Fett ist ein zuverlässiger Geschmacksträger, Hobbyköche wissen das. Vermutlich sollte man auch jene Menschen daran erinnern, die sich ihrer überflüssigen Pfunde radikal entledigen wollen und dazu auf die Abnehmspritze zurückgreifen. Der rasche Gewichtsverlust kann schließlich auch zu Einbußen im Gesicht führen – obwohl es natürlich Geschmackssache ist, ob man faltig-kantige Mund- und Wangenpartien bevorzugt oder lieber gemütliche, runde Pausbacken mag.
Als „Ozempic Face“ ist die Nebenwirkung des rasanten Gewichtsverlusts mittlerweile bekannt. Wenn Spritze oder Pillen wirken, verschwindet das Fett eben nicht nur an Stellen wie Bauch, Beinen, Po, die von der Problemzonengymnastik anvisiert werden, sondern auch weiter nördlich. Eingefallene Wangen, schlaffe Haut und ein faltiges, gealtertes Erscheinungsbild sind die Folge. Das jüngste Beispiel liefert Jeff Bezos, 61, der auf dem Führungskräfte-Gipfel „America Business Forum“ in Miami Anfang November reichlich zerknautscht wirkte. Der Amazon-Chef sah hager und spitznasig aus und die faltige Oberflächenstruktur seines Gesichts konnte durchaus mit den Ledersesseln am Veranstaltungsort mithalten. Droht nach dem Gewichtsverlust der Gesichtsverlust?
Jeff Bezos: Links sein Gesicht vor zwei Jahren, rechts sein aktuelles. (Foto: AP/AP)
„Wer schnell und stark Gewicht abnimmt, ob durch Medikamente, Operationen oder strenges Fasten, will Unterhautfett verlieren – das geht aber mit einem ausgeprägten Überschuss an Haut und Unterhautgewebe einher“, sagt Matthias Augustin, Direktor des Instituts für Versorgungsforschung in der Dermatologie am Uniklinikum Hamburg-Eppendorf. Im Gesicht und am Hals fällt das besonders auf und zeigt sich als schlaffe, hängende Haut. „Zum einen geht Volumen verloren, da die natürlichen Fettpolster an Wangen, Schläfen, Augen und Unterkiefer nicht durch anderes Gewebe ersetzt werden“, so Hautarzt Augustin. „Da die darunter liegenden Knochen und Muskeln stärker sichtbar werden, entsteht ein wie ausgehöhlt wirkendes Gesicht. Dieser Vorgang ähnelt dem bei starker Unterernährung, im Greisenalter und bei schweren Erkrankungen wie Krebs oder Aids.“
Zum zweiten würden die elastischen und Kollagen-Fasern der Haut, die ein straffes Gewebe erzeugen, bei starkem Gewichtsverlust und Unterernährung zusätzlich mit abgebaut, was den optischen Effekt der Auszehrung verstärke. „Die verbleibenden Bindegewebsfasern und die feine Muskulatur können das Gewebe dann nicht mehr unter Spannung halten“, so der Dermatologe. Am Rumpf mag die überschüssige Haut zwar auch unansehnliche Falten werfen und sackartig hängen, doch das sehen Außenstehende zumeist nicht. Gehen hingegen im Gesicht mit dem Fett auch die straffenden und formgebenden Strukturen verloren, verliert die Haut an Spannkraft. Im konkreten Fall heißt das: Die Bezos-Bäckchen sind weg, der Mund wirkt schmal wie der Schlitz einer Spardose, das Gesicht müde.
Das vor Kurzem noch ebenmäßig glatte Antlitz von Bezos durchziehen inzwischen tiefe Nasolabial-Furchen – so heißen die Falten zwischen Nasenflügeln und Mundwinkeln in der Fachsprache. Die Stirn ist runzelig. Die Bilder seiner Promihochzeit im Juni in Venedig zeigen hingegen noch einen Mann mit vollem, rundlichem Gesicht, nahezu faltenfrei, für den Großmütter den Begriff „Wonneproppen“ verwendet hätten. Was ist nur in den wenigen Monaten danach mit Bezos passiert? Nun kann die Ehe einem Mann zwar stark zusetzen, doch die meisten Männer nehmen nach der Hochzeit eher zu als ab.
