Während der Großteil Europas nach Beginn des Angriffskriegs auf die Ukraine seine Abhängigkeit von russischem Pipelinegas kappte, floss das Geld weiter – nur auf anderem Weg. Statt durch Röhren kommt Russlands Gas nun per Schiff: als verflüssigtes Erdgas (Liquefied Natural Gas, LNG) aus der Arktis. Der größte Teil stammte aus dem Projekt Yamal LNG, betrieben vom russischen Konzern Novatek. Offiziell wollte die EU Russlands Energieeinnahmen schwächen, um die Kriegsfinanzierung zu treffen. Doch Flüssigerdgas blieb lange unberührt. Während Pipelinegas sanktioniert wurde, blieb der Seehandel erlaubt – ein politisches Versäumnis, das dem Kreml Milliarden einbringt.

Flüssigerdgas aus Yamal LNG: Eine Goldgrube für den Krieg

Laut einer Auswertung der Financial Times auf Basis von Daten des Analyseunternehmens Kpler importierte die Europäische Union bis Mitte Dezember 2024 rund 16,5 Millionen Tonnen russisches Flüssigerdgas. Das Centre for Research on Energy and Clean Air (CREA) sieht darin einen Anstieg um rund neun Prozent gegenüber Vorjahr- Maßgeblich habe dies das 2017 gestartete Yamal-Projekt auf der Jamal-Halbinsel ermöglicht. Es produziert jährlich etwa 17 Millionen Tonnen LNG und exportiert fast die gesamte Menge. Zu den Anteilseigner*innen gehören TotalEnergies, CNPC und der Silk Road Fund.

Eine aktuelle Greenpeace-Analyse schätzt, dass Yamal LNG zwischen 2022 und ’20’24 rund 9,5 Milliarden US-Dollar an Steuern an den russischen Staat überwies – Geld, das laut den Autor*innen direkt in den Krieg fließe. Insgesamt sollen in diesem Zeitraum über 40 Milliarden US-Dollar Exporterlöse erzielt worden sein.

Nach Angaben des Centre for High North Logistics (CHNL) verließen vergangenes Jahr 287 Schiffe mit mehr als 21 Millionen Tonnen Flüssigerdgas das Terminal Sabetta. Das entspricht beinahe einem Tanker täglich. Trotz Sanktionen blieb das Projekt auf Volllast.

Westliche Häfen und Tanker

Das Schlupfloch, das Russland nutzt, ist nicht nur juristisch, sondern technisch. Arktische LNG-Projekte sind auf spezialisierte Eisbrecher-Tanker angewiesen. Diese sogenannten Arc7-Schiffe können bis zu zwei Meter dickes Eis brechen und transportieren jeweils etwa 170.000 Kubikmeter verflüssigten Erdgases.

Fast alle dieser Schiffe wurden von westlichen Unternehmen gebaut, finanziert oder betrieben – viele mit Sitz in Japan, Griechenland oder Großbritannien. Ohne westliche Werften, Versicherungen und Klassifizierungsgesellschaften wäre das russische Projekt kaum funktionsfähig.

Bis 2024 nutzte Russland zudem europäische Häfen wie Zeebrügge in Belgien und Dünkirchen in Frankreich für Umladungen. Von dort wurde die arktische Fracht auf konventionelle Tanker umgefüllt und weiter nach Asien verschifft. Erst mit dem 14. EU-Sanktionspaket wurde dieses Transshipment 2024 verboten – der Import für den Eigenverbrauch blieb jedoch erlaubt.

Zeitfenster bis 2027

Erst das 19. EU-Sanktionspaket vom 23. Oktober 2025 schließt die Lücke vollständig – allerdings mit langer Übergangsfrist. Laut der Verordnung (EU) 2025/2033 gilt ein vollständiges Importverbot für russisches Flüssigerdgas:

  • für kurzfristige Verträge ab Mitte 2026
  • und für langfristige Verträge ab 1. Januar 2027.

