Wahrscheinlich würde er auch das eine glückliche Fügung nennen: Aris Alexander Blettenberg übt Klavier unter dem Blick von Gottesmutter und -sohn. Wenn der Pianist, Dirigent und Komponist auf seine bisherigen 31 Jahre blickt, erkennt er, dass ihm neben Begabung immer wieder Glück oder Zufall geholfen haben.
Was auch immer es war, es führte ihn zu Konzerten mit Julia Fischer, einem Solo-Debüt in der Berliner Philharmonie, zum ersten Preis beim Beethoven-Wettbewerb. Blettenberg ist dankbar. Denn alles hat ihm geholfen, zu erkennen, worauf es ihm ankommt.
Der junge Mann mit dem angedeuteten Vollbart hat wache Augen und sitzt entspannt im Proberaum, der früher eine Kapelle im Münchener Bürgerheim war. Zu dem besonderen Ort kam er durch eine kleine Katastrophe. Blettenberg hatte sich einen Flügel für seine Wohnung gekauft. „Aber als die Transporteure kamen, haben sie gleich gesagt: Keine Chance, den bringen wir nicht die Treppe rauf.“ Übers Wochenende muss ein Platz gefunden werden.
Blettenberg telefoniert herum, erfolglos, bis er sich an das Bürgerheim wendet, eine Seniorenresidenz. Ohne lange Diskussion hilft man ihm. Das Heim gibt ihm zuerst ein Büro, später bietet es ihm an, die leere Kapelle mit Leben zu füllen.
Seitdem organisiert Blettenberg sechsmal im Jahr Konzerte, mit Klavier- und Kammermusik, auch eine Haydn-Oper wurde hier schon aufgeführt mit der Kammeroper München, dessen Chefdirigent und Arrangeur Blettenberg seit einem Jahr ist.
Inzwischen steht in der Apsis ein anderes Instrument: Der Bösendorfer-Flügel, den Blettenberg sich 2021 beim Wiener Beethoven-Wettbewerb erspielt hat. Blettenberg steht damit in einer Reihe von Größen wie Mitsuko Uchida. Allerdings wäre er beinahe nicht nach Wien gefahren. „Ich war schon durch mit dem Wettbewerbs-Thema“, erinnert er sich. „Aber meine beste Freundin hat mich hingeschubst.“
Aris Alexander Blettenberg, hier 2019 am Pult des Garchinger Sinfonieorchesters. Heute ist er Chefdirigent und Arrangeur der Münchner Kammeroper, spielt als Pianist in den großen Sälen und in der Kapelle einer Münchner Seniorenresidenz. (Foto: Robert Haas)
Im Finale profitiert der Pianist von buchstäblichem Lotto-Glück. Denn das finale Beethoven-Konzert wird ausgelost. Blettenberg hofft auf Opus 15, das hat schon der Klavierschüler geübt. Die Jury zieht das Los – und Blettenberg darf Opus 15 spielen. „Das hat mir nochmal einen richtigen Schub gegeben“, sagt er. Der Schub katapultiert ihn auf den ersten Platz. „Ein Geschenk“, sagt Blettenberg.
Davon hat er einige erhalten, findet er. „Angefangen damit, dass ein Klavier bei uns im Wohnzimmer stand. Wer weiß, ob ich sonst den Weg zur Musik gefunden hätte.“ In Blettenbergs deutsch-griechischer Familie gibt es keine Musiker, aber der Junge hämmert unverdrossen auf dem Klavier herum, bis man ihm Klavierstunden gibt.
„Schritt für Schritt ging es weiter“, sagt Blettenberg. Er habe anregenden Unterricht genossen, sei kein Wunderkind gewesen, aber begabt und motiviert, so habe er schließlich an die Münchner Musikhochschule gefunden. Dort begleitet er einmal einen geigenden Kommilitonen. Dessen Lehrerin findet das gut und fragt Blettenberg, ob er nicht auch sie begleiten möchte.
So führt die Stargeigerin Julia Fischer Aris Alexander Blettenberg ins Konzerthaus Berlin, in den Goldenen Saal des Musikvereins, in die Londoner Wigmore Hall. Das Ergebnis von Glück und solider, inspirierter Klavierkunst.
Letztes Jahr dann noch das Konzert-Debüt in der Berliner Philharmonie. „Davon träumt man: Man spielt in so einem Saal und denkt ‚Dann bin ich wer‘. Aber ganz so ist es nicht“, sagt Blettenberg. „Das sind großartige Erlebnisse! Nur konnte ich mich damit auch vom Erfolgsgedanken lösen. Darum geht es nicht primär.“
Worum es dann geht? „Es gibt wenige Tätigkeiten, die mich so erfüllen wie diese hier“, sagt Blettenberg und deutet in die Kapelle. „Das zeigt mir, was Musik mit Menschen machen kann.“ Blettenberg erinnert sich an eine Seniorin, die eines seiner Kapellen-Konzerte gehört hat. „Das war mein schönstes Ostern“, habe sie gesagt, mit tränennassen Augen. „Das ist das Besondere am Musiker-Dasein“, sagt Aris Alexander Blettenberg – wahres, wiederholbares Glück zu schaffen.
Kammeroper München, Beethoven und Tschaikowski: Klavierkonzerte, 13./14.11., jeweils 19 Uhr, Allerheiligen-Hofkirche, Infos unter www.kammeroper-muenchen.com