschleppten Abfertigung ausländischer Güter, die in Containern verrotten. Auch die Entwicklungs- und Katastrophenhilfe wird zum Erreichen geopolitischer Ziele genutzt. Die fließende Grenze von einem Handelskrieg zum offenen Krieg wird bei Spionage, Sabotage, hybriden Angriffen auf Cyberstruktur oder Finanzmarkt gestreift oder gar überschritten. Auch das Verunsichern von Bevölkerung, etwa durch Drohnen, gehört in dieses Feld.
Der Versuch, wirtschaftliche Beziehungen zum einseitigen Vorteil zu nutzen, sie gar einzusetzen, um Staaten zu zerstören, ist so alt wie die Menschheit. Zwei deutsche Nationalökonomen gaben der Strategie, Geopolitik und Wirtschaft zusammenzudenken, einen Namen: Ohne von den Arbeiten des anderen zu wissen, führten Arthur Dix und Wilhelm Röpke vor 100 Jahren den Begriff „Geoökonomie“ ein. Dix machte das Wortungetüm 1925 erstmals zum Titel eines Wirtschaftsbuches. Röpke brachte den Begriff schon 1922 zu Papier.
Hinweis:
Gastkommentare und Beiträge von externen Autoren und Autorinnen müssen nicht der Meinung der Redaktion entsprechen.
Die beiden Denker konnten unterschiedlicher kaum sein: Dix’ Rat war bei Konservativen, Kolonisatoren und Imperialisten der Weimarer Jahre gefragt. Später verfasste er eine Eloge auf Adolf Hitler, in der er ihn einen Propheten nannte. Dix schreibt: „Geoökonomisches Denken erkennt es objektiv als schwerste Schädigung der Weltwirtschaft, daß einem durch seine geographischen Lebensbedingungen zu höchster Energieentfaltung erzogenen Volke der freie Zugang zu unentbehrlichen Rohstoffgebieten entzogen, die selbstständige Fortentwicklung durch tausend Fesseln gehemmt, die Aufnahmefähigkeit gegenüber dem Weltmarkt durch untragbare Lasten genommen ist.“
Röpke wurde im Jahr, als Dix’ „Geoökonomie“ erschien, mit 24 Jahren Deutschlands jüngster Professor. Von den Nazis wurde der liberale Hochschullehrer sofort entlassen, floh in die Türkei und lehrte später in Genf. Er glaubte, dass Globalisierung allen Menschen diene, weil sie zur weltumspannenden Integration führe. Durch „protektionistischen Autarkismus“ lasse sie sich nicht aufhalten. Schließlich sprach der spätere Exilant dann von den „durch das goldene Band der Weltwirtschaft verbundenen Völker(n)“.
Das „goldene Band“, nun Globalisierung genannt, hat im vorigen Jahrhundert hunderte Millionen aus der Armut geführt. Für viele wirkte es, als nähmen globale Konflikte ab. Wo sie noch waberten, sollte „Wandel durch Handel“ greifen. Es war eine schön klingende Illusion vor allem europäischer Demokratien, mit der sich — auf Kosten anderer — für eine Zeit gut leben ließ.
Chinas Beitritt zur Welthandelsorganisation (2001), Putins Angriff auf die Ukraine (2022), Trumps zweite Amtsübernahme (2025) markierten Wendepunkte. Die Geoökonomie steht wieder hoch im Kurs. „Was wir als internationale Ordnung für selbstverständlich hielten, hat sich innerhalb kürzester Zeit in internationale Unordnung verwandelt. Die Welt ist erneut geprägt von imperialem Machtstreben und imperialen Kriegen. Von autoritären Mächten, die bereit sind, unsere Differenzen oder Abhängigkeiten schonungslos auszunutzen“, warnt EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen.
