Ein Kurs für Menschen mit Lernschwierigkeiten und großen Wünschen

In seiner Wohngruppe in Freital hat Sebastian keinen eigenen Internetzugang – noch nicht. „Vielleicht klappt es ja demnächst“, sagt er optimistisch. Denn es koste zwar Geld, aber schließlich arbeite er ja: „Ich falte Kisten und übernehme verschiedene Montagetätigkeiten in einer Behindertenwerkstatt. Nach der Förderschule hat er eine Ausbildung als Garten- und Landschaftsbauer abgeschlossen, doch in der Werkstatt fühle er sich wohler. „Da geht es behüteter zu.“

Seine Traumfrau hat er dort aber noch nicht gefunden, deshalb nun der VHS-Kurs „Liebe online finden: Partner-Suche leicht gemacht!“. Der mehrwöchige Workshop in einfacher Sprache mit Dozentin Jacqueline Haase richtet sich an Menschen mit sogenannten geistigen Behinderungen – oder wie es in der inklusiven Bildung heißt: Menschen mit Lernschwierigkeiten.

Sie brauchen im Alltag mehr Unterstützung, haben aber genauso den Wunsch nach Nähe, Liebe, Partnerschaft und Selbstbestimmung. Sebastian sitzt aufrecht am Tisch, die Hände auf der Tastatur, bereit für den nächsten Schritt. Doch hier kommt er nicht weiter. Jaqueline Haase setzt sich zu ihm. Dating-Seiten in einfacher Sprache gibt es kaum.

Unternehmungslustiger ER sucht unternehmungslustige SIE

Ein befreundetes Pärchen hätte ihm den Kurs empfohlen, erzählt er. Denn sie wissen, wie gerne er in einer festen Partnerschaft wäre. „Ich würde gern mit ihr ins Kino gehen, gemeinsam mit anderen Pärchen, mit denen ich befreundet bin. Dann wäre ich nicht immer so das fünfte Rad am Wagen.“

Auch Spaziergänge, Radtouren oder Ausflüge in andere Städte stehen auf seiner Wunschliste. Etwa zweimal im Jahr geht Sebastian Günther zu Dynamo Dresden ins Stadion, vielleicht würde seine Zukünftige ihn auch dorthin begleiten? Oder ihm beim Fußballspielen zusehen? Gemeinsam mit Dozentin Jaquline Haase hat er überlegt, wen er sucht und was er zu bieten hat. „Ich bin hilfsbereit und unternehme gern was“, erzählt er. „Am liebsten gemeinsam mit Freunden.“

Komplizierte Anmeldung auf Dating-Seiten gemeinsam meistern

Er sitzt aufrecht, die Hände auf der Tastatur, bereit für den nächsten Schritt. „Wie lautet dein Passwort?“, unterbricht Frau Haase seine Überlegungen. Sebastian zuckt zusammen und sagt kleinlaut: „Hab ich vergessen. Und ich hab’s auch nicht dabei.“ Also: neu registrieren. Frau Haase atmet kurz ein und wieder aus. Nützt ja nix.

Der Anmeldeprozess ist langwierig. Manche Begriffe sind schwer verständlich. „Willst du eine Partnerschaft mit Erotik oder ohne Erotik?“ Sebastian fragt: „Wie ist das gemeint?“ Nach der Erklärung schüttelt er den Kopf: „Nee, ich mag das nicht so.“ Haase setzt das Häkchen entsprechend.

Dann weiter: Religion, Lebensstil, Beziehungsform, sexuelle Orientierung. Dass jemand auf einer Dating-Seite nach der großen Liebe sucht, bedeutet nicht, dass er weiß, was Worte wie „intersexuell“, „mongam“, „ökologischer Lebenstil“ oder „Swinger“ bedeuten. Jaqueline Haase erklärt, lacht, wartet und fragt nach. Dabei verliert sie nie die Geduld. „Das wären doch auch alles Themen für ein erstes Date“, sagt sie als wieder ein Begriff für Stirnrunzeln bei Sebastian Günther sorgt.“

Dating-Kurs-Dozentin: „Erwartungen oft nicht realistisch“

Für Menschen wie Sebastian gestaltet sich die Partnersuche alles andere als leicht, weiß Dozentin Jaqueline Haase. „Bei einigen gehen die Erwartungen, was sie sich wünschen, und das, was sie bieten können, stark auseinander.“ Ihr Kurs soll helfen, eigene Stärken zu erkennen und Enttäuschungen vorzubeugen. „Ich sag‘ dann auch schon mal: ‚Du bist über 50 – da kann man nicht erwarten, dass eine 18-Jährige auf dich wartet.‘ Es bringt ja auch nichts, Dinge zu beschönigen.“

