Ein Abend in Rüsseina, einem Ortsteil von Nossen im Landkreis Meißen. In der ehemaligen Schule dröhnt es aus diversen Verstärkern, gleich drei Bands proben hier – aber auch das Bühnenvolk Nossen. So nennt sich die Theatergruppe, die aus dem Projekt X-Dörfer des Staatsschauspiels Dresden hervorgegangen ist. Im Moment laufen die Proben für die inzwischen dritte Inszenierung: „Made in Schmotzen – Vergangenheit verkauft sich gut“ lautet der aktuelle Arbeitstitel, es geht um einen Ost-West-Konflikt. Die Premiere ist für Anfang 2026 geplant.
Kultur kann ansteckend sein.
Miriam Tscholl, Leitung X-Dörfer
Gesine Fiedler, die von Anfang an zur Nossener Theatergruppe gehört, war sich nicht sicher, ob es mit dem Bühnenvolk weitergehen würde, nachdem sich das Team von X-Dörfer Ende 2024 verabschiedet hatte. Aber es ist ihr – zu ihrer eigenen Überraschung – gelungen, die Leute wieder zu aktivieren: „Es waren alle wieder dabei“, betont Fiedler. Sofort hätten sich auch ein paar Leute zum Renovieren der Räumlichkeiten gefunden, und im März konnte die Gruppe dann „richtig loslegen“.
Aktive Ensembles in Nossen und Riesa
Der Raum war dem Bühnenvolk Nossen von der Stadt zur Verfügung gestellt worden, und Fördergelder für die neue Spielzeit wurden erfolgreich beim Leader-Programm für Kultur im ländlichen Raum beantragt. Damit konnte das Laienensemble sogar einen Theaterpädagogen engagieren. Mit dem habe das Ensemble Sprachübungen gemacht oder sich im Improvisationstheater geübt, berichtet Gesine Fiedler. Doch eine Finanzierung für das kommende Jahr ist ungewiss: „Ich denke immer darüber nach, wie es im nächsten Jahr wird und wie wir weitermachen können“, sagt Fiedler.
Dennoch: In Nossen bleibt man zuversichtlich. Ebenso in Riesa. Dort hatten sich 2024 alteingesessene Riesaer und Zurückgekehrte, Geflüchtete aus der Ukraine, auch Frauen und Männer aus Venezuela – Kinder und Erwachsene, die in Riesa leben – mit ihrem Stück auf die Suche nach dem Glück begeben. Das scheinen sie als Bürgerbühne Riesa gefunden zu haben, in ähnlicher Konstellation wie damals stehen sie jetzt quasi auf eigenen Füßen.
Kai Rummler von der Bürgerbühne ist sich sicher: „Ohne das Projekt X-Dörfer hätten wir uns als Gruppe selbst in dieser Kleinstadt Riesa nicht so intensiv kennengelernt.“ Er erzählt, dass sie inzwischen Arbeitsgruppen gebildet hätten. Er gehöre zum Leitungstrio, andere wiederum beschäftigten sich mit dem Bühnenbild. Mit ihrem neuen Stück „Kinderpunsch“ stünden sie gerade auf der Bühne, machten sich aber auch Gedanken um die Zukunft. Jedes Jahr mit einem neuen Stück aufzutreten, sei der Bürgerbühne „zu groß“ geworden. Dieses Jahr seien aber noch zwei Auftritte des aktuellen Stücks geplant und für nächstes Jahr werden schon Auftrittsorte gesucht.
Ohne das Projekt X-Dörfer hätten wir uns als Gruppe nicht so intensiv kennengelernt.
Kai Rummler, Bürgerbühne Nossen
Projekte in Pirna, Freital und Bischofswerda gehen weiter
Auch in anderen Städten werden die angestoßenen Projekte fortgesetzt. „Pirna schreibt“, das Schreibfestival gehört dazu, das Kulturcafé in Freital oder auch das inklusive Theaterprojekt in Bischofswerda. Zudem vernetzen sich die Amateurtheater untereinander. Die Bürgerbühne Riesa beispielsweise mit den Sandsteinspielen in der Sächsischen Schweiz.
In Nossen gibt es enge Beziehungen zu Waldheim. Zwar besteht die Gruppe dort aktuell nicht mehr, aber Tomáš Ondrušek, der damals X-Dörfer in der Stadt mitinitiiert hat, hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben: „Ich habe überlegt, ob wir uns nochmal zusammentun und wie wir Nossen und Waldheim kombinieren können“, sagt er.
Projekt X-Dörfer als Erfolgsgeschichte
Selbst wenn es das Projekt X-Dörfer inzwischen also nicht mehr gibt und damit auch die Unterstützung durch das Team vom Staatsschauspiel Dresden fehlt, bleiben die Menschen vor Ort am Ball. Darüber freut sich auch die Initiatorin des Projektes, Miriam Tscholl.
„Ich bin richtig glücklich, dass an den 20 Orten, an denen wir waren, 16 noch da sind und ihr Ding machen“, betont Tscholl. Denn „so eine Initialzündung zu machen und zu sagen, wir ziehen uns wieder raus, ist ja ein riskantes Unterfangen.“ Aber es habe funktioniert. „Kultur kann ansteckend sein, Theater kann ansteckend sein“, und Begegnung mache einfach so viel Spaß, so Tscholl. Und das wollen die Beteiligten ganz offensichtlich auch nicht mehr missen.