Eine Schauspielerin, die sich und ihrem Liederabend im Alten Rock Café den Zusatz „Alte weiße Frau“ schenkt, verspricht Ironie, Standup, Tabubrüche. Natalie Hünig darf das. Und sie hält ihr Versprechen. In einer Mischung aus persönlicher, politischer und witziger Rückschau auf ihr eigenes Leben und die letzten 40 Jahre feministischer Erfolge präsentiert sie im Alten Rock-Café in Kriegshaber ein überraschendes, unterhaltsames, politisches Manifest. Der Abend wurde von ihr selbst, Max Sauer und Tamara Steber konzipiert und war nach genau vier Jahren Betrieb die letzte Premiere in dieser Studiospielstätte des Augsburger Staatstheaters.
Ein angemessener Showdown. Laut, frech, rotzig – politische Flashbacks, die die Erfolge feministischer Theorie, Politik und Kultur in Erinnerung rufen und feiern. In wechselnden Kostümen und stimmgewaltig performt Hünig mal mit, mal ohne E-Gitarre auf der kleinen Bühne die großen Bandleaderinnen und Sängerinnen des letzten Jahrhunderts: Aretha Franklin, Annie Lennox, Melissa Etheridge. Mit großartiger Stimme und Präsenz röhrt sie die großen Hits der 80er und 90er Jahre – laut Hünig „die Jahre meiner musikalischen und feministischen Sozialisation.“
Erst zum Mond, dann zum weiblichen Geschlecht
Schamfreiheit ist angesagt. In den Text-Intermezzi geht es um die Klitoris und warum, wer diese kennt, die Welt verändern, Macht, Hierarchien und Patriarchat in Frage stellen kann. Natürlich wird vor allem über Körper gesprochen oder besser: über die Art und Weise, wie die Kulturgeschichte Körper ordnet. Während der Penis schon in der Antike Bildhauer und Wissenschaftler beschäftigte, gilt die Klitoris in der bildlichen Darstellung meist als Pfui, wenigstens aber als Tabuzone. „Oder wie kommt es, dass die Klitoris zum ersten Mal 1998 beschrieben wurde, lange, nachdem wir auf den Mond geflogen sind?“ Ein paar Erfolge kann er also vorweisen, der Feminismus. Allerdings, so Hünig, redet das weibliche Geschlecht noch immer eher über Fett und Falten statt über Macht und Politik. Und leider führen junge Frauen mit langen Fingernägeln den Feminismus heute nicht mehr als gemeinsame Sache, sondern viel zu oft als individuellen Schönheitsimperativ.
Und so ist es bis heute Standard, dass Frauenkörper in der Öffentlichkeit wie selbstverständlich kommentiert werden können. Nach einer Theater-Vorstellung, bei der ein Portrait von Hünig auf eine Leinwand gebeamt worden war, lobte ein Zuschauer – und das scheint real passiert zu sein: Sie sei aber mutig, dass sie sich in dem Alter noch von so nah filmen lasse. Einer Kollegin musste den von der Kostümbildnerin vorgeschriebenen Pushup-BH tragen, ihr Busen sei einfach zu klein für eine Komödie.
Eine ungewöhnliche persönliche Geschichte
Dramaturgischer Höhepunkt und eigentlich logischer Tabubruch, zumal auf einer Bühne, die keine zwei Meter von den Zuschauerreihen entfernt ist: Hünig strippt. Also nicht ganz, aber bis auf die Unterwäsche. Zieht einfach alles aus, während aus dem Off eine Stimme ihre persönliche Geschichte in Neun-Jahres-Schritten erzählt. Vom alleinerziehenden Vater, Fußballtraining in Duisburg, von der jüdischen Großmutter bei Partisanen in polnischen Wäldern und vom Umzug zur Stiefmutter ins Allgäu, wo die sich wunderte, dass das Mädchen mit neun Jahren noch keine Puppe besaß. Diese Stiefmutter war Ärztin mit eigener Praxis, immer unterwegs, prägend für Heranwachsende. Eine starke Lebensgeschichte wie für diesen Abend gemacht, mit kritischem Blick auf Sehnsucht, Selbstsucht und Bewunderung für „alte weiße Frauen“.
Ganz zum Schluss covern Hünig und ihre musikalischen Mitstreiter noch ein Lied der Sängerin Noa, ein kleines Manifest für eine Israelin, die für ihre ausgleichende Haltung im aufgewühlten Nahostkonflikt von vielen Seiten bedroht wird.
„Alte weiße Frau“ – schon der Titel hängt im Raum wie ein augenzwinkernder Zwischenruf. Die Vorstellung war ein kalkulierter, fröhlich herausgebrüllter Affront gegen eine Welt, die auf Frauen und weibliches Altern wie auf eine Art Betriebsstörung schaut. Natalie Hünig und ihre musikalischen Sidekicks Stefan Leibold (Piano), Tilman Herpichböhm (Schlagzeug) und Philipp Heuermann (Bass) brachten das Alte Rock Café noch einmal gehörig zum Beben. Seitens des Staatstheaters ist geplant, dass der Liederabend auch ohne Rock Café zurück in den Spielplan findet, im Frühjahr 2026. Der Spielort steht allerdings momentan noch nicht fest.
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Stefanie Schoene
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