Der Papst hat sich mit der Türkei und Libanon zwei sehr unterschiedliche Destinationen ausgesucht. Die Hoffnung auf seine Botschaft des Friedens ist beiderorts gross.
Die Katholiken in der Türkei erwarten den Papst. Aufnahme aus der Basilika St. Antonius in Istanbul.
Francisco Seco / AP
Schon vor seinem Amtsantritt war Leo XIV. in der ganzen Welt unterwegs. Als Generalprior des Augustinerordens gehörte es zu seinen Aufgaben, die auf allen Kontinenten tätigen Ordensbrüder zu besuchen – dafür setzte er sich auch hinters Steuer oder in unwegsamem Gelände aufs Pferd. An seinem Sitz in Rom sei der Amerikaner damals eher selten gewesen, hiess es nach seiner Wahl aus seinem Orden.
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Als Papst bricht der 70-Jährige an diesem Donnerstag zu seiner ersten Reise ausserhalb Italiens auf, in die Türkei und drei Tage später nach Libanon. Es wird erwartet, dass Leo, dessen erste öffentliche Worte «Der Friede sei mit euch» waren, eine Botschaft des Friedens verkünden wird. Und er soll ein Zeichen für die Ökumene setzen, die Zusammenarbeit zwischen Kirchen und Religionen.
Frühes Bekenntnis
Denn der Anlass für die Türkeireise ist der Jahrestag des Konzils von Nizäa im Jahr 325, das Christentum war damals noch ungeteilt. Die mehr als 300 Bischöfe schufen dort erstmals die Grundlagen für ein Glaubensbekenntnis, das noch heute in den meisten christlichen Kirchen Gültigkeit hat. Auch der Ostertermin wurde als beweglicher Feiertag auf Sonntag nach dem ersten Frühlingsvollmond festgelegt. Es war das erste Konzil, das allgemeinverbindliche Lehrentscheide für die gesamte Kirche fällte. 1700 Jahre später unternimmt Leo nun eine «Pilgerfahrt» in die heutige Kleinstadt Iznik, rund zwei Autostunden südöstlich von Istanbul. Zum Jubiläum trifft sich der Pontifex mit dem Patriarchen Bartholomaios, dem Ehrenoberhaupt der orthodoxen Kirchen. Vor wenigen Tagen noch beschwor Leo in einem Apostolischen Schreiben die Einheit der Kirchen, die durch einen «geduldigen, langen und unter Umständen schwierigen Weg des Hörens und der gegenseitigen Offenheit» möglich werde.
Es wird geschätzt, dass es in der Türkei bis zu 150 000 Christen gibt, eine verschwindend kleine Minderheit unter den 85 Millionen Einwohnern, die zu 99 Prozent muslimischen Glaubens sind. Die Lage der Christen in der Türkei gilt als schwierig. Auch wenn sich die Türkei offiziell als laizistischer Staat versteht, ist der sunnitische Islam faktisch die Staatsreligion, die von der Regierung kontrolliert und verwaltet wird. Eine echte Religionsfreiheit gibt es für Christen nicht: Sie dürfen ihren Glauben innerhalb der Kirchenmauern ausüben, aber die Ausbildung von Priestern ist nicht möglich. Das Priesterseminar des Ökumenischen Patriarchats wurde bereits 1971 vom Staat geschlossen.
Im Jahr 1967 feierte Papst Paul VI. (1963-1978) in der Basilika den ersten Gottesdienst eines Papstes auf türkischen Boden. Blick auf eine Statue des heiligen Antonius mit dem Jesuskind in der Kirche.
Dylan Martinez / Reuters
Gottesdienste unter Polizeischutz
Die christlichen Seelsorger sind daher überwiegend Ausländer. Bei den Römer Katholiken gilt das auch für die Gläubigen, die der Vatikan mit etwa 50 000 angibt. In nationalistischen Kreisen werden die Christen immer noch als Störenfriede wahrgenommen. Am vergangenen Sonntag gab es in Iznik bereits eine Protestkundgebung gegen den Papstbesuch. Die römisch-katholische Kirche gehört zu den Religionsgemeinschaften, die im Gründungsdokument der modernen Türkei, dem Vertrag von Lausanne von 1923, nicht als Minderheit anerkannt wurden. Aus rechtlicher Sicht existieren bestimmte Kirchen und Gemeinden also gar nicht, ihre faktische Existenz ist letztlich von der Toleranz der Behörden abhängig. Immer wieder werden vom Staat Kirchen geschlossen oder Eigentum von Gemeindemitgliedern konfisziert. Präsident Recep Tayyip Erdogan hält an dieser Politik fest, er instrumentalisiert die Religion auch für Propagandazwecke. So machte es im Jahr 2019 grosse Schlagzeilen, als der Staatschef für den ersten Neubau einer christlichen Kirche seit der Staatsgründung 1923 den Spatenstich vollzog.
