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Guter Unterricht braucht eine gute Ausbildung der Lehrkräfte. Daran soll in Hessen nun gespart werden. © Marijan Murat
Klaus Oehmann kritisiert die Sparpläne für die Lehrkräftebildung in Hessen scharf. Am Samstag wird in Wiesbaden dagegen demonstriert.
Ein kürzeres Referendariat, weniger Fortbildungen, eine geringere Zahl an Ausbildern und Ausbilderinnen und dann sollen auch noch Tagungsstätten geschlossen werden. Klaus Oehmann ist selbst Ausbilder und findet die Sparpläne der hessischen Landesregierung für die Lehrkräftebildung überhaupt nicht gut. Für Samstag hat er zum Protest nach Wiesbaden eingeladen.
Klaus Oehmann bildet Lehrkräfte aus. © privat
Herr Oehmann, Sie demonstrieren am Samstag vor der Staatskanzlei in Wiesbaden gegen geplante Veränderungen in der Lehrerbildung. Was ist der Anlass für diese Aktion?
Wir wollen deutlich machen, wie wichtig eine qualitativ hochwertige Ausbildung für Lehrkräfte ist. Hessen ist ein Bildungsland, und Bildung betrifft uns alle. Deshalb setzen wir uns dafür ein, dass die Lehrkräfte optimal auf die Herausforderungen im Schulalltag vorbereitet werden. Kürzungen oder Einsparungen gefährden diese Qualität.
Ein zentraler Kritikpunkt ist die mögliche Verkürzung des Vorbereitungsdienstes, also des Referendariats, von 21 auf 18 Monate. Warum lehnen Sie das ab?
Der Vorbereitungsdienst bietet Referendarinnen und Referendaren die Chance, sich fachlich und pädagogisch zu entwickeln. Wenn man diese Zeit kürzt, nimmt man ihnen genau diese Möglichkeit. Studien – etwa aus Bayern – zeigen, dass eine längere Ausbildungszeit die Qualität des Unterrichts nachhaltig verbessert.
Andere Bundesländer kommen mit zwölf Monaten aus. Warum nicht Hessen?
Jedes Land hat eigene Konzepte. Wir haben in Hessen gute Erfahrungen mit unserem System gemacht. Wir wollen keine „Durchlauferhitzer“-Ausbildung, sondern professionelle Lehrkräfte. Stellen Sie sich vor, Sie müssten sich von einem Amateur am Herzen operieren lassen – das will niemand. Genauso wenig wollen wir Amateure vor unseren Klassen.
Es gibt auch Pläne, die Fortbildung an Studienseminaren zu reduzieren, um mehr Lehrkräfte zurück in die Schulen zu holen. Ist das nicht sinnvoll?
Kurzfristig mag das den Unterricht verbessern, weil Fachkräfte in die Schulen zurückkehren. Langfristig aber schwächt das die Ausbildung. Ausbilderinnen und Ausbilder haben eine Multiplikatorenwirkung: Sie erreichen viele Referendarinnen und Referendare und steigern die Unterrichtsqualität nachhaltig. Wenn man diese Strukturen abbaut, verliert man genau diesen Effekt.
Der Betreuungsschlüssel soll sich ändern, weniger Ausbilder für mehr Referendare. Außerdem sollen die Unterrichtsbesuche reduziert werden. Manche Referendare würden sich darüber freuen, weil diese Besuche Stress bedeuten.
Unterrichtsbesuche sind kein „Horrortermin“, sondern eine Chance zur Entwicklung. Wir wollen daran festhalten, weil sie für die pädagogische Begleitung entscheidend sind. Wenn man die Zahl deutlich reduziert, leidet die Qualität der Ausbildung und die Beziehungsarbeit – und genau darum geht es in Schule und Unterricht.
In der Lehrerschaft gibt es derzeit viel Unruhe: Eine Resolution aus Offenbach wegen fehlender Dienst-Laptops, Klagen über die Arbeitssituation aus Darmstadt-Dieburg, Proteste in Nordhessen wegen der geplanten Schließung einer Tagungsstätte. Was ist da los?
Wir erleben eine Verdichtung der Aufgaben. Digitalisierung ist ein großes Thema, dazu kommen steigende Anforderungen im Alltag. Viele Lehrkräfte fühlen sich überlastet, und das führt zu Protesten.
Sie sprechen von einer Verdichtung der Aufgaben. Was bedeutet das konkret für Lehrkräfte?
Lehrkräfte unterrichten nicht nur. Sie planen Unterricht, korrigieren Arbeiten, beraten Schülerinnen und Schüler, führen Elterngespräche, moderieren Konflikte, differenzieren Lernmaterialien, organisieren Projekte und übernehmen pädagogische sowie psychologische Verantwortung. Das ist ein Vollzeitjob – kein „Halbtagsjob“, wie oft behauptet wird. Diese Realität wird in der Gesellschaft häufig nicht gesehen, und das führt zu einem verzerrten Bild.
Was erwarten Sie von der Politik?
Wir stehen vor Entscheidungen, die auf Sparmaßnahmen hinauslaufen. Das ist gefährlich. Wir brauchen wissenschaftliche Begleitung und solide Studien, bevor man Strukturen abbaut. Die bisherige Gutachtenlage ist fehlerhaft. Es gibt Petitionen und Resolutionen aus ganz Hessen – die Menschen wollen gehört werden. Wir fordern, dass die Politik sachliche Argumente ernst nimmt.
Klaus Oehmann (54) bildet am Studienseminar für berufliche Schulen in Gießen Lehrkräfte aus. Zudem unterrichtet er angehende Industriekaufleute an der Max-Weber-Schule Gießen und ist Lehrbeauftragter der Goethe-Universität in Frankfurt. Er ist Personalratsvorsitzender am Gießener Studienseminar.
Am Samstag, 29. November, findet auf dem Kranzplatz vor der Staatskanzlei in Wiesbaden ein „Familienfest“ statt, zu dem die Personalräte an den Studienseminaren einladen. Von 11 bis 12.30 Uhr wird dort gegen die Sparmaßnahmen in der Lehrkräftebildung protestiert.