Bis dahin darf Russland weiter liefern – und tut es. Europäische Energiekonzerne wie TotalEnergies, Shell oder die deutsche SEFE sind an jahrzehntelange Lieferverträge gebunden. Zwar arbeiten Regierungen an Ausstiegspfaden, doch juristisch bleiben viele Verträge bis zum Inkrafttreten des Verbots gültig.

Russland nutzt diese Frist. Während das Nachfolgeprojekt Arctic LNG-2 wegen US-Sanktionen ins Stocken geraten ist, baut Moskau seine Schattenflotte weiter aus: ältere Tanker mit verschleierten Eigentumsverhältnissen, die Ship-to-Ship (STS)-Transfers in der Barentssee durchführen – teils direkt vor Norwegens Küste.

Die Arktis als doppelte Front

Das Geschäft ist nicht nur geopolitisch, sondern auch klimatisch brisant. Die Arktis erwärmt sich mitunter laut einer 2022 im Fachjournal Nature Communications Earth & Environment veröffentlichten Analyse fast viermal so schnell wie der globale Durchschnitt. Das Schmelzen von Permafrost und Meereis setzt zusätzlich Methan frei – ein Treibhausgas, das über 20 Jahre über 80-mal stärker wirkt als Kohlendioxid (CO2).

Die Arctic Report Card 2024 der National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA) dokumentiert, dass die Tundra mittlerweile mehr CO2 emittiert als sie bindet. Neue Flüssigerdgas-Anlagen verschärfen diese Dynamik, weil sie Infrastruktur in tauendem Boden errichten und zusätzliche Emissionen erzeugen.

Die Internationale Energieagentur (IEA) betont in ihrer ebenfalls 2024 veröffentlichten Net Zero Roadmap, dass keine neuen fossilen Projekte – auch keine LNG-Anlagen – mit dem 1,5-Grad-Ziel vereinbar seien. Die Arktis ist damit doppelt bedroht: Sie finanziert Krieg – und verliert zugleich ihre Stabilität als globaler Klimaregulator.

Topaktuell

Europas Verantwortung trifft auf Russlands Kalkül

Das Schlupfloch besteht, weil Sanktionen politisch gestaffelt, nicht physisch geschlossen wurden. Öl wurde verboten, Pipelinegas sanktioniert – aber Flüssigerdgas blieb unberührt, bis juristisch nachjustiert wurde. Russland hat diese Lücke erkannt und maximal genutzt. Der Export über Yamal LNG läuft weiter nahezu auf Volllast, und selbst die eingeschränkten Kapazitäten von Arctic LNG-2 werden über Umwege ausgeschöpft. Laut Greenpeace und dem CREA ist LNG inzwischen die profitabelste und am wenigsten sanktionierte Energiequelle Russlands.

Die G7-Staaten könnten dieses System schnell stoppen – nicht mit Kriegsschiffen, sondern mit Versicherungsverboten, Hafenblockaden und gezielten Sanktionen auf Arc7-Tanker. Genau diese Hebel hatten bereits bei den russischen Ölexporten Wirkung gezeigt.

Bis 2027 wird sich entscheiden, ob Europa seine Energiepolitik glaubwürdig macht oder weiter Flüssigerdgas kauft, das Drohnen und Bomben finanziert. Die technischen, juristischen und klimatischen Grenzen sind klar beschrieben. Die Frage ist daher politisch: Haben die EU und die USA den Mut, sie wirklich zu ziehen?

Quellen: Financial Times; „EU imports of Russian fossil fuels in third year of invasion surpass financial aid sent to Ukraine“ (CREA, 2025); „Europe’s Fossil Gas Dependence on Russia and the United States“ (Greenpeace, 2025); European Commission; Amtsblatt der Europäischen Union; „The Arctic has warmed nearly four times faster than the globe since 1979“ (Nature Communications Earth & Environment, 2022); National Oceanic and Atmospheric Administration; „Net Zero Roadmap: A Global Pathway to Keep the 1.5 °C Goal in Reach“ (IEA, 2024)

Hinweis: Ukraine-Hilfe

Seit dem 24. Februar 2022 herrscht Krieg in der Ukraine. Hier kannst du den Betroffenen helfen.