Meinung
Wissenschaft, Energie, Handel –
Wo die USA ihren Vorsprung für kurzfristigen Gewinn verspielen
Die US-Wirtschaft boomt, doch die Basis bröckelt: Während die Amerikaner in sich selbst den grössten Feind sehen, wandern Talente ab, werden Verbündete vergrätzt, und China übernimmt die Energie- und die Technologiezukunft.
Kommentar von Publiziert heute um 10:09 Uhr
Senkt sich die Sonne über der grössten Wirtschafts- und Militärmacht der Welt? Die US-Politik scheint derzeit vieles dafür zu tun.
Bild: Julia Nikhinson/AP Photo/Keystone
Die Vereinigten Staaten sind auf der Gewinnerspur. Zumindest sieht es so aus, wenn man die Marktindizes oder den Reigen von Ländern verfolgt, die sich einreihen, um mit US-Präsident Donald Trump Deals abzuschliessen.
Die US-Wirtschaft übertrifft ihre Verbündeten. Die Aktienkurse erreichen immer neue Rekordhöhen. Asiatische Länder und Golfstaaten haben Billionen von Dollar an ausländischen Direktinvestitionen in den USA zugesagt. Das Vereinigte Königreich, die Europäische Union und mehrere südostasiatische Staaten haben einseitige Handelsabkommen angeboten.
Kanada hat seinen Plan zur Einführung einer Steuer auf digitale Dienstleistungen aufgegeben. Japan hat einseitige Zugeständnisse bei Automobilzöllen und Nippon Steel gemacht. Europäische Pharmaunternehmen verlagern ihre Produktion in die USA, um Strafzölle zu vermeiden.
In Verbindung mit einem Boom bei den Ausgaben für künstliche Intelligenz und massiven Defizitausgaben – ermöglicht durch den anhaltenden Status des Dollars als globale Reservewährung – setzen die Märkte weiterhin auf amerikanische Liquidität und Wachstum.
Amerika rollt die Matte ein
Es ist ein berauschender Moment. Aber während die kurzfristigen Aussichten gut sind, tauschen die USA systematisch langfristige strategische Vorteile gegen taktische Gewinne ein, und die Kosten häufen sich in einer Weise, die erst dann sichtbar wird, wenn es zu spät ist, um den Kurs noch zu ändern.
Beginnen wir mit der Einwanderung. Seit Jahrzehnten ist die Fähigkeit, die besten und klügsten Köpfe aus aller Welt anzuziehen, der Grundstein für die technologische, wirtschaftliche und Soft-Power-Dominanz Amerikas. Talentierte Ingenieure, Wissenschaftler und Unternehmer haben sich lange Zeit für die USA entschieden, weil sie Chancen, Offenheit und Leistungsgesellschaft versprachen – eine faire Chance auf den amerikanischen Traum.
Nun ist die Willkommensmatte jedoch abgenutzt. Die Politik der Trump-Regierung steht der Einwanderung (ob legal oder illegal, qualifiziert oder unqualifiziert) zunehmend feindselig gegenüber, die nativistische Stimmung unter den Amerikanern wächst, und die bürgerlichen Freiheiten (insbesondere für nicht weisse Einwanderer) scheinen zunehmend unsicher zu sein.
Unterdessen führt China neue Visa ein, die ausdrücklich darauf ausgerichtet sind, hoch qualifizierte Arbeitskräfte aus den USA abzuwerben, und Kanada plakatiert Flughäfen mit Rekrutierungsanzeigen. Wenn Amerika im Vergleich zu seinen Konkurrenten für globale Top-Talente an Attraktivität verliert, sind die langfristigen wirtschaftlichen Schäden offensichtlich.
«Die Angriffe der Trump-Regierung auf die Universitäten spiegeln den zunehmenden Verlust des Vertrauens der Öffentlichkeit in die Wissenschaft selbst.»
Dann sind da die Universitäten. Ja, viele geisteswissenschaftliche Fakultäten waren intellektuell isoliert und politisch vereinnahmt. Es war längst überfällig, gegen diese Echokammern für radikale Ideologien vorzugehen. Aber die Trump-Regierung ist noch viel weiter gegangen und hat die Forschungsinfrastruktur an den besten Universitäten Amerikas (und der Welt) gekürzt.
