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US-Kriegsschiffe in der Karibik, CIA-Einsätze in Venezuela: Unter Trump hat die US-Regierung Lateinamerika weit oben auf ihre Agenda geholt, sie mischt sich so offen ein wie lange nicht mehr. Was macht das mit der Region?
„Peace, peace, peace!“ Nicolás Maduro ruft es ins Mikrofon, als stünde er auf einer Konzertbühne und nicht auf einer politischen Kundgebung. Hinter ihm dröhnen die ersten Takte von „Imagine“, dem Antikriegssong von John Lennon.
Der venezolanische Präsident inszeniert sich in diesen Tagen als Friedensbote – er lacht in die Kameras des Staatsfernsehens, als gäbe es keine Spannungen mit Washington. Dabei ist in der Karibik gerade der größte Flugzeugträger der Welt eingetroffen, ein deutliches Signal von US-Präsident Donald Trump.
Seit September hat das US-Militär 21 Angriffe auf Schnellboote durchgeführt, die angeblich Drogen transportierten. Mindestens 80 Menschen wurden dabei getötet.
Die Vereinigten Staaten trieben ihre Politik des Krieges gegen die Drogen auf die Spitze und nutzten sie, um eine mögliche Intervention in Venezuela zu rechtfertigen, sagte der mexikanische Politikwissenschaftler Carlos Pérez Ricart.
Der Kampf gegen die Drogen scheint vorgeschoben. Vielmehr liegt die Annahme nah, dass die US-Regierung den autoritären linken Staatschef Maduro stürzen will. Groß ist das Interesse am Erdölreichtum in Venezuela, an den Rohstoffen, seltenen Erden in der Region.
„Donroe-Doktrin“
Die USA mischen sich so offen in die Politik der lateinamerikanischen Länder ein wie lange nicht mehr. Die New York Post schöpfte dafür bereits Anfang des Jahres einen neuen Begriff: die „Donroe-Doktrin“ – in Anlehnung an die „Monroe-Doktrin“, mit der der gleichnamige US-Präsident im 19. Jahrhundert den europäischen Einfluss auf Lateinamerika eindämmen wollte.
In den darauffolgenden Jahrzehnten nutzten die USA die Doktrin vor allem aber dazu, die eigene Vorherrschaft in der Region auszubauen. Und genau das zeichne sich seit Trumps Amtsantritt ab, erklärt der venezolanische Forscher Jesus Renzullo vom German Institute for Global and Area Studies: Eine Neuauflage der US-amerikanischen Hinterhofpolitik.
„Tatsächlich sieht Trump den Einfluss der Vereinigten Staaten in Lateinamerika schwinden, aufgrund des wachsenden wirtschaftlichen Einflusses Chinas und der Allianzen von Ländern wie Nicaragua, Kuba und Venezuela mit Russland.“ Und das veranlasse ihn, das, was er als die ihm zustehende Vorherrschaft in der Region ansieht, einzufordern oder zu stärken, so Renzullo.
Militäreinsätze? „Die Frage ist nur, wann und wie“
Chinas Präsenz bietet vielen Regierungen eine Alternative zur US-Abhängigkeit. Kredite, Investitionen und Technologie kommen aus Peking ohne politische Bedingungen, nur aus wirtschaftlichen Interessen.
Trump baut derzeit maximalen Druck auf, die US-Regierung bereitet mögliche Militäreinsätze in Venezuela vor. Angriffe auf venezolanischem Boden, die vorher kaum denkbar schienen, hält der mexikanische Politologe Carlos Pérez Ricart inzwischen für möglich. „Die Frage ist nur, wann und wie es passieren wird.“
Auch die Menschen in Kolumbien und Mexiko könnten mit der Nachricht aufwachen, dass Drohnen kolumbianische oder mexikanische Staatsbürger auf mexikanischem oder kolumbianischem Gebiet getötet haben.
Verunsicherung in der Region
Trumps Kalkül funktioniert. Er schafft Verunsicherung in der Region. Kaum ein Land will riskieren, selbst ins Fadenkreuz zu geraten. Vor besonders großen Herausforderungen steht ohne Frage der unmittelbare Nachbar Mexiko. Trump wird nicht müde, die mexikanische Präsidentin Claudia Sheinbaum zurechtzuweisen: Die Regierung unternehme zu wenig gegen Drogenkartelle und Migration.
Zuletzt schloss er auch Angriffe auf mexikanischem Boden nicht aus. Doch Sheinbaum lasse sich weder verärgern noch einschüchtern, so Renzullo. Bis jetzt sei Mexiko tatsächlich eines der Länder, das am wenigsten unter Trumps Strafzoll-Politik gelitten habe.
Anders sieht es im Fall von Kolumbien aus, analysiert der venezolanische Wissenschaftler. Der linke Präsident Gustavo Petro ist zur Zielscheibe von Trump geworden. Er setze mehr auf Konfrontation, wohl auch um seine politische Basis zu festigen, die derzeit massiv bröckelt, weil er das Land nicht wie versprochen befrieden konnte und soziale und wirtschaftliche Gerechtigkeit ausgeblieben sind. Die Wahrscheinlichkeit sei hoch, dass die Rechte die Wahlen in Kolumbien im nächsten Jahr gewinnen werde.
Die Vereinigten Staaten sind sich also bewusst, dass Kolumbien unter Petro nicht mehr viel Zeit bleibt und versuchen, mehr Druck auszuüben. Vielleicht zum Teil, um zu zeigen, dass sie hart gegen den Sozialismus und die Linke vorgehen, aber auch, um der Rechten mehr Kraft zu verleihen und zu sagen: Seht ihr, diese Regierung weiß nicht, was sie tut.
Jesus Renzullo, German Institute for Global and Area Studies
Trump teilt die Region in Gut und Böse ein. Er zeigt eine Vorliebe für exzentrische, autoritäre Politiker – allen voran Argentiniens Präsident Javier Milei, aber auch El Salvadors Staatschef Nayib Bukele gehört zu seinen Lieblingen. Letzterer hat abgeschobene Migranten aus den USA in seinen berüchtigten Gefängnissen aufgenommen.
Demokratisierung nebensächlich
Im Falle von Venezuela bezweifelt Renzullo, dass Bodentruppen Maduro stürzen werden oder es zu einem verhandelten demokratischen Übergang kommen wird, an dem am Ende die Opposition mit Edmundo González und Maria Corina Machado an der Spitze stehen werden.
Der wahrscheinlichste Übergang sei ein Wechsel innerhalb der Führungsspitze, die Machtübernahme durch die zweitwichtigste Fraktion der venezolanischen Politik, die Geschwister Rodríguez. „Tatsächlich ist Delcy Rodríguez derzeit Vizepräsidentin, sodass es sinnvoll wäre, dass sie im Falle eines Rücktritts Maduros an der Macht bleibt.“
Trump hatte sich vor ein paar Tagen wieder gesprächsbereit gezeigt, auch wenn er zugleich laut New York Times offenbar Militäreinsätze in Venezuela weiter vorantreibt. Ein interner Machtwechsel wäre für ihn ein politischer Erfolg und für beide, auch Maduro, eine Möglichkeit, das Gesicht zu wahren. Echte Demokratisierung spielt dabei nur eine Nebenrolle.
Die Region ist gespalten: Rechte Regierungen wie in Argentinien und El Salvador rücken an Washington heran, während linke wie in Kolumbien oder Mexiko zwischen Vorsicht und Konfrontation schwanken. Eine gemeinsame Linie fehlt – und genau das ermöglicht es den USA, ihre alte Hinterhofpolitik weitgehend ungehindert wiederzubeleben.
