Wie lange sind Arbeitnehmer in Deutschland bei ihrem aktuellen Arbeitgeber beschäftigt? Gefühlt jedenfalls ist es seltener geworden, dass Menschen ihr gesamtes Berufsleben in einem Betrieb verbringen. Konkrete Zahlen dazu sind aber schwer zu finden. Laut dem Statistischen Bundesamt waren im vergangenen Jahr 41,7 Prozent der Befragten seit mindestens zehn Jahren bei ihrem Arbeitgeber beschäftigt. Zehn Jahre zuvor lag dieser Anteil noch bei 47,1 Prozent.

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Auch die Handwerkskammer Ulm (HWK) und die Industrie- und Handelskammer Bodensee-Oberschwaben (IHK) können dazu auf Anfrage keine konkreten Zahlen nennen. Von beiden ist aber zu hören, dass es gerade hier in der Region durchaus immer wieder Mitarbeiter gibt, die „ihren“ Unternehmen und Betrieben über Jahrzehnte treu bleiben.

Seit 1977 im gleichen Unternehmen

So wie Herbert Kathan. Dessen erster Arbeitstag beim Leutkircher Fassadenbau-Unternehmen App war der 1. August 1977. „Ich habe das Schlosserhandwerk gelernt, gemeinsam mit fünf weiteren Lehrlingen“, blickt Kathan auf die Anfänge zurück. In den fast 50 Jahren ist er mit seinem Hauptschulabschluss innerhalb des Unternehmens bis zum Leiter des technischen Büros aufgestiegen. Demnächst wird er sein Büro an seinen Nachfolger übergeben.

Schon während der Lehrzeit durchlief Kathan alle Produktionsbereiche, inklusive der Montage. Seine Ausbildung schloss er als Kammerbester ab. Auch sein damaliger Chef, Engelbert App, wurde auf ihn aufmerksam, dies ebnete ihm den Weg ins technische Büro. Interne Schulungen und Eigeninitiative ermöglichten es ihm, sich in diesem Bereich fortzubilden. Solche Wechsel seien auch heute durchaus noch möglich, sagt Kathan.

Noch am Zeichenbrett gelernt

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Am PC wurde damals, als er ins technische Büro wechselte, noch nicht gearbeitet. Er habe noch das Konstruieren am Zeichenbrett gelernt. Anfang der 1990er sei dann so langsam der Übergang in die EDV-Konstruktion gekommen.

Im weiteren Verlauf wurde Kathan Projektleiter. An sein erstes Projekt erinnert er sich noch gut: der Kegel des Frankfurter Postmuseums. 2004 übernahm er dann die Position des Technischen Leiters. Kathan erinnert sich auch noch genau daran, wie ihm damals am Rosenmontag die Stelle angeboten wurde.

Jedes Projekt ist ein Unikat. Wir starten immer bei null.

Herbert Kathan

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Seitdem hat er viele Herausforderungen gemeistert, darunter die Einführung neuer Technologien und die Anpassung an sich ändernde Normen. „Jedes Projekt ist ein Unikat. Wir starten immer bei null und müssen alle Anforderungen von Anfang an erfüllen. Es bleibt keine Zeit für Tests oder Korrekturen“, erklärt er. Die Anforderungen an Fassaden seien vielfältig: Neben ästhetischen Wünschen von Architekten müssen bauphysikalische Vorgaben wie Luftdichtigkeit, Wärmedämmung und Schlagregendichtigkeit erfüllt werden.

Sein Rat an junge Azubis

Auf die Frage, welche Ratschläge er jungen Auszubildenden geben würde, antwortet er: „Mit Elan, Motivation und Begeisterung an die Sache herangehen.“ Zumal App immer die Möglichkeit biete, den nächsten Schritt zu gehen, so Kathan.

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Seine Loyalität begründet er mit den spannenden Projekten und der guten Zusammenarbeit. Natürlich, so Kathan, gab es aber auch bei ihm Momente, in denen er das Unternehmen verlassen wollte. Einmal habe er sogar schon seine Kündigung geschrieben. Sein damaliger Chef habe diese aber zerrissen, erzählt Kathan schmunzelnd.

Drei Chef-Generationen erlebt

Apropos Chefs: Kathan hat im Leutkircher Familienunternehmen drei Generationen erlebt. Eingestellt hat ihn noch der Firmengründer Ruppert App, die meiste Zeit waren dann Engelbert und Roland App seine Chefs. Inzwischen führen Magnus und Valentin App den Betrieb. Mit allen habe es immer viele gute Gespräche gegeben, sagt Kathan.

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Nach fast fünf Jahrzehnten im Unternehmen blickt er zufrieden auf seine Karriere zurück. „Ich bin dankbar für die Möglichkeiten, die ich hier bekommen habe, und für die Zusammenarbeit mit großartigen Kollegen. Der Erfolg eines Unternehmens hängt von vielen Faktoren ab, aber das Engagement und die Motivation der Mitarbeiter sind entscheidend.“

Von den fünf anderen, die 1977 mit ihm die Ausbildung begonnen habe, ist übrigens ein Kollege auch immer noch da, erzählt Kathan. Dieser gehe nächstes Jahr in Rente. Schön sei zudem, dass auch sein Nachfolger als Leiter des technischen Büros, Reinhold Mendler, ein Eigengewächs der Firma sei. Mendler ist seit 1992 bei App, hat hier seine Ausbildung zum technischen Zeichner gemacht.

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Fast 50 Jahre in einem Unternehmen – wie besonders ist das heutzutage? Konkrete Zahlen dazu sind wie erwähnt schwer zu finden. Der Sprecher der HWK, Giuseppe Palmieri, erklärt dazu aber: „Was wir sagen können, ist: Es gibt nach wie vor viele Beschäftigte in unseren Handwerksbetrieben, die über mehrere Jahrzehnte bei ihrem Arbeitgeber bleiben – oft sogar 30, 40 oder noch mehr Jahre. Das wissen wir anhand der zahlreichen Arbeitnehmerurkunden, die wir für unsere Betriebe ausstellen.“

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Ähnliches berichtet auch IHK-Pressesprecherin Nina Gerstenkorn: „Viele kleine und mittelständische Betriebe, aber auch international agierende Familienunternehmen oder alt eingesessene Traditionsunternehmen haben Mitarbeitende, die 20, 30, 40 oder sogar 50 Jahre treu bleiben.“ Grundsätzlich hätten Arbeitgeber ein starkes Interesse an langfristiger Betriebszugehörigkeit.

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„Die seit Jahren in der Region bestehende Vollbeschäftigung führt aber auch zu Arbeitsplatzwechseln, zum Beispiel, wenn eine andere Position noch mehr Entwicklungschancen bietet. Andererseits sind in konjunkturell angespannten Zeiten Arbeitnehmer tendenziell weniger wechselorientiert, da sie den sicheren Arbeitsplatz zu schätzen wissen“, so Gerstenkorn weiter.

Viele Mitarbeitende bleiben dem Betrieb treu, gerade weil sie ortsgebunden sind, zum Beispiel wegen Vereinszugehörigkeit und ihrem sozialen Umfeld.

Nina Gerstenkorn

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Sie verweist zudem noch auf einen besonderen regionalen Faktor: „In unserer ländlich geprägten Region Bodensee‑Oberschwaben wirkt zudem die örtliche Verwurzelung stabilisierend: Viele Mitarbeitende bleiben dem Betrieb treu, gerade weil sie ortsgebunden sind, zum Beispiel wegen Vereinszugehörigkeit und ihrem sozialen Umfeld.“