Was haben Fußball und Ballett gemeinsam? Mehr als man denkt! Stuttgarts Startänzer Jason Reilly jubelt beim VfB-Sieg über Rotterdam als Gast im Tunnelclub. Wie läuft’s im Luxusblock?
Von einem genialen Fußballer heißt es, er „tanze“ mit dem Ball. Ob als Spieler auf dem Rasen oder als Ballettstar auf der Bühne – da wie dort kommt es aufs perfekte Körpergefühl an. Bewegungen müssen präzise kontrolliert, das Gleichgewicht gehalten und schnelle Richtungswechsel gemeistert werden.
Wen überrascht es also? Jason Reilly, weltweit ein herausragender Tänzer seiner Generation, ist ein großer Fußballfan. Gemeinsam mit seiner achtjährigen Tochter Luna verfolgt der Kanadier am Donnerstagabend den Europa-League-Sieg des VfB Stuttgart über Feyenoord Rotterdam. Seine Frau Anna Osadcenko, Erste Solistin des Stuttgarter Balletts, tritt an diesem Abend in Shanghai auf. Vater und Tochter sind zwölf Flugstunden von ihr entfernt ganz in ihrem Element – die Liebe zum Fußball fühlt sich so gut an!
Jason Reilly fiebert im Porsche-Tunnelclub mit dem VfB Stuttgart mit
Erst ist der Publikumsliebling des Stuttgarter Opernhauses prominenter Talk-Gast des souveränen und bestens informierten Moderators Jens Zimmermann im exklusiven Porsche-Tunnelclub (der zweite Promi auf der kleinen Bühne ist Extremsportler Jonas Deichmann), dann sitzt Reilly in Reihe 16 der Haupttribüne auf einem beheizten Sitz. Sein Puls steigt, stellenweise flippt er aus, ruft seinen Ärger über den Schiedsrichter runter auf den Rasen, als könne dieser ihn verstehen.
„Mein Körper gehört dem Ballett, also der Stadt Stuttgart“
Als der VfB in der zweiten Halbzeit zwei Tore schießt, springt Reilly auf, jubelt, reißt die Arme hoch, lässt den Schal kreisen. „Ich bin Stuttgarter geworden“, sagt der in Toronto geborene Ausnahmetänzer. Vor einigen Jahren zog er zurück nach Kanada, war aber bald wieder in seiner liebsten Wahlheimat im Kessel. Tochter Luna strahlt neben ihm, und für einen Moment scheint der Ballettstar selbst Teil der großen Inszenierung zu sein, die da unten auf dem Rasen aufgeführt wird – von oben schaut der pralle Mond zu.
„Mein Körper gehört dem Ballett, also der Stadt Stuttgart“, sagt Jason Reilly schmunzelnd. Der Körper muss tipptopp sein. „In meiner Schulter sind Schrauben“, verrät er. Folgen eines Sturzes. Auf dem Flughafen schlagen deshalb die Körperscanner an. Weitere Unfälle sind absolut unwillkommen. Sein Arbeitsvertrag verbietet ihm, dass er Fußball spielt – zu groß wäre das Verletzungsrisiko. Doch seine Begeisterung für den Sport ist grenzenlos. In jungen Jahren hat er daheim in Kanada American Football gespielt. „Ich liebe die Energie, die Leidenschaft – das ist wie eine große Aufführung“, sagt er.
Jason Reilly lässt in der Arena den VfB-Schal kreisen. Foto: Uwe Bogen Disziplin und Humor: Reillys Balance zwischen Fitness und Fußball
Mit 45 Jahren trainiert er härter als jüngere Kollegen. In die Ballett-Rente muss er deshalb noch lange nicht – da wären auch seine Fans dagegen. Jeden Tag geht’s früh morgens ins Fitnessstudio. Auf der Bühne ist er oft mit nacktem Oberkörper zu sehen. Da will er sich keinen Makel erlauben. Im Stadion aber trinkt er Bier wie so viele Fußballfans. „Gibt hoffentlich keinen Bierbauch“, sagt er und lacht. An diesem Abend lacht er oft.
Wenn Bewegung zur Kunst wird
Seit mehr als 25 Jahren tanzt der gebürtige Kanadier in der erste Reihe in Stuttgart und weltweit. Zum Kammertänzer wurde er ernannt, als „Tänzer des Jahres“ ausgezeichnet, spielte den amerikanischen Balletttänzer Ray Barra im Kinohit „Cranko“. In Reihe 16 in der MHP-Arena ist er nun einer von 60.000 Fans, kein Star und kein Promi. Am Anfang wundert sich Jason Reilly, wie ruhig die gefürchteten Rotterdam-Fans in ihrer Kurve sind. Später sieht man, wie es dort brennt, die Tumulte sind weit weg. Der Blick ist auf den auftrumpfenden VfB gerichtet.