Semaglutid verringert den Appetit – in der Folge nimmt man ab
In Bezos’ Fall geht das hohlwangige Gesicht vermutlich auf GLP-1-Rezeptoragonisten zurück, wie die Medikamentenklasse heißt, zu der Ozempic und Co. gehören. Der Wirkstoff Semaglutid verlangsamt die Magenentleerung, suggeriert ein Völlegefühl und verringert den Appetit. In der Folge schwinden die Fettdepots. Zwar wird der Gesichtsausdruck eines Menschen wesentlich von der mimischen Gesichtsmuskulatur bestimmt, die anders als andere Muskeln im Körper direkt mit der Haut verbunden sind und deshalb Gefühlsregungen wie Freude, Trauer, Wut oder Schrecken nuanciert anzeigen. Doch darunter befindet sich ein Polster aus Fett. Und das schmilzt bei schnellem Gewichtsverlust genauso dahin wie die Pfunde an Hüften und Bauch. Das Fett wird überall am Körper gleichmäßig abgebaut, im Gesicht fällt es allerdings besonders stark und manchmal besonders negativ auf.
Manche Menschen leiden darunter, wenn sie im Laufe ihrer drastischen Abnehmkur zwar weniger Gewicht auf die Waage bringen, aber eingefallen und vorgealtert wirken. Hautarzt Augustin erinnert sich an Patienten mit hohem Gewichtsverlust, die er behandelt hat: „Bei denen haben andere vermutet, dass sie unter Krebs leiden, weil ihr Gesicht nach dem Gewichtsverlust so eingefallen aussah.“ Vor einer starken Gewichtsreduktion müssten Patienten daher aufgeklärt werden. Bei manchen bilde sich die überschüssige Haut immerhin teilweise zurück, vor allem bei jüngeren. Wenn nicht, könnten Chirurgie und Filler helfen – allerdings zum Preis weiterer medizinischer Eingriffe und Kosten, so der Hamburger Dermatologe.
Damit eröffnen sich neue medizinische Geschäftsfelder. „Patienten, die massiv an Gewicht verlieren, erscheinen um bis zu fünf Jahre älter im Vergleich zu jenen, die nicht so stark abgenommen haben“, stellten plastische Chirurgen schon 2023 in einem Fachartikel fest und seufzten: „Es ist ein Dilemma.“ Die Ärzte sehen in der „unerwünschten“ Veränderung des Gesichts bereits einen Grund für schwindendes Selbstbewusstsein und „eine neue Herausforderung für die plastische Chirurgie“, sprich: die Aussicht auf neue zahlende Patienten.
Auch bei Robbie Williams wirkt das Gesicht mittlerweile eingefallen. (Foto: Imago/Getty)
Nun gibt es ungünstige Fotos von jedermann und jederfrau, auf denen man alt und zerknittert aussieht, doch wer Vorher-nachher-Bilder von Robbie Williams, Elon Musk oder Jessica Simpson betrachtet, fragt sich unweigerlich, ob sich die Stars und Sternchen mit der Schrumpel-Kur etwas Gutes getan haben. Weil sich schon so viele Promis dem medikamentösen Abnehmwahnsinn unterzogen haben, kursiert bereits die böse Bezeichnung „Hängendes Hollywood“. Die Bemühungen von Jeff Bezos, neben seiner jüngeren Frau Lauren Sánchez Bezos, 55, muskulöser und attraktiver auszusehen, sah Bild jedenfalls mit einem Rückschlag durch den „Gesichts-Bumerang“ konterkariert.
Ein rundes, glattes Gesicht wirkt gesund und vital. Bei Bezos hat man derzeit den Eindruck, als seien die Proportionen verrutscht. Doch das lässt sich korrigieren, etwa mit Botox. Eine bröckelnde Fassade bekommt das Putz- und Stuckateur-Handwerk schließlich auch wieder hin. Bleibt die Frage, ob der Mann noch wiederzuerkennen ist, wenn er plötzlich aussieht wie ein Luftballon, dem die Luft ausgegangen ist, und seine runzelige Hülle bald darauf wieder medikamentös aufgebügelt und poliert wird.