Einen Rechtsstatus können Kirchen nur über Stiftungen und Vereine erlangen. Damit müssen sie Räume mieten oder kaufen. In der St.-Nikolaus-Gemeinde in der Millionenstadt Antalya im Süden des Landes betreut der deutsche Pfarrer Ludger Paskert die Katholiken aus Deutschland und anderen Ländern. Er sagt: «Als Kirchengebäude steht uns ein geeignetes Haus in der Nähe der Altstadt zur Verfügung. Das Gebäude ist seit der Gemeindegründung gemietet, und wir hoffen, dass das noch lange so bleibt.» Während der Gottesdienste, sagt Paskert, habe man Polizeischutz.
Das Gebiet der heutigen Türkei gehörte zu den frühesten Missionsgebieten des Christentums, in der Römer Provinz Asia wirkten die Apostel Paulus und Johannes. Gemeinden existierten etwa in Ephesus, Smyrna (heute Izmir) oder Pergamon. Paulus war auch in dem Gebiet, das damals zur Provinz Syria und heute zu Libanon gehört, in der Apostelgeschichte werden besonders die antiken Städte Tyrus und Sidon am Mittelmeer erwähnt.
Grösste Christengemeinde in der arabischen Welt
Der Papst reist am Sonntag nach Libanon weiter. Auch das kleine, seit Jahrzehnten von sozialen, wirtschaftlichen und politischen Krisen geprägte Land kennt eine enge Verzahnung von Religion und Politik, freilich unter gänzlich anderen Vorzeichen als die Türkei. Libanon hat mit etwa 35 Prozent der Bevölkerung den grössten Anteil von Christen unter den arabischen Ländern. Das politische System ist konfessionell organisiert, der Präsident etwa ist immer ein maronitischer Christ.
Dass die religiöse Identität vor der nationalen rangiert, führt allerdings auch dazu, dass das Land durch externe Mächte immer wieder zum Ort geopolitischer Auseinandersetzungen wird. Vor dem Papstbesuch beschrieb der Apostolische Vikar von Beirut, César Essayan, seine Hoffnung: Libanon wolle nicht weiterhin im Krieg oder von Kriegen umgeben leben. Der seit einem Jahr bestehende Waffenstillstand ist vor allem im Süden des Landes brüchig.
Der Besuch Leos XIV. in Libanon steht unter dem Leitspruch «Selig, die Frieden stiften» aus der Bergpredigt. Eine grosse Tafel in der Nähe der Getreidesilos (rechts) im Hafen von Beirut, die bei der gewaltigen Explosion im Jahr 2020 schwer beschädigt wurden, weist auf den Besuch des Pontifex hin.
Hassan Ammar / AP
Nach Angaben des Uno-Flüchtlingshilfswerks UNHCR ist Libanon das Land mit den meisten Flüchtlingen, gemessen an der Einwohnerzahl, die auf etwa 5,5 Millionen geschätzt wird. Seit 2011 sind etwa 1,5 Millionen syrische Kriegsflüchtlinge ins Land gekommen, die von Hilfsorganisationen versorgt werden.
Wael Darwish von Caritas Schweiz, der in Beirut und Damaskus die Arbeit der Hilfsorganisation koordiniert, verweist dabei auch auf die Christen im Land: «Wenn es um die Flüchtlinge geht, spielen die christlichen Gemeinden eine zentrale Rolle. Hier erfahren sie Schutz und Solidarität. Ähnlich erlebe ich es bei den muslimischen Gemeinden.» Auf den Papstbesuch seien die Christen «völlig fixiert». Darwish wünscht sich, dass der Papst dem Land «neue Hoffnung» vermittelt: «Sein Besuch soll zeigen, dass die Welt Libanon nicht vergessen hat.»
Dafür stehe auch das vorgesehene stille Gebet des Papstes im Hafen von Beirut. Die katastrophale Explosion dort, bei der 2020 mehr als 200 Personen getötet und über 6500 verletzt wurden, ist bis heute nicht aufgeklärt: «Vielleicht kann der Papst mithelfen, dass es da bald mehr Gerechtigkeit geben wird», hofft Darwish.

