„Heute Morgen beim Anziehen dachte ich mir noch, dass Sie bestimmt enttäuscht sein werden“, sagt Ursula Retter und lächelt. Sie trägt eine schwarze Hose, einen schwarzen Pullover, darüber eine schwarze offene Bluse mit buntem Muster. Es gibt nichts an ihrem Outfit auszusetzen – außer, dass es nicht die erwartete Diakonissen-Tracht ist. Kein graues oder schwarzes Kleid, kein blauer Rock mit Strickjacke und keine weiße Haube.

Ursula Retter ist seit dem Himmelsfahrttag des Jahres 1985 mit Leib und Seele Diakonisse – und die letzte in Stuttgart, die noch aktiv im Dienst steht. Allerdings nur noch wenige Tage: Am 1. Dezember geht sie in den Ruhestand, den die Schwestern liebevoll „Feierabend“ nennen. Auch zu ihrem Abschied wird sie die Tracht nicht anziehen. „Ich besitze gar keine mehr“, verrät sie.

Wer „unter die Haube“ gekommen war, bedeckte sich das Haar

Als Ursula Retter vor 40 Jahren anfing, war das Tragen der Tracht noch Pflicht. Theodor Fliedner, der 1836 den Dienst der Diakonissen in ihrer heutiger Form begründete, hob damit die gesellschaftliche Stellung der Schwestern empor zur verheirateten Bürgersfrau. Wer „unter die Haube“ gekommen war, bedeckte sich das Haar.

Diese Gleichstellung ermöglichte es den Diakonissen, sich zum Beispiel ohne männliche Begleitung durch einen nahen Verwandten auf der Straße bewegen zu können. Und sie konnten einen Beruf, ihren Dienst, ausüben. Ein großer Schritt damals.

„Fliedner hat zwei Miseren, die aus der sozialen Situation heraus entstanden, verbunden und versucht, zu einer Lösung zu führen“, sagt Ursula Retter. Das eine Problem sei gewesen, dass es zur Zeit der Industrialisierung keine Sozialversicherung gab, sich zugleich aber die Großfamilie auflöste. Blieb eine Frau damals alleine, kam die Frage auf: „Was passiert mit der ledigen Tante?“

Die zweite Misere: Durch den Niedergang der Großfamilie war die pflegerische Versorgung der Kranken nicht mehr gesichert. Unverheiratete Frauen wurden entweder Kleinkindlehrerin (heute Erzieherin) oder Krankenpflegerin. Sie sicherten sich somit nicht nur gesellschaftliche Achtung, sondern auch wirtschaftliche Versorgung und Sicherheit. Ursula Retter wurde in eine ganz andere Zeit hineingeboren – in der man aber an vielen Grundsätzen der diakonischen Ordnung noch festhielt. Am 11. September 1959 erblickte sie in Balingen das Licht der Welt, wuchs auf in Albstadt. Ihre Eltern lebten „sehr protestantisch“, sie engagierten sich in der Kirchengemeinde und sangen im Kirchenchor. „Das hat mich schon geprägt.“

Mit 19 Jahren begann sie eine Ausbildung zur Krankenschwester im Stuttgarter Diakonissenkrankenhaus. Dort erlebte sie zum ersten Mal die Diakonissen. Mit der Zeit reifte der Gedanke in ihr, sich dieses Leben auch vorstellen zu können. „Aber wie es mit weitreichenden Entscheidungen so ist, war das eine ganze Weile lang ein Hin und Her in mir“, erzählt Ursula Retter.

Nach der Ausbildung sagte sie sich: „Da muss jetzt ein Knopf dran.“ Sie ging zur Oberin. „Aber die hat nicht etwa gesagt: ‚Wunderbar, ich freue mich’, sondern ‚lassen Sie den Entschluss reifen.“ Der Zufall wollte es, dass Ursula Retter während ihrer Ausbildung vier junge Frauen kennengelernt hatte. Sie alle wohnten zusammen auf der selben Etage im Schwesternheim. „Drei von ihnen hatten sich damals gerade verlobt“, erzählt Ursula Retter. „Da gab es heiße Diskussionen – etwa darüber, ob ich nur Angst vor der Ehe hätte.“

Warum will ich Diakonisse werden?

Wer sich zur Diakonisse einsegnen lässt, verpflichtet sich zur Ehelosigkeit. „Das entwickelte sich aus dem Gedanken, dass der Beruf als Krankenpflegerin einen enorm fordert und man nicht nebenher noch eine Familie haben kann.“ Inzwischen habe sich das freilich verändert, sagt Ursula Retter.