Mit direkter, aber liebevoller Art spricht Haase über Selbst- und Fremdwahrnehmung. „Was nützt es dir, wenn die Frau aussieht, wie ein Topmodel, wenn ihr euch nicht unterhalten könnt“, fragt sie. Sebastian nickt. Aber lange Haare soll sie trotzdem haben und hübsch solle sie sein. Dafür nimmt er sich vor, mehr auf Körperpflege zu achten. „Das vergesse ich manchmal.“

An diesem Montag hat er es nicht vergessen. Sebastian sieht gepflegt aus. Seine Augen leuchten. Er ist hochmotiviert dabei. „Nur schimpfen soll sie nicht, lieber gemeinsam malen oder basteln“, denn mit Geschimpfe könne er wegen seiner Verhaltensstörung nicht gut umgehen, erzählt er offen.

Größte Schwierigkeit: passendes Portal finden

Ein passendes Dating-Portal zu finden, ist laut Haase besonders schwierig. Spezielle Plattformen für Menschen mit Behinderung seien oft teuer oder schlecht nutzbar. Selbst Plattformen, die sich auf den ersten Blick auf Menschen mit Handicap spezialisiert haben, entpuppen sich aus ihrer Sicht auf den zweiten Blick als ungeeignet. Komplizierte Anmeldeprozesse, teils hohe Kosten – besonders für Männer: „Wir haben es ja in diesem Bereich nicht mit Top-Verdienern zu tun, sondern mit Menschen, die häufig nur eine kleine Rente beziehen oder ein geringes Gehalt.“

Deshalb probiert sie mit den Teilnehmenden verschiedene Seiten aus – auch ganz „normale“ Datingseiten. „Doch da wollen die Frauen dann oft Männer mit viel Geld oder hohem Status, das können meine Teilnehmer hier natürlich nicht bieten“.

Auch haben nicht alle in ihrem Kurs Zugang zum Internet. Einige Nachrichten gehen daher auf ihrem Handy ein. „Wenn wir uns zwischendurch mal in anderen Kursen hier an der VHS sehen, schauen wir uns gemeinsam die Nachrichten an.“

Online-Dating-Kurs vermittelt alltagsnah Medienkompetenz

Die Idee zum Kurs stammt von Annika Gränz, Referentin für barrierefreies Lernen an der VHS Dresden. Sie entwickelt Bildungsangebote in Leichter Sprache – speziell für Menschen mit Lernschwierigkeiten. „Die Partnersuche ist eigentlich nur der Aufhänger“, sagt sie. „Im Kurs geht es um viel mehr – um Selbst- und Fremdwahrnehmung, um digitale Teilhabe und darum, wie wir miteinander leben wollen.“

Ganz nebenbei werden auch Schreib- und Medienkompetenzen vermittelt: Was gebe ich im Internet von mir preis? Wie melde ich mich bei solchen Portalen an? Was muss ich dabei alles beachten?

Gränz sieht große strukturelle Hürden: Wohneinrichtungen und Werkstätten erschweren soziale Kontakte außerhalb der eigenen Lebenswelt. Mobilität ist oft eingeschränkt, der Radius klein. Der Kurs soll Begegnungen ermöglichen – und vielleicht auch Freundschaften oder Partnerschaften entstehen lassen.

Geduld, Humor und ein bisschen Hoffnung

Sebastian Günther ist froh über die Unterstützung seiner Dozentin: „Sie macht das so toll!“ Seine Finger bewegen sich sicher über die Tastatur, doch die Anmeldung ist schon eine Herausforderung. Als die Kurszeit an diesem Montag endet, hat er sich zwar angemeldet, aber noch keine Frau angeschrieben. Zufrieden ist er trotzdem. Alles andere kommt dann beim nächsten Mal.

„Wenn sich jemand tatsächlich mit einer anderen Person treffen möchte, würde Jacqueline Haase – mit etwas Abstand – sogar mitkommen.“Ich würde mich sehr freuen, wenn sich durch den Kurs echte Kontakte ergeben“, sagt sie und lächelt.