Warum, fragt jeder sich, heißt das Stück eigentlich „Der Girschkarten“? Müsste Tschechows Klassiker auf Sächsisch nicht eher „Girschgarten“ ausgesprochen werden? Aber nein, um Sächsisch geht es nicht. Der Abend erklärt den Buchstabendreher nicht.
Lukas Rietzschels Vorbild: Anton Tschechow
Lukas Rietzschel wollte offenbar einerseits zeigen, dass er sich tatsächlich auf Anton Tschechows berühmtes Stück „Der Kirschgarten“ bezieht, zugleich aber auch, dass er es eben nicht nur in die Gegenwart holt, es nicht einfach über-, sondern vor allem umschreibt, es irgendwie auch auf den Kopf stellt.
Bei Tschechow treffen sich Menschen auf einem heruntergekommenen russischen Herrenhaus. Im „Girschkarten“ ist die Personen- und Handlungskonstellation gar nicht so anders, nur dass eben alles im Hier und Jetzt spielt.
Stück holt russischen Klassiker ins Neubaugebiet
Eine Großmutter besitzt ein altes, verfallendes Haus in einem namenlosen Dorf. Dann erscheinen ihre Kinder letztlich, um sie zu überreden, das Haus doch endlich zu verkaufen. Es könnte viel Geld bringen, denn es ist das letzte alte Haus mitten in einem neuen Baugebiet. Es steht der neuen Zeit im Wege.
Bei der Schilderung des Settings spielt Rietzschel seine Qualitäten als genauer Beobachter unserer Zeit aus. Da gibt es herrlich ironische Schilderungen dieser Wohngebiete mit den Bewegungsmeldern an den Carports, mit den neuen Umgehungsstraßen, den Discountern, den Kreisverkehren. Das macht Freude, auch wenn es nicht ganz einfach ist, diese Prosa-Sätze zu bebildern.
Minimalistisches Bühnenbild am Schauspiel Leipzig
Enrico Lübbe hat auch das Bühnenbild selbst entworfen und sich für eine Abstraktion entschieden. Die Zuschauer blicken in einen kahlen, weißen Quader, einen bis auf ein riesiges Kabelknäuel in einer Ecke völlig leeren Raum.
Nichts wird realistisch bebildert, alles wirkt künstlich. Es ist der Versuch, der zweiten Ebene der Handlung und des Stücktextes gerecht zu werden. Rietzschel will mehr als nur den Streit der Familie darstellen, was sehr hübsch wäre, aber eben nur ein Schwank aus der Provinz. Er will die Zeitlosigkeit der Tschechowschen Vorlage erreichen und eigene Akzente setzen.
Fake News und Verschwörungstheorien
Einmal beispielsweise geht es um falsche Tatsachen – Fake News – und den Umgang damit. Der Sohn sagt zu seiner Mutter, das Haus sei eh nur klein, sie behauptet, es sei viel größer als alle denken.
Im Stück sagt jeder, was ihm nützt. Was stimmt? Was ist Lüge? Damit spielt Rietzschel und konstatiert dann beispielsweise: „Man muss den Leuten nur oft genug sagen, dass sie falsch liegen.“ Eine Meta-Ebene, die auch zeigt, wie schnell Verschwörungstheorien entstehen.
Spiel mit Ernst und Ironie
Vieles an diesem Stück und auch an der Inszenierung geht auf, ist liebenswert und gut geschrieben. Zum Beispiel heißt es wörtlich einmal: „Ich hoffe, Sie erkennen die Ironie an dieser Sache.“ Aber es ist nicht immer ganz einfach, den verschiedenen Gedankengängen zwischen Ernst und Ironie zu folgen.
Mal lacht man über Sätze wie „Städter zahlen viel Geld für Orte, an denen sie barfuß durchs Grass laufen können,“ schon folgt eine Anspielung auf Russlands Überfall auf die Ukraine. Es gibt philosophische Sätze über Zeit und Vergänglichkeit. Rietzschel stellt den Bezug zum Heute her, nämlich dass niemand sich traut, eine Entscheidung zu fällen. Wie bei der Rentenreform! Soll man das Haus verkaufen? Vermieten? Oder es doch einfach so stehen lassen?
Lukas Rietzschel hat sehr viel in das Stück hineingepackt. Klug reflektiert er die Gegenwart in das alte Tschechow-Muster hinein. Er ist sprachlich originell, er setzt auf Komik und macht phasenweise einen Schwank 2.0 aus dem Abend. Die Personenkonstellation über drei Generationen ist toll.
Kein packendes Theater-Erlebnis
Manches ist bewusst stark überzeichnet. So etwa die Nachbarin, wundervoll gespielt von Tilo Krügel mit Absatzschuhen, die an den Pferdefuß des Teufels erinnern. Es gibt also – in Bild und Ton – viel zu entdecken in dieser Inszenierung. Da klingt sogar Nicoles Hit „Ein bisschen Frieden“ an. Was aber nicht entsteht, ist ein Sog.
Der Abend wirkt länger als die 100 Minuten, die er lang ist. Man merkt im Laufe des Abends dann doch, dass das abstrakte Bühnenbild sehr statisch und der Text phasenweise sehr thesenhaft ist. Anders gesagt: Es passiert wenig auf der Bühne. Mit Musik und Licht-Effekten, die Pausen schaffen und in denen Wort-Collagen aus dem Text und Musik pur für sich stehen, steuert die Inszenierung dagegen. Mit kreativem Stillstand, sozusagen, in dem die Texte und Szenen nachhallen.