Der ARD-Sonntagabendkrimi ist wie ein Adventskalender fürs
ganze Jahr. Jede Woche verbirgt sich eine neue Überraschung hinterm Türchen.
Nach dem spannenden
Schwarzwald-Thriller vom vergangenen Sonntag
folgt mit Stuttgart ein
Schauplatz, der zuletzt brillierte.
Diesmal aber nicht. Gar nicht.

Überlebe wenigstens bis morgen (Redaktion: Brigitte
Dithard) heißt die Tatort-Folge, die von Einsamkeit handeln soll. Es
geht um eine junge Frau namens Nelly Schlüter (Bayan Layla), die ihren Suizid
inszeniert, als wäre es ein Mord, damit ihre einst beste Freundin Fine (Trixi
Strobel) vor der Hochzeit mit Niclas (Louis Nitsche) mit nervigen Ermittlungen
und Verdächtigungen behelligt wird. Das klappt dann aber nicht, weil die Leiche
von Nelly erst viel später gefunden wird. 

Weil der Tatort zumeist ein Whodunit ist, rätseln die
Kommissare Lannert (Richy Müller) und Bootz (Felix Klare) lange an einem Mord
rum. Nellys Ex-Freund Felix Vietze (Malik Blumenthal) macht sich verdächtig,
aus Sicht der Betrachterin vor allem durch konsequentes Unsympathischsein. Über ein „Einsamkeitsforum“, in dem Nelly unterwegs war, findet sich dann eine halbe Täterin – die
fiese Rike Singer (Melanie Straub), Ex-Mitarbeiterin der Forumsgründerin (Lana
Cooper). Weil Singer, so die Legende, es selbst nicht schafft, sich umzubringen,
treibt sie andere in den Tod. 

Eine gewagte Konstruktion, weshalb der Hinweis auf Hilfsangebote
für Menschen mit Suizidgedanken sogar mitten im Film eingeblendet wird – ein
hoher Preis, sensible Themen zu triggern, mit einem Krimi, der seine eigenen
Mittel so unsensibel gebraucht. Durch die Konstruktion mit dem
als Mord drapierten Suizid gibt Überlebe
wenigstens bis morgen schon mal Spannung ab – die krude Auflösung mit der Halbschuld der trüben Ex-Mitarbeiterin lässt das Ende unbefriedigend
erscheinen.

"Tatort" Stuttgart: Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE seit 2016 in der Kolumne "Der Obduktionsbericht".
Matthias Dell

schreibt seit 2010 wöchentlich über Tatort und Polizeiruf 110. Auf zeit.de seit 2016 in der Kolumne Der Obduktionsbericht.

Dass dieser Tatort nichts mehr wird, merkt man leider relativ schnell. Keine
Figur ist auf irgendeine Weise reizvoll oder auch nur prägnant (Besetzung:
Deborah Congia, Regie: Milena Aboyan). In zahlreichen Rückblicken sitzt Nelly Schlüter als Frau um die 30 allein in einer Riesenwohnung, deren Einrichtung
danach aussieht, als wohnten hier, wenn keine Dreharbeiten darin stattfinden,
deutlich ältere Personen mit alten Holzschränken und einer Bibliothek, die
womöglich noch antiquarischen Wert hat (Szenenbild: Anette Reuther). Auf dem
Revier kommen türkisfarbene Ikea-Kaffeetassen zum Einsatz, die einen Ticken zu gut
mit den gelben Stühlen harmonieren, um so etwas Alltägliches wie Büro zu
erzählen.

Das Kostümbild (Tanja Gierich) sendet ebenfalls
widersprüchliche Signale, weil es etwa keine modische Chemie zwischen den
Paaren aufkommen lässt. Bootz trägt nicht nur seine Signature-Lederjacke,
sondern auch mal schwarz, was ihn neben dem eh auf gedeckte Farben und Dezenz
getrimmten Lannert wie den zweiten Bestatter aussehen lässt. Musik (Kilian
Oser) gibt es auch. 

