Ihr Markenzeichen war ihre rauchige Stimme und ein Blick, der aus der Tiefe der Seele zu kommen schien: Lang ist es her, als Ingrid van Bergen eine gefeierte TV-Diva war und in mehreren Hundert Filmen mitspielte. Vor allem in den 50ern und 60ern gehörte sie zu den bekanntesten Schauspielerinnen des Landes.
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Woran sich die meisten aber viel besser erinnern, ist der Skandal, den van Bergen lostrat: 1977 hatte sie ihren Geliebten aus Eifersucht erschossen und landete im Gefängnis. Nun ist die Schauspielerin und RTL-Dschungelkönigin von 2009 tot. Sie sei am Freitag im Alter von 94 Jahren bei sich zu Hause im niedersächsischen Eyendorf gestorben, teilte ihre Freundin und Mitbewohnerin Linda Schnitzler der „Bild“ mit.
Ingrid van Bergen wurde von Gefängnis-Freundin gepflegt
Die Freundin habe van Bergen tot in ihrem Bett gefunden. „Sie ist ganz friedlich eingeschlafen, hatte einen entspannten und so schönen Gesichtsausdruck. Ich sitze jetzt bei ihr und rede mit ihr, aber ihr Seelchen ist schon zum Fenster rausgeflogen. Ich kann es noch gar nicht fassen, es ist alles so schnell gegangen.“
Van Bergen habe die letzten zwei Tage nur noch im Bett gelegen und ihr gesagt, sie wolle nun sterben, erzählte Schnitzler weiter. Bis zuletzt habe sie sich um van Bergen gekümmert, die erblindet war. „Sie konnte nichts mehr sehen und nicht mehr laufen. In der Nacht habe ich ihr noch warme Milch mit Honig aus der Schnabeltasse gegeben. Jetzt ist sie friedlich hinübergegangen.“

Ingrid Van Bergen im Film „Stadt ohne Mitleid“ 1961.
© picture alliance / Mary Evans/AF Archive | AF Archive
Die beiden Frauen haben sich im Gefängnis kennengelernt. Auch Linda Schnitzler hatte getötet: Sie erschoss die neue Freundin ihrer Geliebten und wanderte dafür siebeneinhalb Jahre hinter Gitter. Van Bergen war zu sieben Jahren wegen Totschlags verurteilt worden, von denen sie fünf Jahre im Frauengefängnis Aichach in Bayern absaß und wegen guter Führung 1982 vorzeitig entlassen wurde.
Von der Straftäterin zur Dschungel-Queen
Die Gewalttat hatte alles andere ins Abseits gestellt. Kaum einer interessierte sich noch dafür, dass van Bergen einst als Topbesetzung in deutschen Filmen galt, die zu Klassikern wurden, wie „Des Teufels General“, „Wir Wunderkinder“ oder „Der eiserne Gustav“. In der Nachkriegssatire „Rosen für den Staatsanwalt“ gelang ihr 1959 in der Rolle der Pensionsbesitzerin Lissy Flemming ihr wohl größter Erfolg. Sie machte Kabarett bei den Berliner „Stachelschweinen“, drehte für Kino und Fernsehen. Und stand auch unter anderem für Edgar-Wallace-Verfilmungen wie „Der Rächer“ (1960) und „Das Geheimnis der gelben Narzissen“ (1961) vor der Kamera. Bei „Stadt ohne Mitleid“ drehte sie mit Kirk Douglas (1960).

Ingrid van Bergen auf dem Weg in den Verhandlungssaal. Die Schauspielerin musste sich 1977 vor dem Münchner Schwurgericht II für den Tod ihres Geliebten Klaus Knaths verantworten.
© picture-alliance / Istvan Bajzat | Istvan Bajzat
Das Verblüffende war: Van Bergen konnte ihre Karriere nach der Freilassung ohne Probleme fortsetzen. Das Fernsehen fragte wieder nach ihr. Und am Kammertheater Karlsruhe war sie 2011 als lebensfrohe Seniorin in der Tragikomödie „Harold und Maude“ zu bestaunen. 2009 zog sie ins RTL-Dschungelcamp, wo sie sich die Krone aufsetzte. Und dem Affen ordentlich Zucker gab, indem sie Details aus der Tatnacht preisgab. Sie nutzte die neue Öffentlichkeit auch, um über Pikantes zu plaudern, was ja bekanntlich die Einschaltquote in die Höhe treibt. Ihr Geliebter, der Makler Klaus Knaths, habe sie so oft betrogen und belogen. Und irgendwann war das Fass übergelaufen. Und dann ließ sie Details folgen.
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Van Bergen erschoss ihren Liebhaber: Das geschah in der Tatnacht
Eigentlich hätten sie einen „harmonischen“ Abend verbracht und waren noch gemeinsam essen. Doch dann habe er sie ganz allein in ihre Villa am Starnberger See geschickt. Er wollte nachkommen, ließ aber auf sich warten. Stunden um Stunden. „Da fing ich an zu trinken.“ Und flippte aus: Die Fotos, auf denen sie mit Knaths zu sehen war, schmiss sie in den Kamin. Als Knaths dann mitten in der Nacht zurückgekommen sei, habe er seine Sachen packen wollen und auch eine Pistole aus dem Schlafzimmer geholt. Es sei zu einem kräftigen Gerangel gekommen. Dabei hatte sie ihn mit zwei Schüssen in Brust und Bauch getötet: „Irgendetwas ist da passiert, an das ich mich nicht erinnern kann.“
Das böse Erwachen kam am nächsten Morgen für sie: Sie habe, wie sie später erfahren hatte, 2,1 Promille im Blut gehabt. Ihr toter Partner habe vor dem Haus gelegen. Und die Waffe im Pool. „Ich habe ihn wirklich geliebt.“ Wochenlang wurde damals in der Bundesrepublik über die Tat einer Frau debattiert, die mit Gewalt auf die Demütigungen ihres Partners reagiert hatte.
Bis zum Schluss, so erzählt ihre Freundin Linda Schnitzler der „Bild“, wollte sie immer Stärke zeigen. Dabei hätte sie Hilfe gebraucht: „Es geht ihr wie vielen einst großen deutschen Schauspielern. Sie hat nur eine kleine Rente. Eine Pflegerin aus Polen oder Ungarn wäre gut, aber das kann sie sich nicht leisten. Ein Seniorenheim schon gar nicht.“