Diese Einrichtungen sind es, die Amerika an der Spitze der modernen Wissenschaft und Technologie halten und die talentiertesten Studenten aus aller Welt anziehen – diejenigen, die die führenden Forscher, Erfinder und Unternehmer von morgen werden. Die Untergrabung dieses Ökosystems wird eine der wichtigsten Säulen der US-Wirtschaft aushöhlen.
Die Angriffe der Trump-Regierung auf die Universitäten spiegeln den zunehmenden Verlust des Vertrauens der Öffentlichkeit in die Wissenschaft selbst. Wachsende Skepsis gegenüber Impfstoffen, die Verbreitung von Verschwörungstheorien, die reflexartige Ablehnung von Fachwissen.
Dabei handelt es sich nicht nur um kulturelle Eigenheiten, sondern strukturelle Nachteile im Wettbewerb mit Ländern, in denen das Vertrauen in Forschung und Technologie nach wie vor gross ist. Sie führen dazu, dass die Amerikaner weniger in der Lage sind, an die nächste Welle von Fortschritten zu glauben, geschweige denn, sie voranzutreiben.
Energiezukunft an China abgegeben
Betrachten wir einmal die künstliche Intelligenz (KI). Die USA sind führend im Bereich der verbraucherorientierten KI – Chatbots, Algorithmen für soziale Medien zur Maximierung der Interaktion, generative Tools zur Produktion von noch mehr süchtig machendem Schund, immer grössere Sprachmodelle, die behaupten, der Superintelligenz einen Schritt näher zu sein –, denn dort liegt das Geld.
Aber diese Technologien fragmentieren auch die Gesellschaft, verstärken Fehlinformationen und tragen möglicherweise zu einer Art kollektiver Psychose bei. China hingegen hat die KI-Entwicklung weg von Verbraucheranwendungen hin zu Verteidigungs- und Industrieanwendungen gelenkt, die ein geringeres Risiko der sozialen Fragmentierung und mehr strategische Vorteile mit sich bringen.
Im Energiebereich sieht es ähnlich aus. Die USA sind zum mächtigsten Ölstaat der Welt geworden und produzieren mehr Öl, Gas und Kohle als jedes andere Land. Das ist an sich kein Problem – fossile Brennstoffe werden auch in den kommenden Jahrzehnten weiterhin Rechenzentren, Landwirtschaft und Schwerindustrie mit Energie versorgen.
Aber die USA haben ihre Führungsrolle im Bereich der postfossilen Energien faktisch an China abgetreten, das bereits die Batterietechnologie, die Solarenergie, die Kernenergie der nächsten Generation und die Lieferketten für kritische Mineralien dominiert. Die USA setzen weiterhin auf Kohlenwasserstoffe und lassen die Zukunft der Energie an sich vorbeiziehen.
«Das Ergebnis von Trumps Zollpolitik ist eine regressive Steuer von rund 17% für US-Unternehmen und -Verbraucher.»
Oder nehmen wir die Handelspolitik. Die Trump-Regierung verhängt die höchsten US-Zölle seit einem Jahrhundert – darunter einen Zoll von 200% auf Arzneimittelimporte und 50% auf Kupfer, also Sektoren, in denen Amerika nicht in der Lage ist, die heimische Produktion schnell genug hochzufahren, um Engpässe oder Inflation zu vermeiden.
Das Ergebnis ist eine regressive Steuer von rund 17% für amerikanische Unternehmen und Verbraucher, die gezwungen sind, mehr für Vorleistungen und Endprodukte zu bezahlen. In Verbindung mit einer scharfen Wende hin zu Industriepolitik und Staatskapitalismus entfernen sich die USA von den Prinzipien des freien Marktes, die ihre Wirtschaft überhaupt erst so wettbewerbsfähig gemacht haben.
Gezielte staatliche Eingriffe in ausgewählte Sektoren (z.B. Halbleiter, Banken) aus bestimmten Gründen (z.B. nationale Sicherheit, Finanzstabilität) können oft gerechtfertigt sein, aber umfassender Protektionismus und staatliche Lenkung führen im Laufe der Zeit eher zu einer Verringerung als zu einer Steigerung der Wirtschaftsdynamik.
Dieses kurzfristige Denken erstreckt sich auch auf die Geopolitik. Die meisten Länder sind bereit, Trump Erfolge zuzugestehen – manche Pyrrhus-Siege, manche bedeutende –, um einen offenen Konflikt zu vermeiden. Aber dieselben Länder arbeiten auch daran, sicherzustellen, dass sie nie wieder in diese Lage geraten.
