Inhalt / Kritik

Beim Besuch eines illegalen Cagefights wird Wassim (Bashid Basheer) im Auftrag seines Bruders Tariq (Arjun Nandakumar) ermordet. Der blinde Victor (Ishan Shoukath), Zeuge der Tat, bleibt zunächst verschont, erweist sich dann aber als zu gefährlich und wird ebenfalls aus dem Weg geräumt. Hinter den Morden stehen Tariqs Geschäftspartner Tony Isaac (Jagadish), ein Gangsterboss alten Schlages, und seine Söhne Russell (Abhimanyu Shammy Thilakan) und Cyrus (Kabir Duhan Singh). Was zunächst wie Routine im organisierten Verbrechen wirkt, entwickelt sich zum Pulverfass, als sich herausstellt, dass Victor der Bruder des einflussreichen Gangsterbosses George Adat (Siddique) ist. Und dann ist da noch Marco (Unni Mukundan), Victors Adoptivbruder, der einen blutigen Rachefeldzug startet – flankiert, scheinbar hilfreicherweise, von den Isaac-Brüdern, die ihn zugleich lenken und in die Irre führen wollen. Dass dieser Plan nicht ohne Konsequenzen bleibt, versteht sich bei einem Film wie Marco beinahe von selbst.

Eskalierende Gewaltspirale

Als „brutalster indischer Film aller Zeiten“ wird der Malayalam-Film aus der Mollywood-Schmiede des südwestindischen Bundesstaates Kerala beworben – eine vollmundige Behauptung, die vor allem wie ein gezielter Köder für ein sehr spezifisches Publikum wirkt. Berechtigt ist immerhin die Triggerwarnung, die dem Film vorangestellt ist: Marco ist ein Exzess an Gewalt, der kaum Rücksicht auf die klassischen Tabus des Mainstream-Kinos nimmt. Opfer sind hier nicht nur namenlose Handlanger, sondern auch Figuren, die andere Filme gern schonen würden. Das Problem: Diese eskalierende Gewaltspirale dient erkennbar dem Selbstzweck und erweitert weder den ohnehin dünnen Plot noch die Charakterentwicklung. Im Gegenteil: Je mehr Knochen brechen, je mehr Gliedmaße abgetrennt werden und je mehr Innereien aus dem Körper gerissen werden – desto weniger entwickelt sich die Geschichte weiter. Dass die Gewalt, sobald sie von Marco ausgeht, aufwändig ästhetisiert wird – Zeitlupe, Coolness, heroisch auftrumpfende Musik von Ravi Basrur –, verschiebt das Ganze in Richtung Gewaltstilübung, deren Bodycount wichtiger ist als jede moralische oder psychologische Nuance.

Was der Verleih diskret verschweigt: Marco ist ein Spin-off des 2019 erschienenen Mikhael, in dem dieselbe Figur noch als Antagonist zum von Nivin Pauly gespielten Titelhelden auftrat. Für das Verständnis des neuen Films ist das unerheblich, zumal Mikhael im deutschsprachigen Raum kaum zugänglich ist. Doch es bleibt bemerkenswert, wie hier ein früherer Bösewicht in den Status eines düster glänzenden Helden erhoben wird. Autor und Regisseur Haneef Adeni, in beiden Filmen für Buch und Inszenierung verantwortlich, offenbart in Marco zugleich sein erhebliches Talent für Action und sein Unvermögen, den Raum zwischen den Setpieces mit einer schlüssigen, spannenden Erzählung zu füllen. Es dauert quälend lange, bis die eigentliche Rachegeschichte überhaupt Fahrt aufnimmt, und wenn sie dann endlich rollt, folgt sie einem strengen Schema aus Wiederholung und Steigerung: Mehr Gewalt, mehr Zeitlupe, mehr Pathos – aber kaum überraschende Wendungen, es sei denn, man hält unlogische Volten für originelle Erzählideen.

Visuell beeindruckend

Unni Mukundan spielt Marco als maximal überhöhten Rächer: ein cooler, unerschütterlicher Killer, der Loyalität zur Familie und Vergeltung über alles stellt. Während er als nahezu unantastbare Projektionsfläche für Maskulinitätsfantasien inszeniert wird, bleibt die Isaac-Familie radikal eindimensional: abgrundtief böse, ohne erkennbaren inneren Konflikt. Warum ihre Gewaltausbrüche moralisch verwerflicher sein sollen als die ähnlich grausamen Aktionen des Protagonisten, bleibt der Imagination des Publikums überlassen – oder eben völlig ungeklärt. Dabei liegt in Marco durchaus mehr Potenzial, als das Drehbuch freilegt. Chandru Selvarajs Kamera nutzt Farbdramaturgie und harte Kontraste, um die Schauplätze und gerade die Actionszenen visuell eindrucksvoll zu modellieren. Die Stuntkoordination von Kalai Kingson und Arun Yadav wiederum markiert das tatsächliche Highlight: Die choreographierte Brutalität wirkt handwerklich präzise und körperlich spürbar. Herausragend ist eine ausgedehnte Sequenz, die unübersehbar als Hommage an die legendäre Korridor-Szene aus Oldboy gelesen werden darf: Marco kämpft sich, scheinbar in einem einzigen, ununterbrochenen Take, durch eine schier endlose Reihe von Gegnern. In solchen Momenten braucht sich Marco hinter internationaler Konkurrenz nicht zu verstecken.

Im globalen Boom der Racheerzählungen, der nach dem Erfolg von John Wick in Serie gegangen ist und inzwischen von Hollywood bis nach Mollywood reicht, bestätigt Marco eine Entwicklung, die zu erwarten war: Die Schauwerte verdrängen zunehmend das Bedürfnis nach einer tragfähigen Geschichte. Was beim stilbildenden Vorreiter bereits eher als dünner Aufhänger für stilisierte Action diente, wird nun weiter verdünnt, während der Gewaltgrad immer weiter nach oben geschraubt wird. Für ein Publikum, das sich genau von solchen Exzessen angezogen fühlt, mag Marco eine willkommene Eskalationsstufe darstellen. Für viele andere jedoch wird der Film trotz optischer Reize und inszenatorischer Finesse im Actionbereich zur Zumutung: ein technisch beeindruckender, erzählerisch aber hohler Beitrag zum zeitgenössischen Rachekino auf dem Weg zum nächsten, noch brutaleren Höhepunkt.

Credits

OT: „Marco“
Land: USA
Jahr: 2024
Regie: Haneef Adeni
Buch: Haneef Adeni
Musik: Ravi Basrur
Kamera: Chandru Selvaraj
Besetzung: Unni Mukundan, Siddique, Jagadish, Abhimanyu Shammy Thilakan, Kabir Duhan Singh, Ishan Shoukath, Yukti Thareja, Ajith Koshy, Lishoy, Meera Nair

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