27. November 2025

Rüdiger Suchsland

Filmbild: Drei Personen, darunter die beiden helden des Films, stehen sich mit gezückten Pistolen gegenüber

Filmbild: Copyright Cédric Bertrand – 2025 – Chi-Fou-Mi Productions- Studiocanal – France 2 Cinéma – Jim Films

Digital, fließend und unsichtbar: Cedric Jimenez erzählt von einer Klassengesellschaft mit perfekter Überwachung. Man kann auch in Europa tolle Filme machen.

Paris ist auch nicht mehr, was es mal war. Jedenfalls nicht mehr im Jahr 2045, nicht zufällig genau hundert Jahre nach der Befreiung von der Nazi-Besatzung der französischen Hauptstadt und nur 20 Jahre nach unserer Gegenwart, in denen die Tech-Bros danach drängen, die Politik zu übernehmen.

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In dieser gar nicht mehr allzu fernen Zukunft sieht Paris zwar futuristisch aus, ist aber eine Stadt der Überwachung und strengen sozialen Kontrolle, streng in drei Zonen aufgeteilt, die durch Checkpoints miteinander verbunden sind, und die sozialen Klassen voneinander trennen.

In ihrem Zentrum lebt eine Kaste von Privilegierten in luxuriösen Verhältnissen, gestützt durch einen Zweiten Stand, der vor allem von der Angst vor dem Absturz in „Zone 3“ geprägt ist.

KI-Herrschaft ist der logische Endpunkt unserer Gesellschaft

Alle Teile der Bevölkerung werden durch eine hochkomplexe Künstliche Intelligenz namens ALMA kontrolliert.

ALMA ist nicht nur in der Lage, alle Einwohner zu überwachen, zu erkennen und zu verfolgen, sie ist eine vorausschauende KI, das heißt, sie kann mögliche Verhaltensszenarien berechnen und damit auch im Voraus mögliche Verbrechen. Das reduziert die Fehlermarge der Polizeibeamten, die inzwischen auf einfache Überwacher und Justizangestellte reduziert sind.

ALMA ist kein Schurke; sie ist einfach der logische Endpunkt einer Gesellschaft, die Effizienz über Empathie und Sicherheit über Freiheit stellt.

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Doch eines Tages wird ausgerechnet der deutschstämmige Kessel, der Schöpfer von ALMA ermordet. Und das System gerät ins Wanken.

Glaube an Ordnung als Schutzschild gegen Chaos

Nun werden Salia, eine hochrangige Beamtin, und Zem, ein abgeklärt-desillusionierter Elite-Polizist aus „Zone 3“ mit einem Herz für die Unterprivilegierten, gezwungen, zusammenzuarbeiten, um den Mord aufzuklären und eine mögliche Verschwörung aufzudecken, die mutmaßlich vom Anführer einer revolutionären Organisation von Cyber-Rebellen orchestriert wurde.

Diese „Breakwalls“-Bande, die im Stil von „Anonymous“, der Macht zu trotzen versucht, um wieder Gleichheit und Freiheit in der Gesellschaft walten zu lassen, wird von dem rätselhaften Charismatiker John Mafram (Louis Garrel) geführt.

Salia ist ein Produkt des Systems, dem sie dient. Ihr Glaube an dessen Ordnung ist ein Schutzschild gegen das Chaos, das sie beobachtet. Zem dagegen handelt nach Instinkt und mit einer müden Empathie, die in ihrer Willkür von der KI nicht berechnet werden kann.

Die harte Ästhetik eines Polizeistaats

„Chien 51“ heißt im Original der Science-Fiction-Roman des französischen Bestseller-Autors Laurent Gaudé, den der französische Genre-Spezialist Cedric Jimenez jetzt zu einem starbesetzten Kinofilm verwandelt hat, der im Sommer bei den Filmfestspielen von Venedig Premiere hatte – kurioserweise hat der Film, der auch in der englischsprachigen internationalen Fassung „Dog 51“ heißt im Deutschen einen völlig neuen (Allerwelts-)Titel bekommen: „Zone 3“.

Bei dem Film handelt es sich um eine sehr freie Adaption der Vorlage, und zugleich um das seltene Beispiel europäischen Science-Fiction-Kinos, das visuell durchaus mit Hollywood-Vorbildern mithalten kann.

Regisseur Jimenez bedient sich ein bisschen bei allen Werken des Genres, in deren Zentrum eine ultraintelligente, aber bewusstseinslose Maschine ohne Werte und Humanität steht, der enorme Macht und die Sicherheit aller anvertraut wurde. „I Robot“ von Isaac Asimov, HAL, der Supercomputer aus „2001“, Und auch an die böse Entität, die in den neuesten beiden Kapiteln der „Mission-Impossible“-Reihe die Hauptrolle spielt.

