Das Nationaltheater Mannheim zeigt in der „Oper am Luisenpark“ Wagners „Lohengrin“ als schauriges Mittelaltermärchen

Person in weißem Kostüm mit Masken-Make-up hält Perücke und zwei senkrechte Leuchtstäbe auf einer Theaterbühne.

Heerrufer Nikola Diskić und Elsa (Astrid Kessler) in Vontobels düsterem Mannheimer „Lohengrin“ – einer von drei neuen Oberrhein-Inszenierungen zwischen Erlösungssehnsucht und Gewalt.

Foto: Christian Kleiner

In Zeiten des Umbruchs sei die Sehnsucht nach einem „Erlöser“ und „einer klaren und nicht zu verändernden Gewissheit“ groß. Das sagt Roger Vontobel, der bei den Wormser Nibelungenfestspielen mehrfach Regie geführt hat und elegant den Bogen vom Mittelalter ins Heute ziehen kann. Am Nationaltheater Mannheim, wo Intendant Albrecht Puhlmann dem Schweizer Regisseur seit Jahren die Treue hält, hatte Vontobel nun die Möglichkeit, dies bei „Lohengrin“ zu untermauern. Genauer gesagt im respektablen Ausweichquartier der Oper am Luisenpark, kurz OPAL, dessen riesige Bühnenmaße denen des Stammhauses entsprechen. Dort läuft die Sanierung offenbar nach Plan, wenngleich die charmante Lautsprecherdurchsage der Elsa-Sängerin, man sehe sich bald am Goetheplatz, für Lacher sorgte.

„Lohengrin“ auch in Karlsruhe und Baden-Baden in neuer Inszenierung

Die große Sehnsucht nach einem „Erlöser“ erfasste offenbar gleich mehrere Theatermacher am Oberrhein, was dazu führt, dass Wagners „Lohengrin“ innerhalb weniger Monate dreifach in Erscheinung tritt. Der Schwanenritter könnte sich auf seinem Nachen bequem vom Schwan rheinaufwärts ziehen lassen und in Karlsruhe und Baden-Baden Station machen. Bereits drei Wochen nach der Mannheimer Premiere wird er am Badischen Staatstheater anlegen, bevor er pünktlich zu den Osterfestspielen in Baden-Baden im Festspielhaus ankommt. Stets in neuer Gestalt.

In Karlsruhe tritt Manuel Schmitt als jüngster im Regie-Triumvirat an. Mit der in Wuppertal praktizierten Verknüpfung von Ethel Smyths Einakter „Der Wald“ und Schönbergs Monodram „Erwartung“ zum bildmächtigen Psychothriller hat Schmitt kürzlich Ehren eingefahren und weithin Aufmerksamkeit gefunden. Beim Besuch der Mannheimer Premiere musste er sich nichts mehr abschauen.

Wie Mannheim setzt Karlsruhe, mit der Ausnahme des Lohengrin-Gastes Mirko Roschkowski, auf die Güte des eigenen Ensembles. Für den Einstand der Joana Mallwitz, die mit dem Mahler Chamber Orchestra bei den Osterfestspielen eine neue Ära einleitet, versammelt das Festspielhaus dagegen ein exquisites Ensemble um den derzeit kostbarsten Schwanenritter, den Tenor Piotr Beczala.

In Baden-Baden wird Johannes Erath die Oper in Szene setzen, die er bereits vor zwölf Jahren in Graz als traumverlorenes Märchen in romantischer Schneelandschaft gezeigt hatte, dessen pure Schönheit abrupt in der Gegenwart endet. Die Aufführung begeisterte auch in Oslo. Für Baden-Baden tritt er mit einem neuen Team an.

Brabant prallt auf düsteres Mittelalter-Szenario

Dreimal Lohengrin. Man darf gespannt sein, ob er einmal „in glänzender Silberrüstung“ erscheint, „den Helm auf dem Haupte, den Schild im Rücken, ein kleines goldenes Horn zur Seite.“ Jedenfalls nicht bei Vontobel, der ein schaurig schwarzes Fantasy-Mittelalter zeigt, in dem der deutsche Kaiser Heinrich mit seinem weiß gekleideten Gefolge und Priestern die Christianisierung vorantreibt und in Brabant auf eine wilde Horde trifft, die noch dem heidnischen Glauben des verstorbenen Fürsten und dessen Tochter Ortrud anhängen.

Hier die steife Soldateska mit rotem Kreuzzeichen auf dem Kopf, Leuchtröhren und Weihrauchgefäß, dort die gewaltfreudigen Warlords in schwarzer Kampfkluft und mit halb rasierten Köpfen bei Männern und Frauen. Das Ganze spielt in einem Märchenwald, dessen Schlangenbäume – als simples Bild für die gegensätzlichen Welten – in ein grobes Holzhäuschen übergehen, das zugleich Münster wie später Brautgemach ist, wo die schmale Massageliege auf den unglücklichen Verlauf der Hochzeitsnacht hinweist.

Bereits im Vorspiel, dessen „blau-silberne Schönheit“ sich nicht unbedingt einstellen will, da Roberto Rizzi Brignoli auch anschließend zu lange darum kämpft, die Massen musikalisch zusammenzuhalten, zeigen die Videodesigner Clemens Walter und Jonas Dahl einen glitschigen, lehmig schlammigen Urgrund, aus dem sich Gestalten wie aus dem Unterbewusstsein und Wunschdenken schälen.

Auch das Wunder Lohengrin ist solch ein weiß-kalkiger Ritter, mehr Golem als Engel, ein Gegenpol zu der im Sünderinnengewand barmenden, von Astrid Kessler herb, doch souverän gesungene Elsa. Jonathan Staughton gestaltet den Ritter mit statuarischer Geziertheit, sprödem Tonansatz und einem eher kämpferisch posaunenden denn lyrisch verführerischen Tenor.

Joachim Goltz sang einen wie mit dem Schwert gemeißelten Braveheart-Telramund, neben dem die von Urwesen umgebene Feuer-Zauberin Ortrud der Julia Faylenbogen verblasste. Nicola Diskić gab den Heerrufer als lüsternen Bluthund seines Herrn, den Patrick Zielke ohne die Fülle sang, die der Heinrich vertragen würde.

Service

Termine: 31.10., 18 Uhr; 2., 8., 16., 23. 11, 17 Uhr; 19.12. 18 Uhr; 11.1., 15 Uhr.

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