Was Ballettkünstler und Ballkünstler verbindet? Mehr, als man denkt. Der eine drückt Gefühle durch Musik aus, der andere durch Spiel und Ballgefühl. Beide brauchen Körperbeherrschung, Rhythmus, Kreativität und Leidenschaft. „Auch Fußball kann poetisch sein“, sagt Reilly. „Wenn ein Spieler den Ball so führt, dass es aussieht, als würde er tanzen – das ist pure Kunst.“
Auf der Bühne ist er der Romeo, auf der Tribüne der normale VfB-Fan
Und tatsächlich: Wenn die Profis auf dem Rasen elegante Dribblings, präzise Pässe oder kreative Spielzüge zeigen, scheint die Arena für einen Moment zur Bühne zu werden. Dann wird aus Sport Ästhetik – aus Bewegung Emotion.
Mit seinen breiten Schultern, den Tattoos und der kraftvollen Ausstrahlung bricht Jason Reilly jedes Klischee vom filigranen Ballettprinzen. Auf der Bühne verwandelt sich der charismatische Muskelmann dennoch in einen filigran schwebenden Romeo, die Tattoos sind überschminkt. Im echten Leben aber ist er VfB-Fan – laut, leidenschaftlich, echt.
Was kostet ein Platz im exklusiven Porsche-Tunnelclub in Stuttgart?
An diesem Abend darf der Ausnahmetänzer den noblen Porsche-Tunnelclub entdecken. Das ist der exklusivste Ort des VfB. 100 Gäste haben jeweils 1100 Euro bezahlt, einige sind eingeladen. Man sitzt auf schwarzen Designerstühlen an edel gedeckten Tischen, während DJ Leif Müller, Sohn von VfB-Legende Hansi Müller, auflegt. Das Menü von Gastronom Michael Wilhelmer ist Gourmetküche im Stadionformat – zwischen Lauchsüppchen, rosafarbenem Kalbsrücken mit gerösteten Walnüssen – und, na klar, der obligatorischen Stadionwurst zur Halbzeit. Der Service ist herausragend. Ständig ist jemand zur Stelle und liest einem jeden Wunsch von den Augen.
„Der Tunnelclub ist inzwischen auch zu einer Eventlocation für Firmen geworden“, freut sich Wilhelmer. Auch wenn kein Spiel ist, wird hier gern gefeiert.
Leif Müller, ein Star der Stuttgarter DJ-Szene, legt im Tunnelclub auf. Foto: Uwe Bogen
„Manchmal muss man sich was gönnen“, sagt ein VfB-Fan. Die meisten sind von Firmen eingeladen. In der Bundesliga zahlt man pro Nase 17.000 Euro für die ganze Saison. Wer dazu gehört, trägt ein Bändel mit der Aufschrift „Porsche-Tunnelclub“ – es ist wertvoller als manche Uhr.
Exklusiver Tunnelclub: Preise steigen bei Bayern-Spielen
Wenn Bayern spielt, steigt der Preis auf 1400 Euro – dann ist’s schon Wochen davor ausverkauft. Im Schnitt kommen 120 zahlende Gäste. Bei Bayern sind’s natürlich 180, mehr geht nicht. Mit der ständig steigenden Auslastung hat der VfB seine Ziele erreicht.
Und wenn dann die Spieler durch den Tunnel laufen, vergessen viele den Luxus. Sie drücken sich die Nasen an der Glaswand platt, klatschen, jubeln – mitten im Geschehen und doch geschützt wie hinter einer unsichtbaren Bühne. Die Profis können von außen nicht reinschauen, das Glas ist verspiegelt.
„Wie im Zoo“, witzelt einer der Gäste. Doch wer hier wen beobachtet, bleibt unklar. Sind die Profis die Akteure – oder die Zuschauer, die sich im Glanz der Emotion spiegeln?
Die Gäste im Tunnelclub blicken auf die Spieler, die hinter dem Glas direkt an ihren vorbeilaufen. Foto: Uwe Bogen
Moderator Jens Zimmermann bringt es auf den Punkt: „Ob Cannstatter Kurve oder Tunnelclub – jede Fangruppe hat in der MHP-Arena ihre Berechtigung.“ Man hört den Vergleich mit einem Superteam: Eine Mannschaft funktioniere nur, wenn jeder auf seiner jeweiligen Position alles gibt, immer das große Ganze im Blick. Auf der Ballettbühne wie auf dem Rasen entsteht die Magie erst im Zusammenspiel – aus Vertrauen, Timing und Herzblut. Der Tunnelclub hilft mit, dass die Finanzen des VfB stimmen.
Zwischen Kunst und Sport: Reillys emotionaler Stadionabend
Für Jason Reilly ist dieser Abend mehr als ein Stadionbesuch. Es ist ein Zusammentreffen seiner beiden Welten – der Kunst und des Sports. Beide verlangen Disziplin, Körpergefühl, Leidenschaft. Beide können Menschen tief bewegen. Und als der VfB dann mit 2:0 vorne liegt und nicht mehr verlieren kann, eilt er mit Tochter Luna kurz vor Spielschluss hinaus, um ein Taxi zu bekommen.
Am nächsten Morgen wird um 6 Uhr der Wecker klingeln. Die Tochter muss in die Schule, der Vater ins Fitnessstudio. Am 25. November feiert der „Nussknacker“ Premiere. Jason Reilly spielt eine Hauptrolle. Vom VfB-Sieg und der Erinnerung an ein emotionales Highlight mit Luna wird der Stuttgarter Ballettstar noch lange zehren.