Entgegen der russischen Propaganda agiert die Ukraine im Krieg gegen den Aggressor bisher sehr erfolgreich. Selbst US-Präsident Donald Trump, der noch im Februar den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj belehrte, er müsse den russischen Forderungen nachgeben, weil er leider „schlechte Karten“ habe, sagt inzwischen, dass die Ukraine mit der Unterstützung der Europäischen Union in der Lage sei, „erfolgreich zu kämpfen und zu GEWINNEN.“
Als der Konflikt 2014 ausbrach, wirkte die Ukraine völlig hilflos, und die Russen eroberten scheinbar mühelos die Krim und andere Gebiete im Osten des Landes. Dann begann Putin am 24. Februar 2022 seinen Angriffskrieg, um die gesamte Ukraine zu unterwerfen und sie als unabhängige Nation auszulöschen.
Zu diesem Zeitpunkt erwarteten die russische Führung und viele Beobachter in aller Welt, dass Russland Kiew innerhalb weniger Tage erobern und die ukrainische Armee entscheidend besiegen würde. Selbst die westlichen Unterstützer der Ukraine schätzten deren Verteidigungsfähigkeit als so gering ein, dass sie anboten, Präsident Selenskyj und seine Getreuen zu evakuieren und ihnen bei der Aufstellung einer Exilregierung zu helfen.
Selenskyj entschied sich jedoch dagegen. Er wollte in Kiew bleiben und kämpfen. Angeblich sagte er damals den Amerikanern: „Ich brauche Munition, keine Mitfahrgelegenheit.“
Die Russen verzeichnen kaum Erfolge
Die Ukraine verblüffte die Welt, indem sie den russischen Angriff auf Kiew abwehrte. Im Spätsommer 2022 startete sie dann eine Gegenoffensive, errang zwei große Siege in den Regionen Charkiw und Cherson und befreite einen Großteil des Gebiets, das die Russen in der ersten Phase ihrer Invasion erobert hatten.
Seitdem hat sich die Frontlinie kaum verschoben, es gab allenfalls sehr geringe Gebietsgewinne auf beiden Seiten. Die Russen versuchen jedoch, den Eindruck zu erwecken, sie rückten unaufhaltsam vor. Aber tatsächlich ist es ihnen seit dem Frühjahr 2022 nicht gelungen, strategisch wichtige Ziele wie die Städte Kiew, Charkiw oder Cherson einzunehmen.
Im Jahr 2025 hat die russische Armee nur einen schmalen Streifen erobert, etwa 0,6 Prozent des gesamten Territoriums der Ukraine, und dabei etwa 200.000 bis 300.000 Soldaten verloren. Bei diesem Tempo würde es theoretisch etwa 100 Jahre dauern und Verluste von mehreren Millionen Kämpfern fordern, um die Herrschaft über die ganze Ukraine zu erlangen. Tatsächlich kontrollierte Russland im August 2025 weniger ukrainisches Staatsgebiet als im August 2022.