© ZEIT ONLINE

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Das Drehbuch weidet sich an abgegrasten Standardsituationen.
Der Rechtsmediziner (Jürgen Hartmann) erklärt zu weitschweifig („Muss es
denn so ausführlich sein?“), der Kommissar hat nach der Begegnung mit den
Eltern (Idil Üner, Robert Kuchenbuch) umgehend Fall („Ich würde mir
bestimmt auch große Vorwürfe machen“), die Digitalkultur wird angeguckt
und besprochen, als wäre es 1950 („Wir sind gerade im Darknet
unterwegs“). Das „Thema“ kommt vor durch Schlagwortsätze, die aus Beratungsstellenbroschüren gecopypastet wurden („Einsamkeit ist kein Privileg der Alten mehr“).

War in einem „Einsamkeitsforum“ unterwegs: Nelly (Bayan Layla) © SWR/​Benoît Linder

Und manchmal will der Film auch lustige Sprüche klopfen: „Herzlich
willkommen! Gut, herzlich ist vielleicht bisschen übertrieben“, begrüßt Bootz
die neue Kollegin Elvira Möbius (Daniela Holtz), die als absurde Figur mit
breitester Mundart durch diesen Krimi tönt. Eine Frau in ihren Vierzigern, der
nichts peinlich sein soll – sie singt den Kommissaren das titelgebende Gundermann-Lied vor oder
trägt ihre Attraktionssehnsucht auf der Zunge („So hat mich schon lange
kein Mann mehr angesehen“). Die
Kommissarin ist so grobschlächtig entworfen und so unentschieden inszeniert,
dass sich schwer sagen lässt, was an ihr komisch und was ernst gemeint ist. In
der Künstlichkeit der Büroinszenierung wirkt sie im Versuch, Peinlichkeit
darzustellen, leider zumeist peinlich. Ein leichtes Objekt für den Spott
der Männer.

Was Überlebe wenigstens bis morgen für einen Tatort
qualifizieren konnte, bleibt einigermaßen rätselhaft. Keine künstlerische
Entscheidung in diesem Film wirkt überzeugend. Und das, wo der
ARD-Sonntagabendkrimi doch zu den Projekten gehört, mit denen sich der
öffentlich-rechtliche Senderverbund im Kampf um die Aufmerksamkeit einer stark
fragmentierten Mediengesellschaft behaupten will. Wäre da nicht mehr drin?

Drei „Tatort“-Sätze fürs richtige Leben:

Eine Auskunft, mit der man in Videokonferenzen aufmerksam machen kann: „Ghosting gab es auch schon zu meiner Zeit.“

Ein Satz, der aus Kollegen Freunde macht: „Geht’s vielleicht auch mal ohne Beleidigung?“

Ein Graffito, das jedes Wohnzimmer schmückt: „Was ist denn das für eine dumme Frage?“
 

Berichterstattung über Suizid

DIE ZEIT geht behutsam mit dem Thema Suizid um. Denn bestimmte Formen der Berichterstattung können zu Nachahmungsreaktionen führen. In der Wissenschaft nennt man dieses Phänomen Werther-Effekt, in Anlehnung an Goethes Roman Die Leiden des jungen Werthers, nach dessen Veröffentlichung sich eine Reihe junger Männer das Leben nahm. Zu Nachahmungsreaktionen kam es beispielsweise auch 2009, nachdem der deutsche Nationaltorwart Robert Enke sein Leben beendet hatte. 

Studien zeigen, dass vor allem eine häufige, prominente, reißerische oder heroisierende Berichterstattung über Suizid zu Nachahmung verleitet. Vor allem Ort und Methode eines Suizids sollen nicht näher benannt werden. Das empfiehlt auch der Deutsche Presserat.

Völlig ausklammern wird DIE ZEIT das Thema Suizid nicht, da es gesellschaftlich relevant ist und viele Menschen betrifft. 

