Mit Stolz präsentierte der in Brooklyn geborene und aufgewachsene Autodidakt Gilden vor Ausstellungsbeginn das erste von ihm geschossene Foto, dem er künstlerischen Wert beimaß: eine eindrucksvolle Strandszene auf Coney Island aus dem Jahr 1969, aufgenommen in Schwarz-Weiß. „Ich habe alles in Schwarz und Weiß wahrgenommen. Ich weiß nicht, warum – hinterfrage es aber auch nicht.“
Bruce Gilden wurde einer der großen Vertreter der Street Photography und hielt vor allem das New Yorker Alltagsleben in unnachahmlichen Bildern fest. In der bis 22. Februar 2026 laufenden Schau, seiner ersten großen Einzelausstellung in Österreich, sind auch einige seiner über 30 Fotobücher zu sehen, in denen er seine Straßenszenen gesammelt hat.

©Bruce Gilden / Magnum Photos
Port-au-Prince, Haiti, 1990
Die Yakuza und wilde Szenen
Aufregende Geschichten finden sich oft in seinen Fotografien, die auf seinen Reisen unter anderem nach Haiti, England, Frankreich, Irland oder Japan entstanden sind. In Japan etwa fotografierte er Größen der Yakuza, der japanischen Mafia. Heute wohne er in schicken Hotels und genieße das auch, einst habe er sich aber ohne Scheu auch in übel beleumundeten Gegenden bewegt und Kontakt mit allen gesucht, die ihm begegneten.

©Bruce Gilden / Magnum Photos
Ausstellungshinweis
„Bruce Gilden: A Closer Look“, WestLicht, Westbahnstraße 40, 1070, 28.11.2025 bis 22.2.2026.
Auch berichtete Gilden von wilden Szenen, in denen er sich körperlich zur Wehr setzen musste. „Das ist meine Art. Das ist der Grund, warum sich meine Frau Sorgen um mich macht.“ Seine Frau sage über ihn auch, er habe keine Geduld – „außer beim Fotografieren“. Er arbeite „fucking hard“, und seine Bilder seien „fucking good“. Er fotografiere Menschen, weil sie ihn interessierten, und urteile nicht über sie.
Gebrochene Nasen in Großaufnahme
Die in einem einzigen Raum versammelten, auf circa 2,5 mal 1,5 Meter vergrößerten Porträts zeigen jedes Detail im Gesicht der Fotografierten: jede getrocknete Blutspur, jede gebrochene Nase, jedes verwischte Make-Up, jeden Pickel, jede Narbe und jeden ausgeschlagenen Zahn. Diese Bilder eines Fotografen, der auch für Modemarken wie Louis Vuitton, Dolce & Gabbana, Gucci und Balenciaga, oder von Magazinen wie „Vanity Fair“ oder „Vogue Homme“ gearbeitet hat, hauen einen um, man kann es nicht anders sagen.
Die für das WestLicht adaptierte Ausstellung wurde von Isabel Siben in enger Zusammenarbeit mit Bruce Gilden konzipiert und ist eine Kooperation mit dem Kunstfoyer der Versicherungskammer München und der Agentur Magnum Photos, deren Mitglied Gilden seit 1998 ist. Und für den Titel „A Closer Look“ gibt es auch eine gute Geschichte: In seinen frühen Jahren sei Gilden von Robert Capas Credo „If your pictures aren’t good enough, you’re not close enough“ inspiriert gewesen, liest man. Das gelte für Gilden bis heute – mit dem Zusatz: „The older I get, the closer I get.“