Die Situation erinnert an die Westfront im Ersten Weltkrieg, als skrupellose Generäle Zehntausende Soldaten opferten, um ein paar Kilometer schlammiges Land zu erobern. Patriotische Berichterstatter verschleierten oft das Ausmaß des Wahnsinns, indem sie Karten druckten, die angeblich große Fortschritte zeigten.
Wie der Historiker Toby Thacker feststellte, verwendeten Zeitungen damals jedoch oft einen bewusst großen Maßstab, „der die ‚Gebietsgewinne‘ beeindruckend erscheinen ließ, aber jeder scharfsinnige Leser konnte erkennen, dass sie in Wahrheit unbedeutend waren. In vielen Zeitungen standen die genauen geografischen Details in krassem Widerspruch zu den ständigen Berichten über ‚Gewinne‘ und ‚Fortschritte‘“.
Das Gleiche gilt für die jüngsten russischen Erfolge. Für die Ukraine ist es militärisch sinnvoll, taktische Rückzüge zu unternehmen und ihre Kräfte – und das Leben ihrer Soldaten – zu schonen, während Russland für relativ unbedeutende Gebietsgewinne heftig bluten muss. Der Ukraine ist es gelungen, Russland in eine Pattsituation zu manövrieren.
Wie der pensionierte australische Generalmajor Mick Ryan kürzlich schrieb, ist es so, als hätten die USA mehr als drei Jahre nach dem Einmarsch in den Irak im Jahr 2003 nur 20 Prozent des Landes erobert und dabei eine Million Opfer zu beklagen gehabt. Würde man da ernsthaft von einem Sieg sprechen?
„Russisches Kriegsschiff, Fuck You!“
Am 24. Februar 2022 besaß die russische Schwarzmeerflotte die vollständige Hoheit in der Region, und es schien, als hätte die Ukraine keine Möglichkeit, sich dagegen zu wehren. Einer der bemerkenswertesten Vorfälle damals ereignete sich auf der Schlangeninsel.
Das Flaggschiff der russischen Marine, der Kreuzer „Moskwa“, sendete eine Funknachricht an die kleine ukrainische Garnison dort, mit den Worten: „Hier spricht ein russisches Kriegsschiff. Wir schlagen vor, Sie legen Ihre Waffen nieder und ergeben sich, um Blutvergießen und unnötige Opfer zu vermeiden.“ Als Antwort sendete die Garnison die Nachricht: „Russisches Kriegsschiff, Fuck You!“
Zwar wurde die Schlangeninsel schnell von den Russen erobert, jedoch holten sie sich die Ukrainer Ende Juni 2022 zurück. Zu diesem Zeitpunkt lagen die „Moskwa“ und zahlreiche andere russische Schiffe bereits auf dem Grund des Schwarzen Meeres.
Durch den innovativen Einsatz von Raketen und Drohnen gelang es den Ukrainern, der eigentlich überlegenen russischen Marine Paroli zu bieten, die Art der Kriegsführung auf See zu verändern und die Überreste der russischen Schwarzmeerflotte dazu zu zwingen, in sicheren Häfen Schutz zu suchen.
Auch in der Luft hat Russland versagt. Während Israel in seinem zwölftägigen Krieg gegen den Iran im Juni 2025 innerhalb von etwa 36 Stunden die Kontrolle über den Luftraum erlangte, ohne ein einziges bemanntes Flugzeug zu verlieren, ist es Russland bislang nicht gelungen, den Himmel über der Ukraine zu beherrschen.
Die russische Luftwaffe hat schwere Verluste erlitten – nicht zuletzt durch den ukrainischen Angriff auf die strategische Bomberflotte Putins im Juni. Russland hat darauf mit Langstreckenraketen und Drohnen reagiert, um ukrainische Städte zu terrorisieren.


Die Ukraine hat davon abgesehen, mit gleichen Mitteln zurückzuschlagen, und vermeidet es weitgehend, zivile Ziele in Russland anzugreifen. Sie hat jedoch bewiesen, dass sie in der Lage ist, mit Drohnen Flugplätze und Infrastruktur, insbesondere Ölraffinerien, tief in Russland zu treffen.
Erfolge trotz begrenzter Mittel
Bislang ist Nordkorea die einzige Drittpartei, die sich direkt in den Krieg eingemischt hat, sie schickte Russland mehr als 10.000 Soldaten zu Hilfe. Die Nato-Staaten haben die Ukraine massiv mit Waffen und anderen Ressourcen unterstützt, aber keine Nato-Truppen waren offiziell an den eigentlichen Kampfhandlungen beteiligt.
Es sollte auch nicht vergessen werden, dass sich vor dem 24. Februar 2022 und noch lange danach Nato-Staaten weigerten, der Ukraine hoch entwickelte Waffensysteme zur Verfügung zu stellen, sondern sogar den Einsatz anderer militärischer Mittel einschränkten. Einige dieser Regelungen sind noch immer in Kraft.
Infolgedessen errangen die Ukrainer 2022 die Siege in Kiew, Charkiw und Cherson mit begrenzten Mitteln. Hätten sie von Anfang an die volle Unterstützung des Westens erhalten, hätten sie möglicherweise den Krieg bis Ende 2022 oder bis zum Sommer 2023 für sich entscheiden können, bevor Russland seine Armee und Kriegswirtschaft wieder aufbauen konnte.


