Der Schoßhund lugt aus der Handtasche. Langsam nähert sich ein Messer. Diese Szene stammt nicht aus einem Horrorfilm, sondern von einer Feier: Gleich gibt es Torte, gebacken von Miriam Milord. In ihrer Bäckerei in Brooklyn verwischt sie die Grenzen zwischen Kunst und Kulinarik.
„Alles kann ein Kuchen sein“, sagt die in Kaarst aufgewachsene Gründerin von „B Cake NY“. Daher auch der Firmenname, der wie „be cake“ (sei Kuchen) klingt. Manche Kunden nehmen das wörtlich: Sie bestellen einen Kuchen mit dem Antlitz ihrer Kinder. Andere könnte man mit einem Amazon-Paket verwechseln, mit einem Truthahn oder einem saftigen Steak. Oder es fährt beim Kindergeburtstag eine Eisenbahn durch die Torte.
Tortenkunst durch Übung und Fehlern gelernt
„Zu einer Tortenkonstruktion gehört eine Menge Bautechnik, also innere Struktur, Architektur, fast wie bei Gebäuden“, erklärt Milord. Es reiche nicht aus, Kuchenteig in eine Form zu gießen und zu backen. Ein sprichwörtlicher Hundekuchen soll ja auf einer Feier drei Stunden lang stehen, ohne dass die Schnauze abfällt oder das Fell schmilzt.
Gelernt hat Milord diese Tortenkunst durch Übung – und aus Fehlern. „Der Mut, Projekte anzunehmen, ohne zu wissen, wie man sie bewältigt, ist die halbe Miete“, sagt sie. Beim Problemlösen mit Biskuit und Buttercreme steht sie nicht allein. 15 Jahre nach Firmengründung beschäftigt die Unternehmerin knapp 20 Menschen in Backstube, Ladenverkauf und Auslieferung.
Barbra Streisand, Jay-Z und Heidi Klum sind Kunden
Cupcakes zum Preis einer Tasse Kaffee oder Kuchen für eine Großveranstaltung, der Zehntausende Dollar kostet: Die Bandbreite spiegele die Kreativität der Kuchen wider, sagt Milord. Diese Kreativität zieht scharenweise Promis an, darunter Rihanna, Mariah Carey, Barbra Streisand, Jay-Z und Heidi Klum. Sie beliefere aber nicht nur Millionäre, betont Milord. Viele ihrer Kunden kämen aus der Mittelklasse. Manche freuen sich so sehr auf erstaunte Gäste und tolle Fotos, dass sie zwei Jahre für eine spektakuläre Torte in Form einer Salatschüssel oder einer Luxusuhr sparen.
„Ich stand schon immer auf Kunst und Backen“, sagt Milord. Um Grafikdesign und Kunstgeschichte zu studieren, zog sie mit 19 Jahren nach New York. Schon als Schülerin hatte es sie aus Kaarst weggezogen. Mit Freundinnen traf sie sich am liebsten in Düsseldorf oder Mönchengladbach. Doch erst in New York fühlt sie sich so richtig zu Hause. „Menschen, die so aussehen wie ich, sind hier nicht ‚anders‘“, sagt die Tochter einer Deutschen und eines Ghanaers. In Kaarst habe sie zu einem speziellen Laden in Düsseldorf fahren müssen, um Shampoo für krauses Haar zu finden. In New York gebe es in jeder Drogerie Produkte für alle erdenklichen Haar- und Hauttypen. „Da fühlt man sich viel mehr als Teil der Gesellschaft, als wenn einen täglich jemand fragt, ob er mal deine Haare anfassen darf, woher du kommst, oder sagt: Mensch, du sprichst aber gut Deutsch.“
New Yorker sind schwer zu beeindrucken
Um sich eine Existenz aufzubauen, sei New York ein hartes Pflaster, sagt die 45-Jährige. Erst recht für Tortenkunst: New Yorker seien schwer zu beeindrucken. Sie würden selbst angesichts einer rauchenden Ratte in der U-Bahn nicht mit der Wimper zucken, sagt Milord. Gleichzeitig seien New Yorker aber offen für Dinge, die anderswo als überkandidelt gälten. So sprachen sich die Torten herum, die sie zunächst für Freunde kreierte.
„If I can make it there, I’ll make it anywhere”: Die Zeile aus Sinatras New-York-Song sieht Milord skeptisch: „Ich weiß nicht, ob das in Deutschland so gut funktionieren würde wie in New York.“ Als sie noch in Kaarst wohnte, habe es zum Geburtstag Marmorkuchen gegeben, vielleicht verziert mit ein paar Gummibärchen und Kerzen. Dass Deutsche 1300 Euro für eine Geburtstagstorte berappen, kann Milord sich nicht vorstellen.
Eine Sache vermisst Miriam aus Deutschland
Einmal im Jahr besucht sie Familie und Freunde in Hamburg und Düsseldorf. Auch umgekehrt kommt Besuch. Einer ihrer Neffen bekam eine Geburtstagstorte nach Maß: Er hatte sich einen Igel gewünscht. Die gibt es in Nordamerika nicht. Sonst fließt wenig Heimatliches in Milords Torten ein. Sie serviert weder Riemchenkuchen noch andere Spezialitäten der Rheinischen Küche.
Eins hat sie aber doch aus Kaarst in die Backstube in Brooklyn mitgebracht: den Zuckeranteil im Gebäck. „Ich mag es nicht so supersüß“, sagt Milord. „Mir schmeckt es butterig-cremig besser als zuckrig-wässrig.“ Was sie aus Deutschland vermisst, schmeckt indes überhaupt nicht süß: Döner. „Auch eigentlich kein traditionelles deutsches Essen“, sagt Milord und lacht. „Wobei: irgendwie schon.“