Weltweit werden Medikamente und Präventionsmaßnahmen für Menschen mit HIV gekürzt, Präventions- und Beratungsangebote geraten zunehmend unter finanziellen Druck. Millionen Betroffene könnten deshalb ihre Therapie verlieren – das wäre für sie lebensgefährlich. Gleichzeitig steigt die Zahl der HIV-Diagnosen: Laut einer Auswertung des Robert-Koch-Instituts kam es 2024 bundesweit zu rund 2300 HIV-Neuinfektionen, etwa 200 mehr als im Vorjahr. Und Betroffene erleben nach wie vor gesellschaftliche Ausgrenzung und Diskriminierung. Auch Menschen in Stuttgart sind betroffen.
Zum Welt-Aids-Tag am 1. Dezember und ihrem 40-jährigen Bestehen setzte die Aids-Hilfe Stuttgart e.V. am Montagabend mit einer besonderen Aktion in der Stuttgarter Innenstadt ein symbolisches Zeichen und rief zu Solidarität und Unterstützung von Betroffenen auf.
Spektakuläre Aktion in Stuttgart zum Welt-Aids-Tag
Der Star des Abend: die gigantische, acht Meter große Lichtpuppe „Vektor“ der Stuttgarter Künstlergruppe Dundu. Der „Giant of Light“ sorgte für eine spektakuläre Show am Schlossplatz.
Die Kunstfigur ist nur im Zusammenspiel vieler Menschen beweglich. Nicht von ungefähr kommt auch der Name „Dundu“ („Du und Du“). Eine Symbolik, die zu diesem Anlass nicht besser hätte passen können. Die Botschaft, die Dundu am Montagabend in der Innenstadt vermittelte: Nur durch menschlichen Zusammenhalt, gegenseitige Unterstützung und gelebte Solidarität wird die Thematik sichtbar, nur so kann die Entstigmatisierung von an HIV Erkrankten und deren Unterstützung gelingen.
Gegen 18 Uhr startete die feierliche Aktion: Die strahlende Dundu-Figur Vektor bog – ausgestattet mit einer rot leuchtenden Solidaritätsschleife, dem internationalen Symbol für Solidarität mit Menschen, die mit HIV leben – von der Kronprinzstraße in die Königstraße ein und eröffnete den eindrucksvollen Zug.
Vorstandsmitglieder und der Geschäftsführer der Aids-Hilfe, Bernd Skobowsky am Startpunkt in der Kronprinzstraße. Foto: Scheffel/StZN
Die Vorstandsmitglieder der Aids Hilfe Stuttgart e.V. begrüßten die Anwesenden. „Zum heutigen Welt-Aids-Tag möchten wir allen Betroffenen unsere Solidarität ausdrücken“, sagte die Stuttgarter Aktivistin und Politikerin Laura Halding-Hoppenheit, die auch im Vorstand der Aids-Hilfe ist. „Wir lassen die Menschen nicht allein, wir reduzieren sie nicht auf das Virus. Deshalb gehen wir jedes Jahr auf die Straße.“
Die Gruppe aus Vertretenden der Aids-Hilfe und Mitglieder der Community wanderte daraufhin über den Weihnachtsmarkt in Richtung Jubiläumssäule – gefolgt von zahlreichen neugierigen Blicken der Weihnachtsmarktbesucher. Teilnehmende des Zuges trugen Schilder mit Slogans wie „HIV ist nicht von gestern“, „Sexuelle Gesundheit für alle“ und „Mach den Test!“, um Passanten auf den Hintergrund der Aktion aufmerksam zu machen.
Star-Tenor Nils Wanderer singt auf dem Stuttgarter Schlossplatz
Am Riesenrad im Ehrenhof des Neuen Schlosses brachte Vektor schließlich eine zweite Aids-Schleife zum Leuchten, die dann am höchsten Punkt des Rads über der Stuttgarter Innenstadt zum Stehen kam – und damit ein über die gesamte Innenstadt sichtbares Signal zum Welt-Aids-Tag setzte.
Countertenor Nils Wanderer sang am Riesenrad im Ehrenhof des Neuen Schlosses. Foto: Scheffel/StZN
Vor dem Riesenrad im Ehrenhof des Neuen Schlosses erwartete das Publikum schließlich ein weiteres Highlight: Der international gefeierte Countertenor Nils Wanderer, der demnächst in der Metropolitan Opera in New York auftritt, gab sein Stück „St. Petersburg“ zum Besten. Die Performance wurde auf dem gesamten Schlossplatz übertragen – ein denkwürdiger Moment, dem zahlreiche Weihnachtsmarktbesucher auf dem Schlossplatz beiwohnten. Viele schlossen sich der Gruppe an und begleiteten das Spektakel bis zum Schlossgarten.
