Kiel. Manche liegen gerupft und geplündert auf der Straße. Andere tragen noch Lametta oder ein paar vergessene Schmuckelemente an den Zweigen. Und einer steht weiter im vollen Nadelkleid auf der Terrasse – nun aber mit Ostereiern schon mal für das nächste Frühjahr feingemacht. Es ist ein tiefer Fall, der den Weihnachtsbaum nach dem Fest ereilt.

Weiterlesen nach der Anzeige

Weiterlesen nach der Anzeige

Eben noch in Glanz, Kerzenschein und Glitzer Mittelpunkt in den heimischen Wohnzimmern, liegt er Anfang Januar achtlos auf der Straße, benutzt, weggeworfen und oft schon zum Haufen getürmt für die städtische Grünmüll-Abholung.

2018 hat Bernd Spyra in und um Hamburg begonnen, die ausgemusterten Tannenbäume zu fotografieren. Eine Auswahl der Bilder ist jetzt unter dem Titel „Postchristmas“ in der Galerie K34 in Gaarden zu sehen. An Friedhofsgitter drapiert, im See im Stadtpark treibend oder brav neben dem Müllcontainer deponiert sind die Bilder Stillleben von eigener Art.

Entsorgt und vergessen: Weihnachtsbäume nach dem Fest

„Die Bäume haben zwar sichtlich ihren Zweck erfüllt – aber ihre Bestimmung werden sie nicht los“, sagt der Fotograf und promovierte Sinologe, der am Museum am Rothenbaum in Hamburg forscht und das Foto-Projekt mit seinem Bruder Frank teilt. Der KN-Journalist steuert Texte und Gedanken zu Kulturgeschichte und Philosophie des Symbolbaums bei. „Und er bringt den Geist der Bilder auf den Punkt“, sagt Bernd Spyra.

Weiterlesen nach der Anzeige

Weiterlesen nach der Anzeige

„In unserer Familie war Weihnachten immer mit Stress verbunden“, erinnern sich die Brüder, die in Kronshagen aufgewachsen sind. Befreit vom Ballast der Erwartungen sehen sie Weihnachten heute als guten Grund, zusammen zu feiern. Und die Fotoreihe entwickelte sich über drei Ausstellungen in Hamburg zum Alle-Jahre-wieder-Projekt – und zum Gegenbild für das aufgeladene Fest.

Vom Titel „Postchristmas“ und dem gerupften Weihnachtsbäumchen im Fenster des Kieler Ausstellungsraums sollte man sich also nicht täuschen lassen. Die Risografie, eine so umweltfreundliche wie kostengünstige Siebdrucktechnik aus Japan, lässt die Schwarzweiß-Aufnahmen seltsam licht, wie in Auflösung erscheinen. Zeigt eine Ambivalenz wie Memento Mori, die im Danach schon das nächste Fest spiegeln.

So können die Brüder auch dem Vorwurf der Kommerzialisierung des Weihnachtsfestes das Gute abgewinnen. „Auf diese Weise können Menschen aus vielen Traditionen und Religionen an Weihnachten teilnehmen“, sagt Bernd Spyra. Und verweist auf die weltweite Popularität der Weihnacht, die sich längst vom christlichen Grundgedanken gelöst hat.

Galerie K34, Medusastraße 14, Kiel-Gaarden. Ausstellungseröffnung mit Lesung am 29. November, 20 Uhr (Einlass ab 19 Uhr). Danach bis 22. Januar 2026 jeweils Donnerstag, 19 bis 22 Uhr, geöffnet.

KN