Die langen Diskussionen mit den Freundinnen taten ihr damals gut: „Dadurch war ich gezwungen, in mich zu gehen und genau zu prüfen, ob und warum ich das überhaupt will.“ Aus Furcht vor der Ehe? Aus Hingabe zum Beruf? Aus Liebe zu Gott? „Es war eine Mischung aus allem“, sagt Ursula Retter. Ihr Kinn ruht auf ihrer Hand: „Es war der Wunsch, Glaube und Beruf zu verbinden – und deutlich zu machen, in welcher Haltung ich meinen Beruf ausüben will.“

Ursula Retter bei ihrer Einsegnung 1985. Foto: privat

Schließlich trat sie erneut den Gang zur Oberin an. „Als die Tür vom Büro dann wieder hinter mir zufiel, bin ich kurz vor meinem eigenen Mut erschrocken.“ 1982 begann Ursula Retter als so genannte Probeschwester, 1985 wurde sie als Diakonisse eingesegnet. Der Gottesdienst war an Himmelfahrt: „Für diese neue Lebensform wurde uns der Segen zugesprochen“, sagt Retter. „Ich finde das bis heute einen ganz wichtigen Aspekt und eine Hilfe – an Übergängen gesagt zu bekommen: Du bist nicht alleine unterwegs.“

An ihrem großen Tag verpflichtete sich Ursula Retter mit den Worten: „Ja, in Vertrauen auf Gott“ der Ordnung ihrer Schwesternschaft. „Da überwog natürlich das Gefühl, dass es ist die richtige Lebensform ist, in die ich mich ganz einbringen kann. Und das hat man mir wohl auch angesehen.“ Der Pfarrer sagte ihr am Ende des Gottesdienstes: „Ach, möge Ihr Herz immer wieder so jubilieren wie heute.“

Ursula Retter lebte mit Überzeugung, wofür sie sich entschieden hat

Von ihrer Familie hat sie immer Rückhalt erfahren, auch wenn es für die Eltern nicht einfach war: „Ich bin das einzige Kind, somit war klar, dass keine Enkelkinder kommen würden.“ Aber Vater wie Mutter merkten bald, mit welcher Überzeugung ihre Tochter lebte, für was sie sich entschieden hatte.

Und leben, das tat sie. Ein Leben, in welchem sie viel sehen und kennenlernen durfte. Andere Länder, Städte, Aufgaben und Menschen. Nach ihrer Einsegnung war Ursula Retter drei Jahre auf unterschiedlichen Stationen im Diakonissenkrankenhaus. Danach folgte ein Jahr im damaligen Berner Salemspital. Nach einem weiteren Jahr am Diakonissenhospital ging sie zwei Jahre an die Karlshöhe nach Ludwigsburg. Sie machte ihre Ausbildung zur Diakonin und arbeitete danach knapp 13 Jahre im Mutterhaus.

Die Schwesternschaft veränderte sich, auch hinsichtlich der Tracht

2001 wurde sie gefragt, ob sie es sich vorstellen könne, nach Magdeburg zu gehen. Als Oberin einer Schwesternschaft. „Dort war ich dann acht Jahre lang für die biblisch-diakonische Bildung zuständig“, erzählt Retter. Zurück in Stuttgart wirkte sie elf Jahre im Pflegeheim Bethanien als Seelsorgerin und Ehrenamtsbeauftragte, bevor sie im Jahr 2021 gefragt wurde, ob sie die Aufgabe als Referentin für diakonische Bildung im Mutterhaus in der Diakonissenanstalt übernehmen wolle. „Das konnte ich mir gut vorstellen, denn in diese Arbeit liefen ja meine Berufserfahrungen der letzten 40 Jahre ein.“

In dieser langen Zeit veränderte sich die Schwesternschaft, auch hinsichtlich der Tracht. Ursula Retter trug ihre bis 1998. Damals wurde den Schwestern erlaubt, statt der ursprünglichen Tracht auch einen blauen Rock mit einer blauen Strickweste zu tragen. „Dafür habe ich mich entschieden“, sagt Retter. Als die Kleiderordnung noch weiter gelockert wurde, entschied sie sich, nur noch Zivilkleidung zu tragen. „Für mich reicht die Brosche als unser gemeinsames Erkennungszeichen“, sagt Ursula Retter und greift sich an den Kragen ihrer Bluse.

Das Leben als Diakonisse hielt für Ursula Retter mehr Licht denn Schatten Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Nicht nur die Kleider haben sich verändert, sondern zuvörderst die Menschen. Diakonissen im engeren Sinne wird es bald keine mehr geben. Doch soll das kein Ende sein, denn da sind ja noch die 44 diakonischen Brüder und 240 diakonischen Schwestern, die zwar nicht eingesegnet sind, aber in ähnlicher Weise in Stuttgart ihren Dienst tun.

Ursula Retter ist unter den verbliebenen 41 Stuttgarter Diakonissen die letzte, die noch im aktiven Dienst steht – wenn auch nur noch ein paar Tage. „Ich bin von der Generation her den diakonischen Schwestern und Brüdern sehr nahe – und hatte immer den Eindruck, eine Brückenfunktion einzunehmen“, sagt sie. Inzwischen sehe man sich aber als eine Schwesternschaft, der Unterschied spiele im Alltag keine Rolle mehr.

Nun packt Ursula Retter nach und nach die Sachen in ihrem Büro in der Diakonissenanstalt zusammen. Ein Mitarbeiter habe ihr prophezeit: „Sie werden sicher Jommer haben.“ Ja, das Heimweh wird sie wohl noch manches Mal überkommen. Aber sie geht mit guten Erinnerungen und festen Plänen. Reisen will sie und viel lesen. Und ihr Faible fürs Kochen und Backen will sie nutzen, um auch andere zu beglücken. „Ich habe dahingehend schon die eine oder andere Idee.“ Sie lächelt. Ihr Herz, das jubiliert nach wie vor.