• Mit einer Performance erinnert das WUK Theater Quartier an das vergessene Multitalent Franz Richard Behrens.
  • Der Dichter und Sport-Reporter schrieb 1921 auch das Drehbuch zu dem Stummfilm-Kinohit „Hamlet“ mit Asta Nielsen.
  • Behrens war Soldat im Ersten Weltkrieg und entwickelte nach einer kommunistischen Phase antisemitische Tendenzen.

Im WUK-Theaterquartier in Halle ist die freie Szene der Stadt zu Hause. Dort soll jetzt gefeiert werden: Der 130. Geburtstag eines Mannes, der viele Talente hatte und in seiner großen Zeit, den wilden 1920er-Jahren, kurz auch mal am ganz großen Rad der Filmgeschichte mitgedreht hat. Das weiß heute keiner mehr und auch sein Name ist so gut wie vergessen: Franz Richard Behrens.

Doch das muss nicht so bleiben, haben sich drei Künstler vom Theater Aggregate gedacht und sich auf eine literarisch-musikalische Entdeckungstour begeben. Im Reisegepäck von Silvio Beck, dem Regisseur und Erfinder dieser intermedialen Theaterperformance, die sie ihrem Publikum bieten, steckten dabei vier Bücher. So viele Bände umfasst die postum erschienene Werkausgabe des Dichters Franz Richard Behrens.

Expressionistischer Dichter und Artillerist im Ersten Weltkrieg

Franz Richard Behrens wurde 1895 in Brachwitz bei Halle geboren und war weitaus mehr als „nur“ ein expressionistischer Dichter. Zunächst überlebte er als Soldat den Ersten Weltkrieg bei der Flak und an den verschiedensten Fronten in Ost und West und beschrieb ihn in seinen Gedichten mit wilden Worten. Womit auch schon der Titel der Performance erklärt wäre: „Expressionist / Artillerist“. Doch auf dem Ankündigungsplakat steht auch noch „oder meine beste Freundin Hamlet“ zu lesen. Wie erklärt sich dieser Untertitel?

Stummfilm-Star Asta Nielsen als Hamlet

In deren Rolle, der Prinzessin Hamlet, schlüpft die Frau, die den Abend darstellerisch fast im Alleingang bewältigt. Astrid Kohlhoff, die hier nicht nur expressionistische Lyrik rezitiert, sondern auch für die Lebenswege erklärenden Texte sorgt, sehr gekonnt Saxofon spielt und ihr Talent als Stummfilm-Aktrice unter Beweis stellen darf. Denn Drehbücher für dieses Medium hat Franz Richard Behrens auch geschrieben. Damals in den wilden 1920er-Jahren, als er im babylonischen Berlin als Künstler-Bohemian lebte und in den Filmstudios von Babelsberg seine Brötchen verdiente. Und wahrscheinlich nicht nur die, denn er hatte so richtig heiße Eisen im Feuer. Asta Nielsen als Prinz Hamlet ist sein Werk. Nicht nur ein Welterfolg auf der Leinwand, sondern auch so etwas wie ein frühes feministisches Statement. Womit auch die Schwester Hamlet erklärt wäre.

Vom Kommunisten zum antisemitischen Reporter

Von Prinz Hamlet zu König Fußball, das ist für Franz Richard Behrens nur ein kurzer Sprung. Lange Zeit seines Lebens hat der Wortkünstler auch als Sportreporter bevorzugt auf Fußballplätzen gearbeitet. In der Nazizeit auch für den Kicker. Unter seinem Pseudonym Peter Mohr schrieb er dort aber nicht nur Spielberichte, sondern ab 1939 auch eine Kolumne. Die trug den Titel „Hier spricht die Reichshauptstadt“, und der Dichter lobte unter seinem Pseudonym darin nicht nur den Sportpalast-Auftritt von Goebbels als „große Rede“ sondern hetzte auch schon mal über „den Machtdurst der Juden“.

Gut zehn Jahre zuvor war er noch in kommunistischen Kreisen und für den Spartakusbund aktiv. Regisseur Silvio Beck gibt zu Protokoll: „Man kann sagen, er ist aus purem Überlebenstrieb zum Opportunisten geworden, leider.“ Immerhin ließ ihn das auch den Zweiten Weltkrieg überleben. Nach diesem schrieb er als Peter Mohr als Zeitungsjournalist weiter seine Kolumnen für eine Westberliner Zeitung. Lebte aber im Osten der Stadt. Bis ihn 1961 die Mauer einen Strich durch diese Rechnung machte. Verarmt und fast erblindet ist er 1977 dann im Prenzlauer Berg gestorben.

Ein Leben voll Dichtung und Wahrheit

Auf dem Theater ist dieser Lebensweg nun als ein performter Hybrid aus Dichtung und Wahrheit und mit viel Musik zu erleben. Mit allerlei, was Tasten hat und sich perkussiv bearbeiten lässt, rollt Alexander Ernst den Soundteppich des Abends aus und ist als Live-Performer auch noch mit Akkordeon, Posaune und E-Gitarre unterwegs. Da er offenbar auch gerne singt, erlebt dabei auch der eine oder andere expressionistische Popsong seine Uraufführung. Hätte dem umtriebigen Franz Richard Behrens wahrscheinlich gut gefallen.