Sein Paris verbindet ikonische Pariser Wahrzeichen mit der harten Ästhetik eines Polizeistaats. Die visuelle Erzählweise ist kraftvoll; das Publikum spürt die unterdrückende Atmosphäre durch das kalte, blau getönte Licht der offiziellen Zonen und das allgegenwärtige Brummen der Überwachungsdrohnen.

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Zu sehr „Orwell“ und zu wenig „Huxley“

Der digitale, fließende und unsichtbare Gegner scheint der perfekte Feind unserer Gegenwart zu sein – etwas Ungreifbares, das seine Macht vergrößert, indem es Daten und Informationen verschlingt, die Realität manipuliert und die Menschheit in einen Strudel endloser und unlösbarer Paranoia stürzt.

Zugleich wirkt die Diktatur „old school“, zur sehr „Orwell“ (also repressiv und Bürgerwünsche negierend) und zu wenig „Huxley“ (also vergnüglich, konsumistisch und von den Bürgern affirmiert) erscheint sie: Jeder wird durchgehend von der Polizei und den von ALMA ausgesandten Drohnen überwacht und in seiner Freiheit erdrückt; vor allem die Bewohner der „Zone 3“, einer Art Getto, das man nur mit einer befristeten Arbeitserlaubnis oder durch den Gewinn eines Fernseh-Quiz‘ verlassen kann.

Das klassische Prinzip von Jeremy Benthams „Panopticum“ wird hier wieder aufgegriffen und zugleich übertroffen, da das ALMA-System nicht nur beobachtet, ohne beobachtet zu werden, sondern auch eine riesige Menge an Daten sammelt und speichert.

Zukunft ohne neue Fragen

Dass ein Film gut aussieht und Schauwerte opulent ausbreitet, das wird zur Zeit von vielen systematisch unterschätzt. Dieser Film sieht sehr gut aus. Und das Vergnügen, einfach dabei zuzusehen, wie hier fantasievoll mit Humor und Einfallsreichtum Zukunftswelten entworfen werden, entschädigt dafür, dass die Story nicht die alleroriginellste ist.

Neue Fragen darf man hier nicht erwarten. Die philosophischen Ideen sind tief und klassisch, aber sie ergeben sich nicht wirklich aus der SF-Welt. Die bietet in erster Linie den Hintergrund einer Neo-Noir-Handlung. Die hier präsentierte „Zukunft“ hat einen deutlich retrohaften Charakter.

Abgesehen von dieser Schwäche bleibt das eisige, aber äußerst realistische Bild einer kollabierenden Gesellschaft im Gedächtnis, die autoritären Regierungen und einer freiheitsfeindlichen Technologie ausgeliefert ist.

Zwischen allgegenwärtigen Drohnen, gnadenlosen KIs und korrupten Politikern tritt jedoch auch – so behauptet der Film – der unbezwingbare Eifer der menschlichen Natur hervor, verkörpert durch Zems Skepsis und Salias Entschlossenheit. Zwei verlorene, aber authentische Seelen in einer Welt, die der Technologie und der Virtualität unterworfen ist.

Nicht immer nach Hollywood gucken

„Zone 3“ ist auch hochkarätig besetzt: Zem wird von Gilles Lellouche gespielt, der inzwischen auch als Regisseur Erfolg hat, und Salia, die tapfere Inspektorin, mit straffer Intensität von Adèle Exarchopoulos, die mit „Blau ist eine warme Farbe“ weltberühmt wurde. Schließlich Louis Garrel, der den zwielichtig-charismatischen Rebellenführer verkörpert.

„Zone 3“ versetzt Ideen von großen Hollywood-Filmen wie „Matrix“ und vor allem von Steven Spielbergs „Minority Report“ in das europäische Kino – dies ist ein hervorragendes Beispiel dafür, dass man Genre-Filme und teuer aussehende Blockbuster auch auf diesem Kontinent machen kann; und das es Europas Kino sehr guttäte, nicht immer nach Hollywood zu gucken, wie das Kaninchen auf die Schlange.

Wie triftig diese Kritik ist, darf man fragen. Denn auch der Blick des Films auf seine erzeugte Welt ist schematisch: Die Armen sind solidarisch und klassenbewusst, die Reichen böse, und die dazwischen unrealistisch und diversitätsbeseelt.