Droht den europäischen Autoherstellern eine Übernahme durch die Konkurrenz aus China? Davor warnt nun zumindest Carlos Tavares, ehemaliger Chef des Peugeot- und Jeep-Herstellers Stellantis, im Interview mit der britischen Financial Times. In den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren, so Tavares, würden chinesische Autobauer in Europa weiter Fuß fassen und gezielt Fabriken übernehmen, die vor dem Aus stehen.
„Für die Chinesen eröffnen sich viele schöne Möglichkeiten“, sagte der frühere Stellantis-Chef. „Wenn ein westlicher Autobauer in ernsthafte Schwierigkeiten gerät und Fabriken kurz vor der Schließung stehen, wird ein chinesischer Hersteller kommen und sagen: ‚Ich nehme es und behalte die Arbeitsplätze‘“ – dadurch würde man ihn als Retter betrachten. „Der Grund ist einfach: Sie wollen uns eines Tages schlucken.“ Was sagt die deutsche Automobilindustrie zu diesen Warnungen – und wie reagiert die IG Metall? Würden die Beschäftigten deutscher Autowerke tatsächlich für chinesische Hersteller arbeiten, wenn dadurch ihre Jobs gesichert blieben?
Ex-Stellantis-Chef: „VW steht für die Unfähigkeit Europas“
In dem Interview zeichnet Tavares ein düsteres Bild für die europäische Autoindustrie. Strenge EU-Vorgaben, hohe Produktionskosten und eine unklare Industriepolitik hätten die europäischen Hersteller geschwächt. Chinesische Konzerne wie BYD würden hingegen mit massiver staatlicher Unterstützung und günstiger Produktion immer stärker. VW stehe für die „Unfähigkeit Europas, sich zu verändern“, schrieb er, während der US-E-Autobauer Tesla am Ende vollständig von chinesischen Herstellern überholt werde.
Tavares kritisierte die Entscheidung der EU, ab 2035 keine neuen Verbrenner mehr zuzulassen, als „stupide“ und prophezeite, dass Brüssel diesen Kurs wieder aufgeben werde. Die Milliardeninvestitionen in Elektroautos seien, so seine Warnung, womöglich vergeblich gewesen. In seinen kürzlich erschienenen Memoiren prognostiziert Tavares, dass weltweit nur fünf oder sechs Autohersteller überleben werden – darunter Toyota, Hyundai und BYD.
BYD will Vertriebsstandorte in Deutschland verdreifachen
Tavares’ drastische Prognosen scheinen in Teilen bereits einzutreffen. Während VW, BMW und Mercedes seit Monaten starke Gewinneinbrüche und sinkende Absatzzahlen melden, boomt der chinesische Automarkt geradezu. BYD ist mit 4,3 Millionen verkauften Autos im Jahr 2024 mittlerweile zum viertgrößten Autobauer der Welt aufgestiegen. Zwar ist der Marktanteil chinesischer Hersteller in Europa bislang noch überschaubar. Doch BYD plant längst eine Großoffensive auf VW und Co., wie der chinesische Autobauer kürzlich im Interview mit der Berliner Zeitung bestätigte. Bis Ende 2026 will BYD die Zahl seiner Vertriebsstandorte in Deutschland verdreifachen.

Große Ankündigung auf der diesjährigen IAA in München: Bis Ende 2026 will BYD die Anzahl seiner Vertriebstandorte in Deutschland verdreifachen.Flynn Jacobs/Berliner Zeitung
Bereits Anfang des Jahres kursierten Berichte, dass chinesische Käufer ein Auge auf die zwei kriselnden VW-Werke in Dresden und Osnabrück geworfen hätten. Zwar wurden die beiden Standorte im Zuge der Tarifeinigung mit der IG Metall Ende 2024 vor einer drohenden Schließung gerettet – allerdings wird dort jeweils Ende dieses Jahres die Fahrzeugfertigung eingestellt. China scheint in dieser Situation eine Chance zu wittern. VW dementierte die Berichte entschieden und betonte gegenüber der Berliner Zeitung, dass „bei Volkswagen kein Standort zum Verkauf“ stehe. Doch ändert sich die Lage möglicherweise, falls die Krise bei VW noch länger anhalten sollte? Wie reagiert die deutsche Autobranche auf die Warnungen des ehemaligen Stellantis-Chefs?
IG Metall über China-Übernahme: Hauptsache, die Jobs bleiben
Bei der IG Metall blickt man gelassen auf mögliche chinesische Investitionen in Deutschland. Entscheidend sei für die Beschäftigten nicht, wem ein Werk gehöre, sondern „dass es gute, sichere und fair bezahlte Arbeitsplätze gibt“, sagt ein Sprecher der Gewerkschaft auf Anfrage der Berliner Zeitung. Wenn ausländische Investoren – etwa aus China – mit einer langfristigen und nachhaltigen Strategie in Deutschland aktiv würden, könne das durchaus positiv sein. „Wenn diese Unternehmen sogar Arbeitsplätze sichern, die sonst verloren gingen, ist das zu begrüßen“, so der Sprecher weiter. Viele Beschäftigte sähen das ähnlich, auch wenn es verständlicherweise Vorbehalte gebe.
Zugleich weist die IG Metall auf offene Fragen bei Mitbestimmung und Tarifbindung hin. „Was gelebte Mitbestimmung und die Durchsetzung von Tarifverträgen angeht, ergibt sich bisher ein gemischtes Bild“, betont der Sprecher. Zwar erlebe man „vergleichsweise selten harte Union-Busting-Strategien“ (Versuche, gewerkschaftliche Strukturen zu schwächen oder Betriebsräte einzuschüchtern, Anm. d. Red.), wie sie bei anderen internationalen Konzernen vorkämen. Schwieriger sei allerdings häufig die Kommunikation: „Wenn Betriebsräte niemanden auf chinesischer Seite erreichen, bleiben Konflikte tendenziell ungelöst.“
VDA heißt Chinesen willkommen – fordert aber fairen Wettbewerb
Auch der Verband der Automobilindustrie (VDA) reagiert nüchtern auf die Warnungen von Carlos Tavares. Eine Sprecherin betont auf Anfrage, die deutsche Autoindustrie stelle sich „dem globalen Wettbewerb“ und heiße auch chinesische Hersteller in Europa „grundsätzlich willkommen“. Entscheidend sei jedoch, dass auf beiden Seiten „gleiche Wettbewerbsbedingungen und ein Level-Playing-Field“ gelten.
Die von der EU verhängten Ausgleichszölle auf chinesische E-Autos bezeichnete der Verband als „Fehler“. Der VDA setze sich für freien, regelbasierten Handel ein und fordere stattdessen, dass Europa seine eigenen Standortbedingungen verbessere – etwa bei Energiepreisen, Bürokratie und Infrastruktur. Auch bei der Klimapolitik geht der Autoverband auf Distanz zur EU. Die aktuellen CO₂-Ziele seien „so derzeit nicht zu erreichen“. Der VDA fordert technologieoffene Regeln – und sieht Potenzial nicht nur bei Elektroautos, sondern auch bei Hybriden und synthetischen Kraftstoffen.
Während Tavares vor einem „Verschlucken“ der westlichen Hersteller warnt, blicken die deutschen Akteure nüchterner auf die neue Realität: Die IG Metall hofft auf sichere Jobs, der VDA auf faire Spielregeln. Ob China zum Retter oder zum Rivalen der europäischen Autobauer wird, scheint weniger von Peking abzuhängen – sondern von Europas Fähigkeit, seine eigene Industriepolitik neu auszurichten.