Hamburg/Istanbul – Nach der Vergiftung einer Hamburger Familie im Türkei-Urlaub kommen immer weitere Todesfälle ans Tageslicht. Schuld soll ein Bettwanzen-Gift sein, das Kammerjäger versprüht haben sollen. Viele Menschen fragen sich jetzt: Wäre eine solche Tragödie auch in Deutschland möglich?

Marcus Römer (40) ist Schädlingsbekämpfer in vierter Generation und zugleich im Vorstand des Deutschen Schädlingsbekämpfer-Verbandes. Der Wilhelmshavener erklärt: „Bei sachgemäßer Durchführung durch einen professionellen Fachbetrieb kann das nicht passieren. Eine Tragödie wie in Istanbul ist in Deutschland undenkbar.“

Insekten-Gas ist in Privathaushalten verboten

Der Experte: „Die Substanz Aluminiumphosphid, die in der Türkei eingesetzt worden sein soll, wird bei uns in Getreidelagern gegen Schädlinge wie z. B. Kornkäfer verwendet. Die Anwendung in Privathaushalten ist in Europa nicht erlaubt.“

Hintergrund: Das Gas ist besonders gefährlich in geschlossenen Räumen, baut sich aber binnen weniger Tage ab. Für Lebensmittel gelten EU-weit sehr strenge Grenzwerte von einem Zehntausendstel bis einem Hunderttausendstel Gramm pro Kilo. Laut Studien werden diese hierzulande eingehalten oder sogar deutlich unterschritten.

Schädlingsbekämpfer Marcus Römer (40) führt das Wilhelmshavener Familienunternehmen „Biotec“. Er ist im Vorstand des Deutschen Schädlingsbekämpfer-Verbandes und im Vorstand der europäischen Verbandes CEPA

Schädlingsbekämpfer Marcus Römer (40) führt das Wilhelmshavener Familienunternehmen „Biotec“. Er ist im Vorstand des Deutschen Schädlingsbekämpfer-Verbandes und im Vorstand des europäischen Verbandes CEPA

Foto: Privat

Experte erklärt das tödliche Wanzen-Gift

Warum ist es so gefährlich, wenn Kammerjäger das Insekten-Vernichtungsmittel benutzen? Das Pestizid wird schon beim Kontakt mit Luftfeuchtigkeit zum hochgiftigem Phosphin.

Laut Obduktion soll Phosphin auch zum Tod der Hamburger Familie in Istanbul geführt haben. „Atmet man es ein oder kommt das Gas mit dem Körper in Kontakt, greift es die Körperzellen an“, erklärte der Darmstädter Lungenfacharzt Cihan Çelik t-online. Je nach Konzentration könne das zu Multiorganversagen und zum Tod führen.

Schädlingsbekämpfer Römer zu BILD: „Wer Aluminiumphosphid zur Wanzen-Bekämpfung einsetzt, ist ahnungslos und kriminell. Das waren keine Profis, sondern Scharlatane und Betrüger.“

Ein türkischer Kollege habe ihm nach der Tragödie erklärt: „Hier wurde von einem nicht zertifizierten Betrieb ein illegales Mittel verwendet.“

Wie CNN Türk berichtet, ist der Einsatz von Aluminiumphosphid auch in der Türkei stark eingeschränkt und in bewohnten Gebäuden und Unterkünften weitgehend verboten.

Ein Polizeibeamter trägt Beweismittel aus dem Hotel. Die Zimmer sollen zuvor möglicherweise mit illegalen Pestiziden behandelt worden sein

Ein Polizeibeamter trägt Beweismittel aus dem Hotel. Die Zimmer sollen zuvor mit illegalen Pestiziden behandelt worden sein

Foto: glaykut/X

So werden Bettwanzen in Deutschland bekämpft

Doch wie werden die lästigen Bettwanzen in Deutschland bekämpft? Laut Experte Römer genügt oft schon die richtige Hitze. „Der Raum wird mindestens eine Stunde auf 43 Grad aufgeheizt, da Wanzen bei dieser Temperatur absterben. Mit Dampfgeräten werden dann noch die Verstecke der Wanzen behandelt.“ Das bedeutet: Bettgestell, Bodenleisten, Ritzen.

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Erlaubt sind in Deutschland auch synthetische Pestizide der Gruppe „Pyrethroide“. Diese werden nicht im ganzen Zimmer versprüht, sondern im „Sprüh-/Spritzverfahren“ zielgerichtet an Wanzen-Verstecken angebracht. Dort bilden die dicken Tröpfchen einen klebrigen Film, einen sogenannten „insektiziden Belag“.

Der Top-Schädlingsbekämpfer: „Nach vier bis sechs Stunden sollte man durchlüften und das Zimmer kann wieder betreten werden.“