An der Gedenkstätte neben der Oper wurden Kerzen für die an HIV verstorbenen Menschen angezündet. Foto: Scheffel/StZN
Dort wandelte sich die Zeremonie in einen Trauerzug, der zur Gedenkstätte „Namen und Steine“ vor der Oper führte. Vertretende der Aids-Hilfe zündeten Kerzen für die im letzten Jahr an HIV verstorbenen Menschen in Stuttgart an. Zum Abschluss folgte eine Gedenkminute an alle Menschen, die an den Folgen der Erkrankung gestorben sind.
Aids-Hilfe Stuttgart feiert 40-jähriges Jubiläum
Das Jahr 2025 ist für die Stuttgarter Organisation ein besonderes Jahr. Seit 40 Jahren unterstützt die AIDS-Hilfe Stuttgart Menschen mit HIV und setzt sich für Aufklärung, Beratung, sexuelle Gesundheit, Solidarität und Unterstützung Betroffener ein.
Seit letztem Jahr seien die Vorbereitungen für das Jubiläum und diesen besonderen Tag bereits gelaufen – in enger Zusammenarbeit mit der Stadt Stuttgart, der Veranstaltungsgesellschaft in.Stuttgart sowie dem Land, erzählt Bernd Skobowsky aus der Geschäftsführung der Aids-Hilfe Stuttgart. „Nirgendwo findet der Welt-Aids-Tag eine solche Sichtbarkeit. In einer Zeit, in der Menschen mit HIV noch immer Ausgrenzung erfahren, ist dieses Zeichen von außerordentlicher Bedeutung.“
Skobowsky blickt mit einem lachenden und einem weinenden Auge auf das Jubiläum – denn auch, wenn bereits viel erreicht wurde, mit Blick auf die steigende Zahl an HIV-Diagnosen sorgt er sich um die Zukunft. „Wir müssen uns leider die Frage stellen: Kehrt Aids zurück?“.
Generationsübergreifend habe die Aufklärung in der strukturellen Prävention bei queeren Männern in den letzten Jahrzehnten funktioniert, nun breite sich HIV aber vor allem auch unter heterosexuellen Menschen aus. Die Zahlen der Infizierten sowie derer, die nichts von ihrer Infektion wissen, steigen. „Es ist erschreckend, wie wenig Wissen über die Krankheit zum Teil vorhanden ist“, sagt Skobowsky. Vor allem bei jungen Menschen sei das ein Problem.
Zahl der HIV-Diagnosen steigt – Aufklärungsarbeit wichtiger denn je
„Seit wir das erkannt haben, sind wir dabei, die Aufklärungsarbeit auszubauen“, so das Mitglied der Aids-Hilfe-Geschäftsführung. Man sei auf Stadtteilfesten, Festivals und Uni-Partys in Stuttgart präsent. Doch durch Kürzungen im Haushalt gerieten Aufklärungs- und Präventionsarbeit unter Druck. Gleichzeitig treten in Stuttgart wiederholt Wartezeiten und Versorgungslücken auf. Hier bestehe deutlicher Ausbaubedarf. Auch die HIV-Erkrankung im Alter sowie andere sexuell übertragbare Krankheiten und die Beratungsarbeit für Migranten werde zunehmend zum Thema. „Dieser Domino-Effekt muss gestoppt werden“, so Skobowsky.
Mit Events wie dem traditionellen Weihnachtsball und der Aktion am Schlossplatz versuche man die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit für dieses wichtige Thema zu gewinnen und der Stigmatisierung von HIV entgegenzuwirken.
Bereits am vergangenen Samstag fand der Weihnachtsball in der Alten Reithalle statt. Oberbürgermeister Frank Nopper, der in diesem Jahr auch Schirmherr der Veranstaltung war, appellierte für Zusammenhalt und Menschlichkeit. Im Rahmen der Kampagne sagt er: „Ich zeige Schleife, weil Menschen mit HIV Fairness, Respekt und Unterstützung verdienen.“
Prominente Botschafter für Sichtbarkeit und Aufklärung
Neben OB Nopper zeigen zahlreiche prominente Stuttgarter zum Jubiläum der Aids Hilfe Stuttgart und dem Welt-Aids-Tag Flagge. Neben Aktivistin und Politikerin Laura Halding-Hoppenheit, setzen auch Choreograf und Tänzer Eric Gauthier, DJ Alegra Cole, Verlegerin Kirsi Fee Wilhelm, Musiker Dieter Thomas Kuhn sowie der Tübinger Ahmed Mnissi, selbst Teil der Community und Aktivist für HIV-Aufklärung, mit ihrer Rolle als Botschafter und Botschafterinnen und Zeichen für Sichtbarkeit, Aufklärung und Unterstützung.