Zunehmende Gewalt, Drohungen, Selbstzensur: Wie schlimm steht es um die französischen Schulen, fünf Jahre nach dem islamistischen Mord an Samuel Paty? Im Interview gibt sich der Lehrer François De Sauza trotz allem hoffnungsvoll.
«Nur die Spitze des Eisbergs»: Bei einer Trauerfeier an der Sorbonne präsentiert ein Gardist ein Porträt des ermordeten Lehrers Samuel Paty.
François Mori / AP
Er wollte seinen Schülern bloss das Prinzip der Meinungsfreiheit erklären. Doch kurz darauf wurde Samuel Paty in den sozialen Netzwerken als Feind des Islam angeprangert. Einige seiner Schüler fanden, er habe eine Abreibung verdient, Kollegen distanzierten sich von ihm. Seit der Lehrer vor fünf Jahren in Conflans-Sainte-Honorine von einem Islamisten auf offener Strasse enthauptet wurde, sind extremistische Umtriebe in französischen Schulen ein Dauerthema.
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«Frankreich kapituliert», «Lehrer sind machtlos gegen islamistische Offensive» oder «Pariser Schulleiter prangern Anstieg von Morddrohungen an», so lauten Schlagzeilen der letzten Jahre. François De Sauza gehört zu einer Gruppe von Lehrern, die sich unter dem Namen «Vigilance Collèges Lycées» dem Kampf gegen extremistische Tendenzen verschrieben hat.
Herr De Sauza, Sie gehören einer Gruppe an, die sich für pädagogische Freiheit und für Lehrer einsetzt, die bedroht werden. Wie kam es dazu?
Die Ermordung von Samuel Paty hat uns alle erschüttert. Wir haben die Gruppe gegründet, um zu verhindern, dass sich solche Fälle wiederholen, dass Lehrer bedroht und alleingelassen werden. In der Schule soll man sich frei äussern können, ohne Angst vor Verleumdungen und Gewalt. Und wir kämpfen gegen das Verschweigen und Verdrängen dieser Probleme. Sie haben vielleicht schon vom französischen Ausdruck «pas de vagues» gehört.
Ein Appell von Politikern und Ministerien an die Lehrerschaft, man solle keine «Wellen» provozieren und lieber alles unter dem Deckel halten?
Genau. Die Probleme, die wir heute in französischen Schulen haben, gibt es seit rund dreissig Jahren. Schon 2002 berichteten Lehrer im Buch «Les territoires perdus de la République» (Die verlorenen Gebiete der Republik, Red.) von einer Rückkehr des Religiösen in manchen Schulen, insbesondere eines rigoros und orthodox ausgelegten Islam. Mit dieser Religiosität gingen oft Feindschaft gegen jüdische Schüler, Homophobie und Frauenfeindlichkeit einher. Denn wenn Schüler solchen Ideologien verfallen, erhält man ein Gesamtpaket, eine Weltanschauung. Sie wird wie eine Norm vertreten, der sich alle zu unterwerfen haben.
François De Sauza, Lehrer.
PD
Wie verbreitet ist diese Haltung bei Schülern aus dem islamischen Kulturkreis?
Leider hat sich die rigorose Auslegung des Islam in den letzten Jahren stark verbreitet, sie hat die Köpfe vieler Jugendlicher erobert, auch wegen ihrer enormen Popularität in den sozialen Netzwerken. Lehrer und das Bildungssystem stehen heute im Wettbewerb mit Tiktok, und viele vertrauen Tiktok mehr als uns. So haben es die islamistischen Agitatoren geschafft, die Schüler gegen die Schule selbst aufzuhetzen. Sie reden ihnen ein, die säkulare Schule und die Laizität seien ihre Feinde. Die Morde an Samuel Paty und Dominique Bernard (ein zweiter Lehrer, der 2023 ermordet wurde, Red.) sind nur die Spitze des Eisbergs.
In Issou erhielt eine Lehrerin 2023 Morddrohungen, weil sie ihren Schülern ein historisches Kunstwerk mit nackten Frauen zeigen wollte. Schüler verdeckten sich empört die Augen, Eltern traten eine Kampagne los. Wie häufig sind solche Fälle?
An meiner Schule gibt es das zum Glück nur sehr wenig, aber ich arbeite derzeit auch nicht an einem besonders heiklen Ort. Lehrer, die in belasteten Quartieren arbeiten, müssen jedoch in fast allen Fächern mit Protesten rechnen. Zuerst ging es vor allem um Themen wie den Holocaust, den Völkermord an den Armeniern oder den Palästina-Konflikt. Heute kann es schon Probleme geben, weil Schüler Musik ablehnen. Oder weil sie sich weigern, ein Theaterstück anzusehen, in dem sich zwei Personen an den Händen halten. In manchen Klassen provoziert alles, was mit dem Körper und mit Sexualität zu tun hat, Reaktionen und Proteste. Oft geht das von wenigen Schülern aus, aber diese setzen andere unter Druck, indem sie sagen: «Wenn du dieses Bild anschaust, bist du ein schlechter Muslim.» Es ist wie eine Sittenpolizei, die sich in einigen Schulen und Vierteln etabliert hat.
Fünf Jahre nach dem Mord: Gedenkfeier für Samuel Paty in Conflans-Sainte-Honorine, 16. Oktober 2025.
Bruno Levesque / Imago
Sie unterrichten seit dreizehn Jahren am Collège. Wann haben Sie persönlich zum ersten Mal gespürt, dass sich etwas verändert?
Schon früh. Es gab ja die Terroranschläge von Toulouse 2012 und das Attentat auf die Redaktion von «Charlie Hebdo» im Januar 2015. Nach solchen Anschlägen sind wir Lehrer dazu aufgefordert, das Thema zu diskutieren. Besonders auffällig war im Januar 2015, wie sehr der Name «Charlie Hebdo» bestimmte Schüler aufbrachte. Sie wussten zum Teil überhaupt nicht, was das war. Einige glaubten, es handle sich um eine Person, Charlie Hebdo. Aber allein die Erwähnung von «Charlie Hebdo» löste empörte, äusserst heftige Reaktionen aus, auch bei Schülern, die sonst sehr zurückhaltend waren. Da sieht man als Lehrer, dass es ein riesiges Problem gibt.
Gemäss einer Umfrage haben sich 56 Prozent der Lehrer in öffentlichen Schulen schon einmal selbst zensiert. Sie haben Angst, Themen wie den Holocaust oder die Meinungsfreiheit zu behandeln. Und es gibt Drohungen gegenüber Lehrern, man werde «einen Paty machen» aus ihnen.
Wir denken sicher nicht jeden Tag darüber nach, was passieren könnte, aber wenn wir bestimmte Themen ansprechen, tun wir das mit grösster Vorsicht. Viele Lehrer zensieren sich auch selbst, weil sie Angst haben, als Rassisten, Faschisten oder Islamfeinde zu gelten. Sei es, weil sie die Laizität verteidigen, Antisemitismus bekämpfen oder weil sie sagen: «Vorsicht, was in Gaza passiert, ist möglicherweise kein Völkermord.» Plötzlich sieht man sich von kleinen Faschisten der extremen Linken an den Pranger gestellt, die ihre Sichtweise als einzige Wahrheit durchsetzen wollen. Die Angst, moralisch geächtet zu werden, ist meiner Meinung nach häufiger und schwieriger als die Angst vor dem Messer. Das liegt auch an Kollegen und Gewerkschaften, die sich als nützliche Idioten betätigen.
Wie meinen Sie das?
Es gibt linksextreme Lehrer und Gewerkschaften, die den Islamisten helfen, Begriffe zu verdrehen und umzudeuten. Sie sehen die Laizität der öffentlichen Schulen nicht als Garantie für die Gedankenfreiheit, sondern als rassistisches und islamophobes Instrument. Sie glauben Slogans wie «Der Hijab ist Freiheit» und schlagen sich bei Konflikten auf die Seite von Agitatoren. Zu sehen war das etwa, als der Direktor des Pariser Gymnasiums Maurice Ravel angegriffen wurde.
Er hat zwei Mädchen aufgefordert, das Kopftuch abzulegen, und wurde darauf beschuldigt, eines der Mädchen geschlagen zu haben.
Das war eine Lüge, aber sie hat sich schnell in den sozialen Netzwerken verbreitet und dem Schulleiter Morddrohungen eingebracht. Die Schülerin verbreitete ihre Vorwürfe über das CCIE (Collectif contre l’Islamophobie en Europe, Red). Eine Organisation, die das Collectif contre l’Islamophobie en France beerbt hat, das nach dem Mord an Samuel Paty aufgelöst wurde, weil es die Regierung als islamistische Institution eingestuft hat. Dennoch haben linksextreme Lehrergewerkschaften, die der Partei La France insoumise nahestehen, das CCIE mehrmals eingeladen. Statt Lehrer zu unterstützen, die sich an das Gesetz halten, laden sie Leute ein, die Lehrer verleumden. Diese Bösartigkeit, die Angst davor, für Vorfälle verantwortlich gemacht zu werden, ist das Schlimmste für uns Lehrer.
Auch Samuel Paty wurde von einigen Kollegen im Stich gelassen. Sie distanzierten sich von ihm, weil sie die Islamophobie-Vorwürfe gegen ihn im Grunde teilten. Gibt es zu wenig Solidarität in der Lehrerschaft?
Es sind wenige, die so denken. Aber sie haben einen nicht zu unterschätzenden Einfluss. Sie verbreiten eine Kultur der Schuldvermutung, die viele Lehrer verinnerlichen. Aber wenn etwas schiefläuft in der Schule, liegt es nicht automatisch daran, dass ich etwas falsch gemacht habe. Vielleicht liegt es ganz einfach daran, dass wir es mit Schülern zu tun haben, die sich schlecht benehmen oder von radikalen Influencern aufgehetzt wurden.
Gibt es diese Obstruktion und diese Druckversuche auch von konservativen Christen oder von der extremen Rechten?
In öffentlichen Schulen drehen sich die meisten religiösen Konflikte um den Islam und die Forderungen, die im Namen dieser Religion erhoben werden. Aber es gibt Evangelikale, die den Unterricht infrage stellen, ebenso gibt es Schüler, die ein zunehmend identitäres Selbstverständnis entwickeln als «reine» Franzosen. Ich habe einmal an einer Schule unterrichtet, wo die eine Hälfte der Schüler marokkanische, die andere europäische Wurzeln hatte. Da kam es oft zu starken Spannungen zwischen den beiden Gruppen. Es reichte aus, wenn sich zwei Schüler wegen dummer Sprüche stritten. Die Jugend ist stark von identitären und religiösen Spannungen geprägt. Probleme kann es aber auch mit konservativen Katholiken geben.
Terrorakte müssen in französischen Schulen thematisiert werden. Für die Lehrer ist das nicht immer einfach.
Domine Jerome / Abaca / Imago
Wie äussern sich diese Probleme?
Diese Schüler gehen häufig nicht auf öffentliche Schulen, sondern auf Privatschulen. Diese setzen den staatlichen Lehrplan manchmal sehr flexibel um, vor allem in Bezug auf Erziehung und Sexualität. Dass diese Schulen teilweise vom Staat finanziert werden, wirft natürlich Fragen auf.
Trägt diese Privilegierung zu dem Gefühl in der muslimischen Bevölkerung bei, schlechter behandelt zu werden?
Den Vorwurf der Doppelmoral hört man von Schülern muslimischer Herkunft öfter. Sie haben den Eindruck, schlecht behandelt zu werden. Und genau hier haben Islamisten Erfolg. Sie vermitteln den Schülern das Gefühl, sie würden diskriminiert, die Franzosen lehnten sie ab und so weiter. Besonders erfolgreich ist dieser Diskurs in armen und benachteiligten Quartieren, wo zum Teil 80 bis 90 Prozent der Schüler muslimisch sind. Es gibt zwar Ungleichheiten, besonders auf dem Wohnungsmarkt und in manchen Berufen. Aber mit dem Vorwurf der strukturellen Diskriminierung habe ich Mühe. Viele muslimische Franzosen sind Lehrer, Führungskräfte und Unternehmer. Man spricht von der «Beurgeoisie» (ein Wortspiel aus Beur – umgangssprachlich für Maghrebiner – und Bourgeoisie, Red). Ich fürchte, dass der Vormarsch des Islamismus auch diesen sozialen Aufstieg gefährdet.
Durch die Zuwanderung verändert sich die Schülerschaft in Frankreich stark, allein 2024 sind 434 000 Menschen eingewandert, rund die Hälfte der Migranten stammt heute aus afrikanischen Staaten. Hat die säkulare Schule angesichts des demografischen Wandels überhaupt eine Zukunft?
Ich hoffe es. Man muss auch schauen, was in den Herkunftsländern geschieht, oft sind die Migranten hier konservativer. Die islamistische Ennahda-Partei erzielt in der tunesischen Diaspora einen höheren Wähleranteil als in Tunesien, mit Recep Erdogan ist es genauso. Manchmal bin ich für die Herkunftsländer fast optimistischer als für das, was hier in manchen Gemeinschaften geschieht.
Glaubt man Schlagzeilen in den Medien, ist es an den Schulen nicht besser geworden seit dem Mord an Samuel Paty. Teilen Sie diesen Eindruck?
Mein Eindruck ist eher, dass es besser geworden ist, viel besser sogar. Es gibt Schulungen für Lehrer, es gibt viel mehr Möglichkeiten, Vorfälle zu melden. Das Wichtigste ist, dass den jungen Lehrern wieder beigebracht wird, was der Sinn einer säkularen Schule ist und dass es diese Werte gegen religiöse Obstruktion zu verteidigen gilt. Nur wenn wir entschlossen und konsequent sind, können wir einen Totalschaden abwenden.
Zur PersonFrançois De Sauza – Gymnasiallehrer
Als Lehrer für Geschichte, Geografie und Staatsbürgerkunde unterrichtet der 38-Jährige seit dreizehn Jahren an Mittelschulen und hat mehrere Jahre im Bereich der Bildungsförderung gearbeitet. Im Jahr 2020, nach der Ermordung von Samuel Paty, gründete er mit anderen Lehrern das Kollektiv «Vigilance Collèges Lycées», ein Netzwerk, das sich gegen Angriffe auf die Laizität und die pädagogische Freiheit in Mittel- und Oberschulen einsetzt. Heute ist De Sauza im Raum Rennes als Lehrer tätig.