Wie kommt man in Weihnachtsstimmung, wenn die Sonne scheint und nicht eine Wolke am Himmel Schnee ankündigt? Im Stage Palladium Theater in Stuttgart-Möhringen gelingt ein doppelter Zauber. Rolf Zuckowskis Musical „Die Weihnachtsbäckerei“ hatte hier als Gastspiel aus Hamburg am Samstagvormittag Premiere; knapp 30 Vorstellungen sind bis zum 29. Dezember geplant. Und gleich zu Beginn der Show glänzten nicht nur Kinderaugen in schönster Adventsfreude. Denn als nur mal so zum Warm-up ein paar Takte vom vielleicht berühmtesten Lied des Hamburger Musikers angestimmt werden sollten, waren ebenfalls Mamas und Papas von der ersten Note an und aus voller Kehle mit dabei.

Auch in der Geschichte, die sich Hannah Kohl und Martin Lingnau um Rolf Zuckowskis Weihnachtsbäckerei-Hit herum ausgedacht haben, droht das Wetter den drei Geschwistern Jonas, Paul und Emily die Laune zu verderben. „Sonnig und wolkenlos auch über Weihnachten“ lautet die Prognose, die der Vater aus der Zeitung vorliest. Bei der Familie in der Wintergasse 26 soll es in diesem Jahr mal entspannter laufen, Baum und Plätzchen nicht auf den letzten Drücker bereitsein. Doch dann erfahren die Eltern recht spontan vom größten Wunsch ihrer Jüngsten, brechen nochmal in die Stadt auf – und es geht schief, was schiefgehen muss, damit das Familienmusical 75 Minuten lang für Spannung und gute Laune sorgen kann.

Kleinen Menschen wird hier viel zugetraut

Ein Hund namens Muffin, der im Geheimbund mit dem jungen Publikum sehr viel Schnee herbeizaubert, drei Kinder, die plötzlich allein zu Hause sind und das Weihnachtsgebäck im Alleingang stemmen müssen, allerlei gute Geister, die auf dem Markt und im nachts ohne Eltern doch etwas einsamen Zuhause für ein Happy End sorgen: „Die Weihnachtsbäckerei“ inszeniert eine Welt ganz im Sinne von Zuckowskis Liedern, in der große Menschen kleinen viel zutrauen, in der Lebensfreude, Humor und Mitgefühl jeden wie eine Umarmung empfangen.

Rolf Zuckowski in der Kulisse der „Weihnachtsbäckerei“ Foto: IMAGO/Funke Foto Services

Und es ist verblüffend, wie viel Überraschungspotenzial in der auf einen Hit zulaufenden Dramaturgie tatsächlich steckt. Da sind zum Beispiel die beiden gemütlichen Giebelhäuser in der Wintergasse, die sich zur Wohnküche oder zu Weihnachtsmarktbuden wenden lassen. Da sind tanzende Lebkuchenmänner und Rad schlagende Wichtel, die akrobatische Akzente setzen. Da ist ein lebendiger Hintergrund, der stimmungsvoll Sterne blinken und Schneeflocken glitzern lässt. Und da ist vor allem ein zehnköpfiges, enorm spielfreudiges Ensemble, dem die Regisseurin Carolin Spieß an einzelnen Stellen mit schwäbelndem Sound sogar etwas Lokalkolorit verordnete. Egal ob Emily mit zartem Pieps, ob Hund Muffin mit krächzendem Bass oder ein Schneemann mit klarem Timbre: Gesungen wird in diesem Musical, das auf einen Mix aus Rolf Zuckowskis Songs und traditionellen Weihnachtsliedern wie „Schneeflöckchen, Weißröckchen“ setzt, herzerwärmend und wahrlich mitreißend.

Verständlich also, dass sich der Hamburger Kinderliedermacher, als er zum Schlussapplaus auf die Bühne kommt, gerührt zeigt. Viele Erinnerungen seien in ihm wach geworden. „Ihr habt wirklich mein Herz berührt“, sagte Rolf Zuckowski auch in Richtung Publikum und singt das letzte Lied gemeinsam mit dem Ensemble von Schmidts-Tivoli in Hamburg, dem Theater in St. Pauli, das „Die Weihnachtsbäckerei“ 2018 uraufführte und seither im Repertoire hat.

Intensive Eindrücke aus der Familienküche

In der Küche der Zuckowskis, wo einst ebenfalls drei Kinder werkelten, sei es vor Weihnachten ähnlich lebendig zugegangen, erzählt der Liedermacher später, nachdem er mit sehr vielen Kindern und auch einigen Müttern für Erinnerungsfotos posiert hat. „Aber unsere Küche war so schmal, ich konnte immer nur zuschauen, aber ich durfte naschen und schnuppern“, sagt der Musiker. Die Eindrücke waren jedenfalls so intensiv, dass er sie 1986 während einer Autofahrt zum Hit verdichten konnte. Die Antwort auf einen Anruf zu Hause hatte ihn inspiriert. „Wir backen, sagte meine Frau damals am Telefon“, erinnert sich der nun 78-Jährige, der bis heute lieber andere ausstechen lässt: „Ich bringe die Musik ins Haus, andere sorgen für den nahrhaften Teil.“

Das Stuttgarter „Weihnachtsbäckerei“-Team Foto: Jan Potente

Ob Vanillekipferl oder Spekulatius, ob schwäbische Gutsle oder Hamburger Kekse: Rolf Zuckowski hat beim Weihnachtsgebäck keine Vorliebe. Besonders freut er sich nun darüber, dass seinem Musical mit der Stuttgarter Premiere erstmals der Sprung in den Süden gelungen ist. Denn Musik hat für ihn eine besondere Kraft. „Sie kann Verbindungen zwischen Generationen und Menschen herstellen, sie kann Brücken bauen und Herzen verbinden.“ Genau das gelingt auch in der Stuttgarter „Weihnachtsbäckerei“, wenn der ganze Saal singt.

Plätzchenduft auf der Musicalbühne

Termin
„Die Weihnachtsbäckerei“ ist im Stage Palladium Theater in Stuttgart bis einschließlich 29. Dezember zu Gast. Tickets gibt es ab 32,99 Euro. Das Familienmusical wird ab vier Jahren empfohlen, aber Achtung, Desillusionswarnung: Erwachsene besorgen hier die Geschenke.

Künstler
Rolf Zuckowski, 1947 in Hamburg geboren, begann seine musikalische Karriere 1966 in der Schülerband The Beathovens. 1977 schrieb er „Rolfs Vogelhochzeit“. 1983 entwarf er das Konzept für Peter Maffays „Tabaluga“ und schrieb Songs dafür. Lieder wie „Die Jahresuhr“ und „Wie schön, dass du geboren bist“ machten ihn bekannt. Zuckowski ist Pate von Kinderhospizen und Mitbegründer des deutschen Kita-Musikpreises.“ Das Musical „Weihnachtsbäckerei“ hatte 2018 in Hamburg Premiere und ist auch in Berlin, Bremen und Duisburg zu sehen.