Im Jahr 2025 leidet die ukrainische Verteidigungsfähigkeit noch immer an der Einstellung der westlichen Freunde. Da Russland es nicht geschafft hat, die Luft- und Seeüberlegenheit zu erlangen oder die ukrainischen Verteidigungslinien an Land zu durchbrechen, versucht Putin nun, die ukrainischen Stellungen zu umgehen, indem er den Willen der Amerikaner und Europäer angreift.
Durch die Verbreitung der Propaganda, dass ein russischer Sieg unvermeidlich sei, hoffen die Russen, dass die Amerikaner und Europäer den Mut verlieren, ihre Unterstützung der Ukraine einstellen und sie zur Kapitulation überreden.
Dieser Propaganda nachzugeben, wäre nicht nur für die Ukraine eine Katastrophe, sondern auch für die Nato-Staaten, die einen Großteil ihrer Glaubwürdigkeit sowie eine Verteidigungslinie gegen die wachsende russische Aggression verlieren würden.
Die Kampferfahrung der Ukrainer ist ein militärischer Trumpf für Europa
Während Russland seine Streitkräfte und seine Kriegswirtschaft weiter ausbaut, bemüht sich Europa um Wiederaufrüstung, doch bis man wirklich verteidigungsbereit ist, ist die größte und erfahrenste Streitmacht, die zwischen der russischen Armee und Warschau, Berlin oder Paris steht, nun mal die ukrainische Armee. Die polnischen, deutschen und französischen Streitkräfte verfügen jeweils über rund 200.000 Soldaten, kaum einer davon ist jedoch kampferprobt.
Die ukrainische Armee hingegen umfasst etwa eine Million Soldaten, von denen die meisten erfahrene Veteranen sind. Nachdem zuletzt immer wieder russische Jets und Drohnen in westlichen Luftraum eingedrungen sind, sollten die Europäer sich darüber klar sein, dass, wenn Russland morgen Europa angreift und die USA sich aus dem Kampf heraushalten, ihr größter militärischer Trumpf die ukrainische Armee sein wird.
Auch das US-Militär kann viel von der Kampferfahrung und der hochmodernen Rüstungsindustrie der Ukraine lernen. Insbesondere im Bereich der Drohnenkriegsführung ist die Ukraine dank ihrer Innovationen und ihres Datenreichtums weltweit führend. Dies ist wahrscheinlich einer der Gründe, warum Präsident Trump in jüngster Zeit die Ukraine stärker unterstützt. Er steht gerne auf der Seite der Gewinner.


Es ist unmöglich, vorherzusagen, wie sich der Konflikt entwickeln wird, das hängt nicht zuletzt von Entscheidungen im Westen ab. Aber in einer entscheidenden Hinsicht ist der Sieg der Ukraine nicht mehr zu nehmen. Krieg ist die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. Es gewinnt nicht die Partei, die mehr Land erobert, mehr Städte zerstört oder mehr Menschen tötet. Sondern es siegt die Seite, die ihre politischen Ziele durchsetzen kann. Und in der Ukraine steht bereits fest, dass Putin sein Hauptkriegsziel – die Zerstörung der ukrainischen Nation – nicht erreicht hat.
In vielen seiner Reden und Texte hat er verkündet, dass die Ukraine nie eine echte Nation gewesen sei. Dies war beispielsweise die Hauptbotschaft seines langen Essays mit dem Titel „Über die historische Einheit Russlands und der Ukraine“, den er im Juli 2021 veröffentlichte.
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Laut Putin war die Ukraine ein fiktives Gebilde, das von ausländischen Mächten nur deshalb unterstützt wurde, um Russland zu schwächen. Putin begann den Krieg, um der Welt zu beweisen, dass die ukrainische Nation nicht existiert, dass die Ukrainer eigentlich Russen sind und dass die Ukrainer, wenn man ihnen nur die Chance dazu gäbe, sich freudig Mutter Russland zuwenden würden.
Niemand weiß, wie viele Menschen noch aufgrund von Wladimir Putins Wahnvorstellungen und Ambitionen sterben werden, aber eines ist der ganzen Welt klar geworden: Die Ukraine ist eine sehr reale Nation, und Millionen Ukrainer sind bereit, mit aller Kraft dafür zu kämpfen, ihre Unabhängigkeit von Russland zu wahren.
Nationen bestehen nicht aus Erdschollen oder Blutstropfen. Sie bestehen aus Geschichten, Bildern und Erinnerungen in den Köpfen der Menschen. Ganz gleich, wie sich der Krieg in den kommenden Monaten entwickeln wird, die Erinnerung an die russische Invasion, an die russischen Gräueltaten und an die Opfer der Ukrainer wird den ukrainischen Patriotismus auch in den kommenden Generationen weiter nähren.


2025 Yuval Noah Harari. Der Text erschien zuerst in der „Financial Times“; Übersetzt aus dem Englischen von Jobst-Ulrich Brand