Angesichts des heraufgezogenen Endes der pax americana wird eine neue Ordnung wesentlich stärker als bislang politisch geprägt sein, fragiler, von wechselnden Interessen bestimmt werden. Dagegen hilft nur eines: nicht nur Politiker, auch Wirtschaftsführer müssen geoökonomisch denken. Denn jeder Schnitt in die weltweite Vernetzung, jede Blockade – gewollt durch Zölle oder Sanktionen, oder ungewollt, wie etwa durch einen Unfall im Suezkanal – führt in diesem System zu schmerzlichen Ausfällen, die zu Katastrophen wachsen können. Wirtschaftliche Stärke bildet die wichtigste Grundlage, um Einfluss zu erlangen. Erst wirtschaftspolitische Spielräume erlauben politisches Handeln.
Genau in dieser Zeit aber ist die EU zerstritten, belastet von Schuldenpaketen, ächzend unter dem Druck nationaler Bewegungen. Dabei hätte sie genau jetzt ihre Chance. Denn je mehr die USA mit Zollbarrieren Partner vergrault, je stärker China sein wahres, autokratisches Gesicht zeigt, umso attraktiver kann Europa erscheinen. Immer mehr Länder auf der Welt suchen Partner. Der „alte Kontinent“ aber wirkt nur glaubhaft, wenn Brüssel sein Lastenheft weiter abarbeitet. Die EU muss neue Märkte öffnen, etwa durch abgespeckte Freihandelsverträge. Brüssel arbeitet sich voran, will nach Mercosur und Indonesien auch Australien, Malaysia und v. a. Indien gewinnen. Das ist Schwerstarbeit: Es geht nur ohne erhobenen Zeigefinger und mit Zugeständnissen. Afrika, Zentralasien und der arabische Raum müssen stärker ins Auge gefasst werden. Zeitgleich müssen Forschung und Entwicklung in Europa unter Hochdruck ausgebaut werden, auch durch das Anlocken von Wissenschaftlern, die die USA verlassen.
Auch Unternehmen können versuchen, Zollschranken durch Investitionen in den USA zu vermeiden oder tiefer in Drittländer vorzudringen. Ein europäischer Rohstofffonds muss rasch in Fahrt kommen. Anspruchsvoll, aber von extremer Bedeutung sind die Lagerhaltung unter den neuen Vorzeichen, sowie das Aufrechterhalten von Lieferketten. Rüstung und KI sind Zukunftsfelder, die in alle Branchen abstrahlen. Sie brauchen Start-up-Kapital, Fachkräfte, ein verlässliches regulatorisches Umfeld – das muss Europa bieten. Dabei könnte die Wirtschaft auf Vorhandenes aufsatteln: viele europäische Unternehmen haben international einen guten Ruf, ihre Produkte sind teuer, aber hoch angesehen. Einkäufer und Ingenieure sind bestens ausgebildet und vernetzt. Viele mittelständische Firmen sind seit Jahren weltweit unterwegs. Genau jetzt könnten die Europäer mit diesen Pfunden wuchern. Wenn sie die Dringlichkeit erkennen und sich aufstellen für eine andere Welt.
Dann könnte Europa eine regelbasierte Ordnung neu gestalten. Natürlich wird es nicht ohne die USA oder China gehen. Da sich Europa aber weder auf Trump noch auf Xi wird verlassen können, drängt die Annäherung an Südost- und Zentralasien, an Afrika, an den erstarkenden Globalen Süden. Europa bietet einen riesigen, kaufkräftigen Markt, Innovationskraft, Rechtssicherheit, Vielfalt. Es hat das Rüstzeug, in einer aus den Fugen geratenen Welt relevant zu bleiben.
Der Autor: Christoph Hein (*1960) ist Autor und Journalist, 25 Jahre lang war er Wirtschaftskorrespondent der „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ in Asien. Heute leitet er den Newsletter „F.A.Z. PRO Weltwirtschaft“. 2025 neu erschienen: „Unsere Wirtschaft neu denken“ (Brandstätter). Markus Kirchgessner
Lesen Sie mehr zu diesen Themen: