Berlin – Sie kann nicht mit ihrer besten Freundin darüber sprechen, woher sie das blaue Auge hat. Denn sie hat Angst vor den Konsequenzen: Würde sie reden, würde es nur noch schlimmer werden. Und sie schämt sich dafür. Deshalb lächelt sie die Fragen ihrer Freundin weg. Und geht wieder nach Hause zu ihrem Mann. Für viele Frauen in Deutschland ist Gewalt keine Ausnahme – sie ist brutale Realität, manchmal über Jahre und oft im Verborgenen.

Gewalt gegen Frauen – zu Hause, im Netz, auf der Straße – nimmt in Deutschland immer weiter zu. Eine neue Lage-Analyse des Bundeskriminalamts (BKA) enthüllt jetzt erschreckende Dimensionen.

Foto: BILD

Häusliche Gewalt gegen Frauen steigt

Das Ergebnis der Studie ist schockierend: Im vergangenen Jahr wurden 187.128 Frauen und Mädchen Opfer von häuslicher Gewalt – ein Anstieg um 3,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr (2023: 180.715). Besonders betroffen sind Frauen im Alter von 30 bis 60 Jahren (54,9 %), gefolgt von 18- bis 30-Jährigen (26,9 %). „Häusliche Gewalt beinhaltet alle Formen körperlicher, sexueller oder psychischer Gewalt“, definiert das BKA die Taten in der Studie. Die Zahl der Tatverdächtigen stieg auf 152.812 Personen (+3,2 Prozent).

In Wahrheit sind es viel mehr Fälle. Das BKA betont, dass besonders häusliche und digitale Gewalt oft nicht gemeldet wird. Die Dunkelziffer ist riesig.

Viele Frauen hoffen auf Einsicht, auf Veränderung – doch der Kreislauf aus Gewalt, Reue, Schweigen und neuer Gewalt wiederholt sich. Häufig beginnt es mit Kontrolle: „Wo warst du? Mit wem schreibst du?“ Dann folgen Beschimpfungen, später Schläge. Die Betroffenen verlieren sich selbst Stück für Stück – bis sie irgendwann glauben, keine Alternative mehr zu haben.

Mehr frauenfeindliche Kriminalität, weil Täter Frauen hasst

Besonders drastisch ist der Anstieg im Bereich der politisch motivierten, frauenfeindlichen Straftaten. Sprich: Frauen werden angegriffen, weil der Täter Vorurteile gegenüber Frauen hat oder sie hasst. 2024 registrierte das BKA 558 Taten, ein gewaltiger Sprung um 73,3 Prozent (2023: 322). Dazu gehören Beleidigungen, Volksverhetzungen und Propagandadelikte – aber auch 39 Gewaltdelikte, bei denen 24 Menschen körperlich verletzt wurden.

Jede zweite dieser politisch motivierten Kriminalitäts-Taten ist eine Beleidigung – der Anteil stieg auf 49,5 %, ein Plus von 84 % gegenüber dem Vorjahr. 13,6 Prozent sind Volksverhetzungen, 12,4 % Propagandadelikte.

Digitale Gewalt wächst stark

Bedrohungen, Stalking, intime Bildaufnahmen – die Gewalt verlagert sich zunehmend ins Netz. 2024 registrierte das BKA 18.224 weibliche Opfer digitaler Gewalt, ein Anstieg um 6 Prozent gegenüber 2023. Die Zahl der Tatverdächtigen schnellte auf 14.130 hoch (+11,3 %).

Wenn der Täter übers Smartphone droht

Viele Frauen erleben digitale Gewalt als unsichtbaren Albtraum. Die Kontrolle hört nicht mehr auf, auch, wenn sie allein zu Hause sind: Nachrichten mitten in der Nacht, intime Fotos im Netz, GPS-Ortung über Apps.

Die Entwicklung der einzelnen Delikte ist massiv: Nötigung, Bedrohung und Stalking legten in fünf Jahren um 135,7 Prozent zu. Die Verletzung des Intimbereichs durch Bildaufnahmen stieg seit 2021 um 125,6 Prozent. Auch der sexuelle Missbrauch übers Handy oder im Netz steigt: um 5,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Täglich werden fast 150 Frauen Opfer sexualisierter Gewalt

Unter den spezifischen Delikten stechen Sexualstraftaten hervor. Darunter fallen Taten wie Vergewaltigung, sexuelle Übergriffe, sexuelle Nötigung, sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen sowie Zuhälterei. 53.451 weibliche Opfer verzeichnete das BKA 2024 – ein Plus von 2,1 Prozent. Das sind fast 150 Mädchen und Frauen am Tag! Alle zehn Minuten ein Opfer!

Besonders betroffen sind Kinder und Jugendliche. 49,2 Prozent der Opfer waren unter 18. Der Anteil der weiblichen minderjährigen Opfer liegt damit weit über dem Anteil von Mädchen unter 18 Jahren an der Bevölkerung (16,1 %). Weitere 29,7 % der Opfer waren zwischen 18 und 30 Jahren. 97,9 % der Sexualstraftäter sind Männer. Mehr als ein Viertel der Täter ist jünger als 21 Jahre.

