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Setzt sich gegen Gewalt an Frauen ein: Anwältin Christina Clemm. © Alena Schmick/Alena Schmick
Fachanwältin Christina Clemm fordert im Interview mit unserer Zeitung mehr Prävention und kritisiert die prekären Bedingungen in vielen Frauenhäusern bundesweit.
Mit dem „Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen“ machen die Vereinten Nationen am Dienstag, 25. November, weltweit auf das Thema aufmerksam. Das Frauen- und Gleichstellungsbüro des Landkreises und der Verein „Frauen helfen Frauen“ laden in diesem Zusammenhang zu einer Lesung und einem Gespräch mit Christina Clemm am 27. November im Bad Hersfelder Buchcafé ein. Vorab hat sich die auch aus dem TV bekannte Rechtsanwältin und Autorin Zeit für ein Interview genommen.
Frau Clemm, Sie sind Fachanwältin für Familien- und Strafrecht und vertreten seit über 25 Jahren Menschen, die von geschlechtsspezifischer, sexualisierter und rassistischer Gewalt betroffen sind. Es gibt für Juristen vermutlich lukrativere und „einfachere“ Fachgebiete. Wann und warum haben Sie sich gerade dafür entschieden?
Ich habe Jura studiert, weil ich zum einen gegen staatliche Repression kämpfen wollte, aber auch um Menschen, die in diesem Staat marginalisiert und diskriminiert werden, einen Zugang zum Recht zu verschaffen. Ich arbeite also schon immer in diesem Feld und ja, es gibt lukrativere Fachgebiete.
Sicher haben Sie als Anwältin auch mehr als genug zu tun. Aus welchem Grund, haben Sie dann vor wenigen Jahren auch noch mit dem Schreiben begonnen?
Weil es nicht ausreicht, wenn wir das Problem der geschlechtsbezogenen Gewalt nur in den Gerichtsverfahren zu lösen versuchen. In den Gerichtsverfahren kann es stets nur um individuelle Fälle gehen und die Schuld der angeklagten Personen. Aber diese Gewalt ist strukturell, gesellschaftlich tief verankert. Man muss sie als gesamtgesellschaftliches Problem verstehen, um sie zu beenden.
Ihr erstes Buch „AktenEinsicht“, aus dem Sie auch in Bad Hersfeld vorlesen, soll systematische und strukturelle Schwächen der Justiz mit Blick auf Gewalt gegen Frauen offenlegen. Welche sind das?
In „AktenEinsicht“ habe ich verschiedene Gewaltphänomene gegen weibliche Personen beschrieben, so wie sie alltäglich sind. Etwa sexualisierte Gewalt, ausbeuterische Gewalt, Partnerschaftsgewalt oder politisch motivierte Gewalt. Ich habe Geschichten von gewaltbetroffenen Frauen erzählt, nicht nur die Taten, sondern auch, wie die Betroffenen, die Justiz, die Gesellschaft mit den Taten umgeht.
Seit 2018 gilt die sogenannte Istanbul-Konvention als Übereinkommen des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häusliche Gewalt. Der Hessische Landtag hat Ende 2024 ein „Frauensicherheitspaket“ beschlossen. Zudem sollen Frauen mit einem ab 2032 bundesweit geltenden neuen „Gewalthilfegesetz“ einen Rechtsanspruch auf Hilfsangebote wie einen Platz im Frauenhaus bekommen. Bringen all diese Bemühungen und Maßnahmen denn nichts?
Doch, aber viel zu wenig. Am 21. November 2025 wurde die neue Statistik des Bundeskriminalamts zu geschlechtsbezogener Gewalt veröffentlicht. Wir haben leider einen weiteren Anstieg der Gewalt zu verzeichnen. So gab es zum Beispiel letztes Jahr 187.821 weibliche Opfer von häuslicher Gewalt. Und das ist nur das sogenannte Hellfeld, also nur die angezeigten Straftaten. Wir müssen davon ausgehen, dass weniger als fünf Prozent der Betroffenen Anzeigen erstatten.
Viele Frauenhäuser klagen über zu geringe Kapazitäten und eine unsichere Finanzierung. Auch das Frauenhaus in Bad Hersfeld hat sich vor gut zweieinhalb Jahren an einem bundesweiten Streiktag beteiligt, um auf die Situation aufmerksam zu machen. Wie prekär ist die Lage?
Äußerst prekär. Jeden Tag müssen Frauen, die akut Schutz suchen, abgewiesen werden, finden keinen Schutz. Aber auch wenn es einen Platz gibt, sind die Bedingungen dort häufig schwierig, da sie beengt sind und nicht genügend Kapazitäten haben, um den Frauen, die häufig massive und jahrelange Gewalt erfahren haben, den nötigen Raum zu geben, um sicher zu sein. Ich erlebe, dass Frauen wieder zu dem gewaltausübenden Partner zurückkehren, dass sie ihre Situation als aussichtslos erleben oder wissen, dass eine Trennung für sie und ihre Kinder den Schritt in die Armut bedeutet.
Man liest und hört gefühlt fast täglich von Femiziden als extremster Form geschlechtsspezifischer Gewalt. Haben derartige Tötungsdelikte zugenommen oder täuscht der Eindruck, weil vielleicht öfter, überregionaler und anders berichtet wird?
Nach der neuesten Statistik des BKA gab es 2024 ein paar weniger Femizide. Ob das ein Trend ist, kann ich nicht sagen, es wäre großartig. Dennoch gibt es viel zu viele durch den Partner getötete Frauen und viel zu wenig Prävention. Die Aufmerksamkeit ist vielleicht ein wenig höher, aber noch lange nicht genug.