Hilfe holen bei Suizidgedanken

Suizidgedanken können einem Teufelskreis ähneln: Sie drängen sich auf und scheinen dann unaufhaltsam. Doch sie lassen sich durchbrechen und sind zeitlich begrenzt. Betroffene berichten im Nachhinein, dass sie froh sind, am Leben zu sein. Suizidalität lässt sich also überwinden.

Es hilft, mit anderen Menschen darüber zu sprechen. Das können Freunde oder Verwandte sein. Es gibt aber auch Hilfsangebote wie die Telefonseelsorge. Sie ist rund um die Uhr erreichbar unter den Telefonnummern 0800-1110111 und 0800-1110222. Jeder Anruf ist anonym und kostenlos. Wem Schreiben leichter fällt, kann die Berater auch per Chat erreichen. Dafür genügt hier eine kurze Anmeldung.

Für Kinder und Jugendliche gibt es außerdem die Nummer gegen Kummer 116111. Für Eltern gibt es die 0800-1110550. Speziell an Männer richtet sich die Website www.maenner-staerken.de. Das muslimische Seelsorgetelefon ist unter 030-443509821 erreichbar.

Direkte Anlaufstellen sind Hausärztinnen und Hausärzte. Deutschlandweit gibt es außerdem Beratungsstellen, die auf Suizidalität spezialisiert sind. Eine Übersicht bietet hier die Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention.

Suizidgefahr erkennen

Die Ursachen für Suizidgedanken sind vielfältig. Sie können Folge einer psychischen Erkrankung sein. Doch auch andere belastende Umstände können zu schweren seelischen Krisen führen: zum Beispiel der Verlust eines geliebten Menschen, des Arbeitsplatzes oder eine körperliche Erkrankung. Meistens kommen viele Faktoren zusammen.

Etwa 80 Prozent aller Suizidversuche werden zuvor angekündigt. Hinweise darauf sind nicht nur klare Äußerungen, sondern auch indirekte wie „Es hat alles keinen Sinn mehr“ oder „Ich fühle mich gefangen“. Ein Warnsignal können auch bestimmte Verhaltensweisen sein. So wollen suizidgefährdete Menschen häufig ihre Angelegenheiten ordnen: Sie verschenken zum Beispiel Wertgegenstände oder verabschieden sich ungewöhnlich. Einige Menschen wirken plötzlich erleichtert, wenn sie einen Suizidplan gefasst haben. Häufig wird ein solcher Umschwung als Besserung missinterpretiert, er sollte aber aufhorchen lassen.

Generell gilt: Ansprechen und Nachfragen kann Leben retten.

Was Angehörige tun können

Wer den Verdacht hat, dass ein Familienmitglied, eine Freundin oder ein Bekannter an Suizid denkt, sollte ihn oder sie darauf ansprechen und dabei unterstützen, professionelle Hilfe zu finden. Dass durch das Ansprechen ein Suizid erst ausgelöst werden kann, ist falsch und ein Mythos. Vielmehr bringt es Betroffenen Entlastung, ihre Gedanken auszusprechen. 

Hilfreiche Tipps für ein solches Gespräch hat zum Beispiel die Suizidprävention Berlin hier gesammelt. Unterstützung für Angehörige bietet die Telefonseelsorge (siehe oben) oder der Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen unter der Telefonnummer 0228-71002424 oder der E-Mail-Adresse seelefon@bapk.de.

Von jedem Suizid sind zahlreiche Personen betroffen: Mitmenschen aus Familien- und Freundeskreis, aus Kollegium, Schule, Nachbarschaft, Vereinen. Sie können durch einen Suizid selbst in eine schwere Krise geraten. Hilfe für Hinterbliebene bietet der Verband Agus unter der Telefonnummer 0921-1500380 oder der E-Mail-Adresse kontakt@agus-selbsthilfe.de.