Die EU hat Handelsabkommen mit Mercosur, Mexiko und Indonesien abgeschlossen. Brasilien vertieft seine wirtschaftlichen Beziehungen zu Europa, China und Kanada. Indien arbeitet daran, seine Beziehungen zu China zu stabilisieren, und treibt Infrastrukturprojekte voran, die die Abhängigkeit von den US-Märkten verringern. Saudi-Arabien hat ein Atomabkommen mit Pakistan unterzeichnet, um sich gegen eine mögliche Vernachlässigung seiner Sicherheit durch Washington abzusichern.
Der Einfluss schwindet
Diese Absicherungen sind nicht kostenlos – sie erfordern jahrelanges politisches Kapital, Investitionen in Milliardenhöhe und eine neue institutionelle Architektur. Einmal aufgebaut, sind sie schwer rückgängig zu machen.
Aber die Länder haben auf die harte Tour gelernt, dass die US-Politik mit jedem Wahlzyklus ihren Kurs ändern kann, ohne dass es eine nennenswerte politische Kontinuität oder eine langfristige strategische Planung gibt, und sie bauen jetzt Alternativen auf, während sie Washington kurzfristig entgegenkommen.
Alle vier Jahre besteht eine Fünzig-fünfzig-Chance, dass sich alles ändert – nicht nur die Gewinner und die Verlierer, sondern auch die Spielregeln. Diese strukturelle Volatilität verringert mit der Zeit den Einfluss der USA, auch wenn sie ihnen Vorteile verschafft.
Die Frage, ob die USA weiterhin besser abschneiden werden als ihre Verbündeten und Gegner, hängt also vom Zeithorizont ab. Kurzfristig? Auf jeden Fall. Amerika ist nach wie vor mit Abstand das mächtigste Land der Welt, sodass es viel Spielraum für Schäden gibt, bevor ein struktureller Niedergang einsetzt.
Darüber hinaus steht die KI kurz davor, alles zu verändern, und die USA sind einer von nur zwei Akteuren auf diesem Gebiet (der andere ist China) und nach wie vor der bevorzugte Partner für den grössten Teil des Westens und Teile des globalen Südens.
«Ein Grossteil der nationalen Energie und Aufmerksamkeit ist auf interne politische Kämpfe gerichtet.»
Langfristig gesehen ist die Entwicklung jedoch beunruhigend. Die historischen Vorteile, die die USA gegenüber ihren Konkurrenten genossen – bessere physische und institutionelle Infrastruktur, überlegene Demografie, die teilweise auf Einwanderung zurückzuführen ist, öffentliche Toleranz gegenüber Ungleichheit, die durch eine Leistungsgesellschaft untermauert wird, grössere Kapazitäten für Defizitausgaben – entwickeln sich alle in die falsche Richtung, und zwar wohl in einer Weise, die nicht nachhaltig ist.
China befindet sich zwar insgesamt in einer schwächeren Position, tut aber alles in seiner Macht Stehende, um diese Veränderungen zu seinem Vorteil zu nutzen. Und obwohl Peking selbst mit schweren strukturellen Herausforderungen zu kämpfen hat, profitiert es von der – zunehmend zutreffenden – Wahrnehmung, dass es eine langfristige Perspektive verfolgt, während Amerika nur auf die nächsten Wahlen fixiert ist.
Am beunruhigendsten ist vielleicht die eine Sache, über die sich derzeit alle in einem tief gespaltenen Amerika einig sind: Die grösste Bedrohung für das Land kommt aus dem Inneren. Sie sind sich nur uneinig darüber, wer diese Bedrohung darstellt.
Diese Art der Selbstbezogenheit sorgt dafür, dass der Grossteil der nationalen Energie und Aufmerksamkeit weiterhin auf interne politische Kämpfe gerichtet bleibt, statt dass in Menschen, Institutionen, Forschung und Infrastruktur investiert wird, was notwendig wäre, um die Wettbewerbsfähigkeit der USA auch in einer Generation noch zu gewährleisten.
Amerika gibt seine langfristige Führungsrolle auf, um kurzfristige Erfolge zu erzielen, und irgendwann wird die Rechnung fällig. Die Frage ist nicht, ob die USA für diese Sucht nach sofortiger Befriedigung bezahlen werden. Die Frage ist nur, wie viel – und wann.
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EinloggenIan Bremmer ist Gründer und Präsident der Eurasia Group, ein international tätiges Beratungsunternehmen spezialisiert auf geopolitische Risiken.Mehr Infos
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