Zerstörte Kindheit, lebenslange Narben

Wer in jungen Jahren Gewalt erfährt, trägt die Folgen oft ein Leben lang. Viele Opfer sprechen nie darüber – weil sie es verdrängen müssen, um zu überleben. Andere kämpfen noch Jahrzehnte später mit Angst, Ekel, Misstrauen. Jede Statistikzeile steht für ein Mädchen, dem die Kindheit gestohlen wurde.

Wenn Männer ihre (Ex-)Partnerinnen angreifen oder töten, ist das die extreme Form der Gewalt. Laut Studie wurden im vergangenen Jahr 859 Frauen und Mädchen Opfer von versuchten oder vollendeten Tötungsdelikten. 328 dieser Fälle gelten juristisch als vollendete Taten – auch wenn nicht alle tödlich endeten. 308 Frauen starben tatsächlich.

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Die Studie nutzt nicht den Begriff Femizid und erklärt das so: „Auch über die Daten der Polizeilichen Kriminalstatistik können Tötungsdelikte an Frauen bislang nicht als ‚Femizide‘ im Sinne des allgemeinen Verständnisses ‚Tötung einer Frau, weil sie eine Frau ist‘ interpretiert werden.“ In der Statistik seien keine Informationen zur Tatmotivation enthalten, die eine eindeutige Zuordnung zur Kategorie Femizid erlauben würden.

Die meisten der versuchten oder vollendeten Tötungsdelikte kamen aus dem engsten Umfeld: In 308 Fällen, die nicht alle tödlich endeten, war der Täter der Partner oder Ex-Partner. Weitere 151 Opfer wurden innerhalb der eigenen Familie angegriffen – etwa durch Väter, Brüder oder Söhne. Die Studie zeigt damit eindeutig: Viele Frauen erleben (tödliche) Gewalt dort, wo sie sicher sein sollten: zu Hause!

In vielen Fällen kannten die Opfer den Täter

Doch direkt nach „Partnerschafts-Taten“ folgen Fremdtäter: In 159 Fällen kannten die Frauen den Angreifer nicht. Erst dahinter liegen Bekannte oder Freunde mit 128 Fällen. Weitere Täter hatten „formelle, flüchtige oder ungeklärte Beziehungen“ zu den Opfern.

Und wer sind die Täter? Bei allen Deliktformen sind die Verdächtigen überwiegend männlich, häufig deutsche Staatsbürger und – bei frauenfeindlicher Kriminalität aus Hass – meist älter als 30 Jahre.

Die Nationalität der Täter variiert je nach Straftat-Kategorie stark: Bei digitaler Gewalt sind etwa 76,2 Prozent der Tatverdächtigen deutsch, beim sexuellen Missbrauch online oder übers Handy sogar 88,2 Prozent. Bei Sexualstraftaten haben 64,5 % der Tatverdächtigen einen deutschen Pass, bei häuslicher Gewalt 63,2 %.

Völlig anders sieht es beim Menschenhandel aus: Dort stellen nichtdeutsche Tatverdächtige mit 63,8 Prozent die deutliche Mehrheit. Beim Delikt „Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung“ steigt dieser Anteil sogar auf 80,5 Prozent. Für die politisch motivierte frauenfeindliche Kriminalität nennt die Studie keine Nationalitäten – nur so viel: Die Täter sind überwiegend männlich und über 30 Jahre alt.

Propaganda kann Gewaltbereitschaft erhöhen

Wichtig: Gewalt gegen Frauen ist keine Randerscheinung – sie zieht sich durch alle Altersgruppen, alle Lebensbereiche, von der Wohnung bis zum Smartphone. Die Studie fasst zusammen: „So zeigen die Ergebnisse des Lagebildes, dass Gewalt an Frauen – deutlicher als Gewaltkriminalität insgesamt – weiterhin ansteigt.“

Unter anderem die verstärkte Verbreitung von Hassbotschaften, Desinformation sowie extremistischer Ideologie und Propaganda über das Internet sei Grund für die „Ablehnung von Gleichberechtigung und Gleichwertigkeit der Geschlechter“ und könne „die Bereitschaft zu Gewalt gegen Frauen erhöhen“.

Wer Gewalt erlebt, steht oft vor einer Mauer aus Angst, Scham und Abhängigkeit. Doch Hilfe ist da: bei Beratungsstellen, bei der Polizei, bei Notrufen – oder einfach bei einer Freundin, die zuhört, ohne zu urteilen. Jede Frau, die spricht, durchbricht das Schweigen. Jede Geschichte kann Leben retten.

Hier bekommen Sie Hilfe

Sind Sie Opfer häuslicher Gewalt? Es gibt Anlaufstellen, die Ihnen helfen!

► Im Frauenhaus finden Sie Schutz. Infos und Plätze unter www.frauenhaus-suche.de

► Das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ ist rund um die Uhr erreichbar unter 116 016 – mit Chat täglich von 12 bis 20 Uhr: www.hilfetelefon.de

► Hilfe bei sexueller Gewalt gibt es unter 0800/22 55 530 beim „Hilfe-Portal Sexueller Missbrauch“

► Der WEISSE RING unterstützt Sie – täglich von 7 bis 22 Uhr unter 116 006

► Über www.frauen-gegen-gewalt.de können Sie ebenfalls per Chat Hilfe bekommen – anonym, kostenlos, auf Wunsch mehrsprachig.

► Auch beim gemeinnützigen Angebot www.krisenchat.de erhalten Sie schnelle psychologische Hilfe – 24/7, kostenlos, anonym und per Chat.