Geschlechtsspezifische Gewalt geht nicht nur, aber zum Großteil von Männern aus. Sie sind selbst Mutter von drei Söhnen. Inwiefern spielt ihre Arbeit im Familienalltag eine Rolle und wie können oder sollten schon Kinder und junge Männer für das Thema sensibilisiert werden?
Wir sollten alle, und selbstverständliche habe ich das auch versucht, nicht Jungs oder Mädchen erziehen, sondern Kinder. Menschen, die erlernen, wie wichtig Respekt ist, Grenzen anderer zu wahren, die um die Gleichheit der Geschlechter wissen und auch sensibel für andere Diskriminierungsformen wie Rassismus, Klassismus, aber auch Ableismus sind. (Ableismus ist die Diskriminierung und soziale Benachteiligung von Menschen mit Behinderungen oder deren Reduktion darauf, Anmerkung der Redaktion.) Aber wir leben in einer zutiefst patriarchal geprägten Gesellschaft, in der auch wir oder ich sozialisiert sind und es ist ein langer Weg, Frauenverachtung zu verlernen.
Oft wird von Gewalt in der Partnerschaft betroffenen Frauen vorgeworfen, sich nicht sofort trennen. Warum ist es oft so schwierig, aus der Gewaltspirale auszubrechen?
Es gibt zahlreiche Gründe, ich kann ein paar aufzählen: Finanzielle Abhängigkeiten, gemeinsame Kinder, Versprechen der Täter, sich zu ändern, wenig Schutzmöglichkeiten. Und viele Frauen verlassen die Aggressoren nicht, weil sie bedroht werden, sie dies ernst nehmen und befürchten müssen, noch massivere Gewalt zu erleben.
Gewalt gegen Frauen spielt vermutlich auch in allen sozialen Schichten und Kulturen eine Rolle, auf dem Land ebenso wie in der Großstadt?
Ja, sie durchzieht die gesamte Gesellschaft. Aber Betroffene, die auch noch anderen Diskriminierungsformen unterworfen sind, wie Queerfeindlichkeit, Rassismus oder Ableismus, erleben besonders häufig Gewalt.
Sie waren schon in einigen Talkshows zu Gast, wurden dieses Jahr zur Bücherfrau des Jahres gekürt und gelten in entsprechenden Kreisen als „Berühmtheit“. Wie sehr hilft eine gewisse Prominenz im Kampf gegen Gewalt an Frauen und was kann jeder Einzelne in seinem persönlichen Umfeld tun?
Es ist natürlich gut, wenn man öffentlich angehört wird, sonst ist es schwierig, etwas politisch zu verwenden. Aber jede und jeder kann etwas tun, Hilfe und Unterstützung anbieten, wenn man von Gewalt hört oder diese vermutet, Geld spenden oder sammeln für Organisationen, die in dem Bereich arbeiten, sich an Öffentlichkeitskampagnen beteiligen, im eigenen Umfeld über geschlechtsbezogene Gewalt sprechen, bei Sexismus eingreifen, Betroffenen zuhören, Kinder stärken.
Welcher Fall Ihrer langjährigen Karriere ist Ihnen selbst am nachhaltigsten in Erinnerung geblieben?
Da gibt es keinen herausragenden Fall. Aber selbstverständlich sind die Fälle, wenn ich Angehörige von getöteten Frauen vertrete, immer besonders aufwühlend. Hier kann nie Gerechtigkeit hergestellt werden, es bleibt die schwere Last meiner Mandanten und Mandantinnen, eine geliebte Person verloren zu haben.
Sie sind seit über 20 Jahren mit viel Leid konfrontiert. Das ist sicher auch frustrierend und aufwühlend. Woher nehmen Sie Motivation und die Kraft, um sich weiter zu engagieren, beruflich, politisch und ehrenamtlich?
Weil es wichtig ist. Ich will nicht akzeptieren, dass Menschenverachtung und Gewalt unseren Alltag bestimmen. Ich möchte in einer solidarischen und offenen Gesellschaft leben, dafür lohnt es sich, sich mit anderen zu verbinden und sich dem Hass entgegenzustellen.
Christina Clemm hat in Freiburg und Berlin Jura studiert und ist als Fachanwältin für Familien- und Strafrecht in Berlin tätig. Sie vertritt seit mehr als 25 Jahren Menschen, die von geschlechtsspezifischer, sexualisierter, rassistischer, LGBTQ-feindlicher und rechtsextrem motivierter Gewalt betroffen sind. Sie war Mitglied der Expertenkommission zur Reform des Sexualstrafrechts des Bundesministeriums der Justiz und für Verbraucherschutz. Sie teilt ihre Expertise in diversen Fachpublikationen und war mehrfach als Sachverständige bei öffentlichen Anhörungen im Bundestag vertreten. Sie spricht regelmäßig bei verschiedenen politischen und kulturellen Veranstaltungen sowie in medialen Formaten. Clemm fühlt sich dem intersektionalen Feminismus und Antifaschismus verbunden und ist in diesem Sinne auch politisch aktiv. 2020 erschien ihr erstes Buch „AktenEinsicht. Geschichten von Frauen und Gewalt“, 2023 folgte „Gegen Frauenhass“. 2025 wurde sie auf der Frankfurter Buchmesse zur Bücherfrau des Jahres gekürt.