Viele Netflix-Filme leiden an denselben Schwächen, von der inhaltlichen Formelhaftigkeit bis hin zur leblosen Ästhetik. Jetzt aber hat der Streaming-Riese ein wahres Meisterstück rausgehauen, in dem von all dem keine Spur ist.
Jaja, vorbei sind die Zeiten, in denen ich wöchentlich neue Netflix-Filme auf die Watchlist gesetzt – und auch tatsächlich geschaut – habe. Während die Drehbücher immer öfter wie Algorithmus-basierte Crowdpleaser ohne Ecken und Kanten (oder Originalität und Mut zum Risiko) daherkommen, verschwimmen selbst die kostspieligsten Prestige-Produktionen zu einem seelenlosen Wulst aus auf Hochglanz polierten Bildern, der genauso eindimensional wie der Plot ausfallen – und die man vergessen hat, noch bevor der Abspann einsetzt und einem gleich die nächsten vermeintlich sehenswerten Netflix-Originale unter die Nase gerieben werden.
Auch 2025 finden sich die meisten Filme des Streaming-Riesen, die ich mir angetan habe, auf den hinteren Rängen. Vereinzelte Ausnahmen indes haben es wiederum mir ziemlich angetan. Denn ja, wer mal einen auf Trüffelschweinchen macht und die Masse an lieb- und leblosem Streaming-Morast durchkämmt, kann mit ein bisschen Glück auf einen prächtigen Fund stoßen. In diesem Jahr gab es für mich so immerhin zwei Ausreißer, die am Ende wohl nicht aus meiner 2025er-Bestenliste wegzudenken sein werden: das zwar nicht von Netflix produzierte, aber eingekaufte und hierzulande exklusiv beim roten N erschienene Familiendrama „How To Make Millions Before Grandma Dies“ sowie der am 6. November 2025 frisch bei Netflix gestartete „Train Dreams“.
„Train Dreams“: Ein viel zu unbekanntes Netflix-Highlight
Der auf der gleichnamigen Novelle von Denis Johnson basierende Film erzählt die Geschichte von Robert Granier (Joel Edgerton), der sich im frühen 20. Jahrhundert als Tagelöhner durchschlägt. Er schließt sich einem Trupp von Holzfällern an, leistet so seinen Beitrag zur Errichtung des amerikanischen Eisenbahnnetzes – und verbringt dadurch viel Zeit weit weg von jenem Ort, an dem er eigentlich am liebsten wäre: seinem Haus, das er mit seinen eigenen Händen gebaut hat und in dem ihn seine geliebte Frau Gladys (Felicity Jones) und ihre gemeinsame Tochter stets sehnlich erwarten.
Inmitten der prächtigen Wälder des Pazifischen Nordwestens schuftet er tagein, tagaus, findet Freunde fürs Leben – bevor er diese doch wieder verliert. Dem majestätischen Anblick der Natur lauert hier nämlich der Tod, wie auch Robert bald zu spüren bekommt. Und so ist es nur eine Frage der Zeit, bis er beginnt, die Welt und das Leben mit anderen Augen zu sehen…
Auch wenn „Train Dreams“ am heutigen 26. November in Deutschland immerhin Platz 3 der aktuell meistgeschauten Filme auf Netflix belegt, droht „Netflix‘ nächste große Oscar-Hoffnung“, wie unser Autor Lutz Granert den Film in der offiziellen FILMSTARTS-Kritik beschreibt, schon bald in der Versenkung zu verschwinden. In den gerade veröffentlichten Netflix-Charts der vergangenen Woche reichte es so nur für einen schwachen siebten Rang sowie 6,2 Millionen Views. Ein schwacher Einstand, gemessen sowohl an den Ambitionen des Films als auch an der internen Konkurrenz auf der Plattform …
… und ein überaus bedauernswertes Ergebnis, handelt es sich hierbei doch um einen der besten Netflix-Filme aller Zeiten. Das legen nicht nur 95 Prozent positive Kritiken bei Rotten Tomatoes sowie ein Metascore von 88/100 (Stand vom 26. November 2025) nahe, auch für mich spielt der Film in einer Liga mit den großen Netflix-Meisterwerken wie „Roma“ oder „Der schwarze Diamant“.
Die Schönheit des einfachen Lebens
Die sich über mehrere Jahrzehnte erstreckende Geschichte reicht bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts – und kommt passenderweise im an die alten 4:3-Fernseher erinnernden 1.43:1-Bildformat daher. Gemeinsam mit seinem Kameramann Adolpho Veloso nutzt Regisseur Bentley die Vorzüge jenes Ausschnitts, um einerseits Panoramen von Sonnenuntergängen und abgeholzten Wäldern Imposanz zu verleihen, und andererseits in Momenten der Liebe und Hoffnung, des Unheils und der Trauer eine Intimität zu erzeugen, die einen als Zuschauer*in eiskalt erwischt.
Vorwiegend mit natürlichem Licht gedreht, erinnert der trotz digital gefilmter Aufnahmen ungemein analoge Look von „Train Dreams“ so am Ende fast noch am ehesten an die Filme von Terrence Malick. Während der „Tree Of Life“- und „Ein verborgenes Leben“-Macher allerdings gerne mal mit erzählerischen Konventionen bricht und dabei hochphilosophisch wird, ist das Netflix-Juwel zwar weit zugänglicher. Mit Themen wie Schuld und Unschuld, Instinkt und Vernunft sowie der Frage, was den Mensch zum Menschen, das Leben lebenswert macht, ist in „Train Dreams“ dennoch auch Malicks Handschrift erkennbar.
Die tollen Bilder gepaart mit dem stets präsenten, aber nie aufdringlichen Score – sowohl Kameramann Veloso als auch Komponist Bryce Denner („The Revenant“) dürfen sich wohl Oscar-Hoffnungen machen –, der gewissermaßen als emotionaler Kompass durch den Film führt, sind das Eine. Doch dass „Train Dreams“ zu einer zutiefst erschütternden, ebenso aufwühlenden wie letztlich auch wunderschönen emotionalen Tour de force wird, liegt nicht zuletzt am Skript (bzw. der Vorlage) sowie am Cast. Edgerton brilliert in der bislang vielleicht sogar besten Darbietung seiner Karriere, Jones ist großartig wie immer und William H. Macy verleiht seiner Figur trotz minimaler Screentime eine ungemeine Tiefe, sodass mich auch hier eine Oscarnominierung nicht überraschen würde.

Netflix
„Train Dreams“: Ein wunderschönes Kunstwerk, das an die Nieren geht.
Denis Johnsons Novelle lässt einen gemeinsam mit dem Protagonisten die eigene Sicht auf die Dinge hinterfragen. Und wenn man am Ende vielleicht auch nicht sein gesamtes Weltbild revidiert, dann ist man immerhin dankbar für diesen kleinen Reminder, der genauso markerschütternd ist wie er sein muss – und uns daran erinnert, was im Leben wirklich wichtig ist.
Ach so, und zu guter Letzt sei noch erwähnt, dass sich der Film trotz seiner knackigen Laufzeit von gerade einmal 103 Minuten ungemein groß und fast schon episch anfühlt. In einer Zeit des Überlänge-Trends nicht nur eine Wohltat, sondern fast schon ein kleines Wunder…
Während bezweifelt werden darf, dass „Train Dreams“ auf Netflix noch zum Hit avanciert, läuft es für „Stranger Things“ aktuell umso besser – und das noch vor (!) dem Start der neuen Staffel: