2020 gelang Donald Trump ein diplomatischer Triumph: Arabische Staaten normalisierten ihre Beziehungen zu Israel. Nun folgt Kasachstan – doch dem zentralasiatischen Land geht es nicht wirklich um den jüdischen Staat.

Jana Kehl08.11.2025, 05.30 UhrDer kasachische Präsident traf sich im Rahmen des Zentralasien-Gipfels in Washington mit US-Präsident Donald Trump.Der kasachische Präsident traf sich im Rahmen des Zentralasien-Gipfels in Washington mit US-Präsident Donald Trump.

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Es sei ein «grosser Schritt vorwärts», sagte Donald Trump, als er am Donnerstag bekanntgab, dass sich Kasachstan den sogenannten Abraham-Abkommen anschliesst – unter diesem Namen hatten 2020 mehrere arabische Staaten unter Vermittlung der USA ihre Beziehungen zu Israel normalisiert. Die Verträge waren der grösste aussenpolitische Erfolg von Trumps erster Amtszeit.

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Kasachstan ist der erste zentralasiatische Staat, der den Abraham-Abkommen beitritt. Es sei «das erste von vielen» Ländern, die sich diesem «Klub der Stärke» noch anschliessen würden, erklärte Trump in den sozialen Netzwerken – ohne zu erläutern, was die Aufnahme Kasachstans in diesen erlauchten Zirkel konkret bedeutet.

Diese Frage stellt sich in diesem Fall aber durchaus. Das mehrheitlich islamische Land pflegt bereits seit 1992 volle diplomatische Beziehungen zu Israel: Die beiden Staaten waren nie miteinander verfeindet, sie anerkennen sich formal und unterhalten wechselseitig Botschaften. Regelmässig kommt es zu Staatsbesuchen, es gibt Direktflüge von Tel Aviv in die kasachische Stadt Almaty.

Mit dem Beitritt Kasachstans zu den Abraham-Abkommen wird eine diplomatische Realität geschaffen, die bereits existiert. Sowohl die kasachische als auch die amerikanische Seite sehen die neue Mitgliedschaft aber nicht als einen reinen symbolischen Akt an – aus unterschiedlichen Interessen.

Investitionen stehen im Vordergrund

Der kasachische Präsident Kasym-Schomart Tokajew zeigte sich zuversichtlich, dass der Beitritt zu den Abraham-Abkommen einen Mehrwert für sein Land bringen wird. Allerdings ist dieser laut Tokajew nicht unbedingt politischer Natur. Gegenüber der «New York Times» sagte er, sein Land könne aus den Abkommen Vorteile für die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit den Vereinigten Staaten ziehen. Für Kasachstan scheint es also weniger um die Beziehungen zu Israel als vielmehr um das Verhältnis zu den USA zu gehen.

Der kasachische Präsident Kasym-Schomart Tokajew (2. v. l.) mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin und dem chinesischen Staats- und Parteichef Xi Jinping.Der kasachische Präsident Kasym-Schomart Tokajew (2. v. l.) mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin und dem chinesischen Staats- und Parteichef Xi Jinping.

Alexander Kazakov / Sputnik / EPA

Der Zentralasien-Gipfel in Washington, an dem der Beitritt am Donnerstag verkündet wurde, war für Kasachstan und die weiteren vier teilnehmenden Länder bedeutsam: Noch nie zuvor sind ihre Staatschefs zu einem gemeinsamen Treffen in Washington zusammengekommen. Viele von ihnen sind an wirtschaftlichen Beziehungen mit den Vereinigten Staaten interessiert, zumal diese für die ehemaligen Sowjetrepubliken auch von geopolitischer Bedeutung sind.

Gerade Kasachstan ist bekannt dafür, neue Partnerschaften zu schliessen, um ein Gegengewicht zur Dominanz Russlands und zunehmend auch Chinas zu schaffen. In dieser Strategie sind amerikanische Investitionen ein probates Mittel. Tokajew betonte am Zentralasien-Gipfel, die Vereinigten Staaten seien der grösste Investor im Land und damit «das Perpetuum mobile» der kasachischen Wirtschaft. Kasachstan ist laut dem Präsidenten die «Heimat» von 600 amerikanischen Unternehmen geworden, zugleich deckt das Land fast 25 Prozent des Uranbedarfs der USA.

Letztlich dürfte das Land aber auch darauf hoffen, von Zollerhöhungen von amerikanischer Seite verschont zu bleiben. Angesichts der anhaltenden Sanktionskriege sei es «sehr wertvoll», die Beziehungen zu den USA und Israel zu verbessern, schreibt etwa der kasachische Politologe Marat Schibutow in einem nationalen Medium.

Druck auf andere islamische Staaten?

Gleichzeitig betonen Schibutow und andere Stimmen aus Kasachstan, dass der nun erfolgte Schritt im Nahen Osten etwas bewirken könne: Der Beitritt Kasachstans zu den Abraham-Abkommen werde den Druck auf andere islamische Länder erhöhen, dem Vertragswerk beizutreten.

Zum selben Schluss dürfte auch die amerikanische Regierung gekommen sein. Seit Monaten bemühen sich die USA und Israel darum, den Kreis der Abraham-Abkommen zu erweitern, dem Bahrain, die Vereinigten Arabischen Emirate, Marokko und der Sudan angehören. Als heiliger Gral gilt vor allem ein Beitritt Saudiarabiens, des wohl einflussreichsten Landes am Golf und Hüters der heiligen Stätten von Mekka und Medina. Vor dem Krieg im Gazastreifen hatte sich eine solche Einigung angebahnt – nun fordert das Königreich aber einen «irreversiblen Weg zu einem palästinensischen Staat».

Am 18. November wird der saudische Kronprinz und De-facto-Herrscher Mohammed bin Salman das Weisse Haus besuchen. Durch die Erweiterung wolle Washington nun wieder Schwung in die Abkommen bringen, zitierte die Nachrichtenplattform «Axios» einen amerikanischen Beamten.

Donald Trump traf den saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman auch im Mai am Golf-Gipfeltreffen in Riad.Donald Trump traf den saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman auch im Mai am Golf-Gipfeltreffen in Riad.

Alex Brandon / AP

Auch Syrien wäre ein potenziell wichtiger Beitrittskandidat. Wie der syrische Übergangspräsident Ahmed al-Sharaa im September bestätigt hat, führt Syrien derzeit Gespräche mit Israel über ein Sicherheitsabkommen. Allerdings betonte er, dass ein Abkommen nicht automatisch eine Normalisierung der Beziehungen zum jüdischen Staat bedeute. Daher ist umso mehr fraglich, ob Kasachstan einen Einfluss auf die arabischen Partnerschaften haben wird. In diplomatischer Hinsicht bleibt der Beitritt Kasachstans bis anhin ein symbolischer Erfolg.