Kristallisationspunkt für Kunstpositionen der Gegenwart und künstlerische Ausdrucksformen des 20. Jahrhunderts. Ein Gastbeitrag von Jürgen K. Enninger

Kunst entwickelt sich in starken und kompetenten Netzwerken. Hierzu gehören private, wie öffentliche Player, aber auch Intermediäre. Galerien, wie die Galerie Noah, Privatmuseen, wie das Kunstmuseum Walter, öffentliche Einrichtungen, wie die Kunstsammlungen und Museen sowie nicht zuletzt ein starker Berufsverband Bildender Künstlerinnen und Künstler. Alle gemeinsam zeichnen ein aktives und kreatives Netzwerk für die Bildende Kunst des 
20. und 21. Jahrhunderts im Augsburger Glaspalast. Die Stadt Augsburg ist stolz auf diese Vielfalt, Qualität und Kompetenz aller Akteurinnen und Akteure. Was das Netzwerk benötigt, ist Sichtbarkeit, Aufenthaltsqualität und Wertschätzung. All das gewährleistet unser Glaspalast.

Philipp Jakob Manz, der auch das legendäre ZKM in Karlsruhe baute, stand im Jahr 1910 mit dem Gebäude als mechanische Baumwollspinnerei und Weberei Augsburg ganz am Anfang. Der Glaspalast als ein Ort für Textilverarbeitung musste im Jahr 1988 seine Türen schließen. Über den Ankauf durch die Walter Bau öffnete sich gleichzeitig eine neue Tür und das Raumpotential für kulturelle Nutzungen wurde erkannt und realisiert.

Heute bildet dieses bedeutende Industriedenkmal einen wertschätzenden Rahmen sowohl für Besuchende als auch für Künstler*innen und Kultureinrichtungen. Zusammen mit der Gastronomie und den spannenden Ausstellungsformaten vor Ort hat sich bereits jetzt ein Kunstcluster herauskristallisiert, das vielfältige Wechselwirkungen erwarten lässt. Diese Synergien möchten wir als Kulturreferat weiter stärken. Insbesondere die Wirkung ins Textilviertel ist deutlich spürbar. Gerade die Kultureinrichtungen im Viertel lassen es in besonderem Glanz erstrahlen.

In Kooperation mit der Regio Augsburg Tourismus steht im nächsten Schritt eine überregionale Vermarktung des Ortes im Fokus. Wir möchten die Stärken des Glaspalasts deutlich machen und so die Synergien für die Kunstregion unterstreichen. Eine diesbezügliche Strategie wird aktuell mit allen Aktiven vor Ort erarbeitet. Darüber hinaus steht nach wie vor die ÖPNV-Anbindung zur Diskussion. In Abstimmung mit der swa diskutieren wir aktuell unterschiedliche Mobilitätsmodelle. Eine erhöhte Sichtbarkeit und eine bessere Erreichbarkeit sind die zwei vorrangigen nächsten Schritte, die wir im Blick behalten müssen.

Ich kann mir darüber hinaus eine Erweiterung der gastronomischen Angebote vorstellen. Ein Museumscafé wäre wünschenswert, wie bereits im Maximilianmuseum und im Schaezlerpalais umgesetzt. Dieses ist dort aber für einen privaten Pächter wenig lukrativ. Eine andere Idee ist die Umsetzung einer Lounge, die es ermöglicht einerseits Dialogräume weiter zu öffnen, andererseits  auch die Möglichkeit  schaffen würde, einen Espresso oder ein Wasser zu trinken.

Jan T. Wilms steht stellvertretend für all diese Ideen und Entwicklungen. Er zeigt, dass er einerseits in Netzwerken denkt, aktuellen Kunstpositionen dabei im Rahmen der städtischen Möglichkeiten Raum gibt und gleichzeitig die Aufenthaltsqualität im Glaspalast erhöhen will. Wir freuen uns, mit ihm einen so engagierten und partnerschaftlich denkenden Museumsleiter für Gegenwartskunst und Kunst des 20. Jahrhunderts am Gaswerk gefunden zu haben. Im Miteinander mit den anderen herausragenden Playern im Glaspalast, wie Norbert Kiening, dem Vorsitzenden des BBK, und Wilma Sedlmaier, der Leiterin der Galerie Noah, lassen sich hier noch viele Synergien entwickeln.

Der Glaspalast steht aber nicht für sich allein. Er steht für eine Reihe kulturhis­torischer Bauten der Augsburger Industriegeschichte. Auch in diesen anderen Bauten bilden sich kulturelle und kulturwirtschaftliche Nutzungen in ihren jeweiligen Schwerpunkten ab. Ein Beispiel sind die über 50 Musikproberäume auf dem Gaswerk, die wir durch Mehrfachnutzungen unterschiedlichsten Bands und Musiker*innen zur Verfügung stellen.

Musik am Gaswerk und Bildende Kunst im Glaspalast bilden bereits jetzt herausragende Kunstcluster, die unsere Industriearchitektur aufwerten, vor allem aber die entsprechenden Stadtteile langfristig zum Leuchten bringen. Insbesondere die Wirkung, die das Textil- und Industriemuseum für die Lebensqualität im Textilviertel entfaltete, zeigt das diese Gebäude und die damit verbundenen neuen Nutzungen nicht für sich stehen, sondern kulturelle Impulse auch Qualität für die Stadtviertel entfalten.

Ich verstehe unsere Aufgabe als Kulturverwaltung darin, Kulturbauten immer auf ihre Wirkungen hin zu hinterfragen und ihren Auftrag in Bezug auf kulturelle Bildung, Resilienz unserer Stadtgesellschaft, Stadtplanung und nach innen gerichtet, zeitgemäße Präsentationsformen einzufordern. Wir wissen, dass Kunst und Kultur all dies leisten. Verantwortungsvolle Kulturpolitik muss dies wollen und klar im Blick behalten.